Sparpläne, Stellenstreichungen, Verkäufe

Die Chronologie der Print-Krise

Der Medienwandel macht den Verlagen zu schaffen - immer weniger Menschen lesen regelmäßig Printtitel
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Der Medienwandel macht den Verlagen zu schaffen - immer weniger Menschen lesen regelmäßig Printtitel
Die Hiobsbotschaften mehren sich: Das "Darmstädter Echo", streicht mehr als jede zweite Stelle, einstige Vorzeigeverlage wie Gruner + Jahr oder die "Frankurter Allgemeine Zeitung" haben massive Sparprogramme angekündigt und setzen hunderte Mitarbeiter auf die Straße. Die Münchner "Abendzeitung" und die "Frankfurter Rundschau" konnten nur durch Insolvenzverfahren und drastische Einschnitte gerettet werden, Axel Springer trennt sich von großen Teilen seines Printgeschäfts. HORIZONT zeichnet die Chronologie der sich verschärfenden Printkrise nach.

2008: Die Vorboten

Bereits lange vor den jüngsten Sparrunden bei Gruner + Jahr und der "FAZ" sorgte die Funke Mediengruppe, die damal noch als WAZ-Gruppe firmierte, in der Branche für Aufsehen. Bereits Ende 2008 kündigte der Essener Verlag ein umfassendes Sparprogramm an, dem fast ein Drittel der damals noch rund 900 Redakteursstellen zum Opfer fielen. Seitdem beliefert ein zentraler Newsdesk am Stammsitz in Essen das Flaggschiff, die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", die "Neue Rhein/Ruhrzeitung" und die "Westfälische Rundschau". Auch in der regionalen Berichterstattung kooperieren die Zeitungen der Funke Mediengruppe mittlerweile großflächig untereinander sowie mit regionalen und lokalen Konkurrenten.

Damals noch als "WAZ-Axt" verspottet, war die Strategie der Essener Mediengruppe im Rückblick für die Branche wegweisend. Mittlerweile hat das Essener Modell Schule gemacht - mit allen negativen Folgen für die Beschäftigungssituation von Print-Journalisten und die Vielfalt der Zeitungslandschaft. 2013 schlug die "WAZ-Axt" erneut erbarmungslos zu und setzte die gesamte Redaktion der "Westfälischen Rundschau" auf die Straße. Die Inhalte der Dortmunder Zeitung werden seitdem vom Content-Desk der "WAZ", der "Westfalenpost" und anderen, zum Teil konkurrierenden Tageszeitungen übernommen.

2012: Die ersten Opfer

Einen ersten Höhepunkt erreichte die Zeitungskrise Ende 2012: Am 13. November 2012 stellte der Verlag der "Frankfurter Rundschau" beim Amtsgericht Frankfurt am Main einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.  Zuvor hatten die damaligen Eigner, die SPD-Medienholding DDVG und der Kölner Zeitungsverlag M. DuMont Schauberg das defizitäre Blatt jahrelang mit Millionenbeträgen subventioniert.

Ende Februar 2013 übernahm die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" den linksliberalen Ortsrivalen mehrheitlich - und führt die Zeitung seitdem mit einer stark geschrumpften, 28-köpfigen Redaktion weiter. Um die Verlagsaufgaben kümmern sich seitdem die neuen Eigentümer "FAZ" und Rhein Main Media, den Druck übernimmt die Frankfurter Societäts-Druckerei, die Mantelseiten werden durch die DuMont-Redaktionsgemeinschaft in Berlin zugeliefert. Dank der stark gesunkenen Kosten schreibt die "Frankfurter Rundschau" mittlerweile wieder schwarze Zahlen.

Mit einem ähnlichen Modell konnte die Münchner "Abendzeitung" gerettet werden. Anfang Juli dieses Jahres übernahm die Mediengruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung und der Münchner Rechtsanwalt und Unternehmer Dietrich von Boetticher die "Abendzeitung" aus der Insolvenz. Mittlerweile schreibt das Boulevardblatt im operativen Geschäft wieder schwarze Zahlen - vor allem durch die massiv gesunkenen (Personal-)Kosten: Von ursprünglich etwa 100 Mitarbeitern wurden nur rund 30 übernommen. Auch die "Abendzeitung" wurde eng mit ihren neuen Schwesterblättern verzahnt: So hat die "AZ" Zugriff auf Inhalte und das Korrespondentennetz des Mutterhauses, während die Feuilletonredaktion der "Abendzeitung" auch die Regionalblätter "Straubinger Tagblatt" und "Landshuter Zeitung" beliefert. 

Ebenfalls Ende 2012 beerdigte Gruner + Jahr die zwölf Jahre zuvor mit großen Hoffnungen gestartete "Financial Times Deutschland". Die Wirtschaftszeitung ist allerdings ein Sonderfall: Seit ihrer Gründung schrieb die "FTD" Verluste. 300 Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz.

Bildergalerie zur Krise der Verlage: Hier fielen Arbeitsplätze dem Rotstift zum Opfer


2013: Der Weckruf

Im Sommer 2013 ging ein Ruck durch die deutsche Verlagslandschaft: Axel Springer kündigte den Verkauf seiner Regionalzeitungen "Hamburger Abendblatt" und "Berliner Morgenpost" sowie seiner Programm- und Frauenzeitschriften an die Funke Mediengruppe an - und damit von wesentlichen Teilen seines angestammten Printgeschäfts. Die weitreichende Entscheidung von Konzernchef Mathias Döpfner hatte Symbolcharakter, zumal sich Springer von im Kern gesunden und profitablen Titeln trennte - eine Wachstumsperspektive boten sie dem börsennotierten und nach höherem strebenden Berliner Medienkonzern aber nicht mehr. Man wolle sich künftig noch konsequenter auf seine strategischen Ausrichtung konzentrieren, begründete Axel Springer den Schritt, also in erster Linie auf die Digitalisierung und seine "journalistischen Kernmarken" der "Welt"- und "Bild"-Gruppe. Die Funke Mediengruppe sucht ihrerseits ihr Heil in schierer Größe und hofft auf weitere Synergiepotenziale.

2014: Das Wanken der Riesen

Während die Printkrise zunächst ohnehin seit geraumer Zeit schwächelnde Titel und Verlage traf, geraten mittlerweile auch grundsolide Vorzeigeunternehmen unter Druck. Ende August bestätigte Gruner + Jahr, noch vor wenigen Jahren Europas größter Zeitschriftenverlag, den Abbau von bis zu 400 Arbeitsplätzen. In den kommenden drei Jahren sollen dauerhaft 75 Millionen Euro Sach- und Personalkosten eingespart werden. Mitte September folgte der nächste Einschlag: Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", das stolze Aushängeschild der bürgerlichen Presselandschaft, will sich ebenfalls von rund 200 Mitarbeitern trennen. Bis 2017 sollen die Kosten um jährlich 20 Millionen Euro sinken, nachdem die Zeitung in den vergangenen Jahren in die Verlustzone gerutscht war.

Bereits im September 2013 hatte der Kölner Zeitungsverlag M. DuMont Schauberg den Abbau von 84 Arbeitsplätzen bei seinen Tageszeitungen in der Rhein-Metropole angekündigt, fast jede zehnte der rund 850 Stellen. Dank der Sparanstrengungen schreibt der Verlag mittlerweile wieder schwarze Zahlen - allerdings bei rückläufigen Umsätzen. Und das Sparen geht weiter: Anfang September kündigte DuMont Schauberg den Abbau von zehn Stellen bei der "Hamburger Morgenpost" an - immerhin zehn Prozent aller Arbeitsplätze bei dem Boulevardblatt.

Auf dem Höhepunkt der Krise?

Mittlerweile greifen die Verlage zu immer drastischeren Mitteln, um den wegbrechenden Anzeigenerlösen und Auflagenzahlen zu begegnen: Das "Darmstädter Echo", in ihrem Verbreitungsgebiet immerhin die dominierende Regionalzeitung, kündigte am Montag ein tiefgreifendes Sanierungskonzept an, dem mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze zum Opfer fallen. Von rund 300 Vollzeitstellen bleiben lediglich 140 erhalten. Es steht zu befürchten, dass es nicht die letzte Hiobsbotschaft war. dh

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