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Donata Hopfen, Verimi
Mara Monetti
Porträt Donata Hopfen

Von hohen Werten und Pragmatismus

Donata Hopfen, Verimi
Zwischen den zahlreichen Superlativen, mit denen Donata Hopfen ihren neuen Arbeitgeber Verimi beschreibt (einzigartig! visionär! maßgeschneidert!), sagt die Managerin einen bemerkenswerten Satz. Sie sei in den Tiefen ihrer persönlichen Wert- und Normvorstellungen davon überzeugt, mit dem geplanten „Master-Login“ ein europäisches Gegengewicht zu den digitalen Giganten Google, Amazon, Facebook und Apple zu schaffen. „Ich habe gesehen, wie die amerikanischen und chinesischen Player unsere Märkte dramatisch verändern. Es steht so viel auf dem Spiel – und ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, den GAFAs eine europäische Antwort zu geben.“
von Katrin Ansorge Donnerstag, 14. Dezember 2017

Die Gesellschafter Verimis – Axel Springer, die Deutsche Bank, Daimler, Allianz, die Lufthansa, Telekom und die Bundesdruckerei – haben, genau wie der Rest der digitalen Wirtschaft Europas, guten Grund, Donata Hopfen beim Wort zu nehmen. Ihr Mut, an die große Vision zu glauben, und die Ausdauer, sie Schritt für Schritt in der Praxis umzusetzen, hat ihr zumindest bislang genau jene Dinge ermöglicht, vor denen andere längst kapituliert hätten.

 

 

Donata Hopfen, Verimi
Donata Hopfen, Verimi (© Mara Monetti)
18 Jahre zurück: Ende der 90er Jahre absolviert Hopfen ein Praktikum bei der Bild-Zeitung. Im Ressort Politik und Wirtschaft schafft es die damalige Praktikantin mit einer Meldung über den Wechsel des EU-Kommissars Martin Bangemann zum spanischen Telekom-Konzern Telefónica auf die Seite 1. Ein Novum beim Axel-Springer-Flaggschiff. Schon damals zeigt sich eine von Hopfens wichtigsten Eigenschaften: Sie ergreift eine Chance, wenn sie vor ihr liegt – im Falle der Bangemann-Story war Hopfen die einzige in der Redaktion, die Spanisch spricht –, und macht dann einfach ihren Job. Im weiteren Karriereverlauf könnte man das auch pragmatisch nennen. Ab 2000 holt sich die gebürtige Hamburgerin bei Accenture das nötige Know-how über die Rolle der Medien im virtuellen Raum, nach zwei Jahren forciert sie, zurück bei Springer, digitale Aufbruchstimmung.

 

Die Verbreitung und Bedeutung mobiler Endgeräte steigt? Hopfen übernimmt die Verantwortung für Bild Mobil. Die Zeitungsauflagen und die Anzeigenerlöse erodieren bei gleichzeitiger Abwesenheit eines funktionierenden Geschäftsmodells fürs Digitale? Hopfen übernimmt den Print- und den Digitalbereich einer der mächtigsten Medienmarken Europas. Ein Mammutprojekt, an dem sie gemessen werden wird. Nach dem Aufstieg zur Verlagsgeschäftsführerin verbringt sie trotzdem erst einmal Tage am Kiosk, in der Druckerei und in den Redaktionen. Weil sie den Einfluss der gedruckten Nachrichten nicht nur in Bilanzen lesen will, sondern spüren, wie es ist, wenn eine Schlagzeile auf die Titelseite gedruckt ist und nicht als Headline auf Bild.de schnell wieder verschwindet.

 

Sie möge es, „unbeschrittene Wege zu gehen“, sagt die Horizont Medienfrau des Jahres 2015. Dass die auch steinig sein dürfen, zeigt Bild Plus. Das Bezahlmodell für Bild.de, eine der reichweitenstärksten Websites in Deutschland, gilt als Wegweiser für die europäische Zeitungsbranche. Die Hoffnung, dem couragierten Vorgehen der Berliner würden auch andere zaghaftere Verlage folgen, erfüllt sich zwar nur schleppend, aber heute, vier Jahre nach der Einführung, zahlen 365000 Abonnenten. Das Mammutprojekt hat messbaren Erfolg.

 

Neues und Unbekanntes entdeckt Hopfen auch anschließend: Sie wird Mutter. Anfang 2016 bringt sie Zwillinge zur Welt – und plötzlich ist alles anders. Aber gerade jetzt greift eine andere Eigenschaft Hopfens: Organisiert wird alles, was sich organisieren lässt, vor allem, um größtmögliche Freiheiten für die Familie und den Beruf zu behalten. Heute sagt sie, die Kombinierbarkeit von beidem sei gut möglich, aber gesellschaftlich längst nicht etabliert. „Ich fühle mich nicht mehr als Exot, nur weil ich mit zwei kleinen Kindern zu Hause wieder Vollzeit arbeite. Aber der gesellschaftliche Wandel ist längst nicht so weit vorangeschritten, wie ich es vielleicht geglaubt hätte.“

 

Donata Hopfen, Verimi
Donata Hopfen, Verimi (© Mara Monetti)
Erst recht keine Selbstverständlichkeit ist es, in dieser Zeit freiwillig den Arbeitgeber zu wechseln. Hopfen verlässt Springer im Spätsommer dieses Jahres nach knapp 14 Jahren. Trotz der Freude über die neue Herausforderung eine Zäsur: Kein anderes Unternehmen hat Hopfens berufliches Leben mehr geprägt als Axel Springer, keine Marke sie länger begleitet als die rote Bild, deren Nutzerzahlen noch heute wie auf Knopfdruck aus der Managerin heraussprudeln. Die Wertschätzung, mit der die Vorstandsebene, aber auch die Kollegen aus den verschiedenen Teams von ihr Abschied nehmen, rührt Hopfen, „unglaublich positiv“ sei das gewesen.

 

Umso besser, dass die Verbindung bleibt: Axel Springer ist eines der Gründungsmitglieder der Datenallianz, die Hopfen gerade aufbaut. Verimi – ein aus den Begriffen „Verify“ und „Me“ gebautes Kunstwort – ist eine der ersten Datenallianzen dieses Jahres und sicherlich die prominenteste: Branchengrößen wie Daimler, Allianz und Deutsche Bank, die Telekom, Lufthansa und Springer arbeiten an einer gemeinsamen Tech-Plattform und einem autarken Nutzer-Login, das eine Vielzahl von digitalen Möglichkeiten erschließen und Verbrauchern die volle Kontrolle über ihre Daten geben soll.

 

Für Hopfen bedeutet der neue Job einen Kulturwechsel. Letzteren, weil sie sich nach vielen Jahren Konzernstruktur in einem Start-up wiederfindet, wenn auch einem großen mit derzeit schon weit über 160 Mitarbeitern, Tendenz steigend. Aber als Hopfen im Oktober startet, muss sie erst einmal ihr Produkt kennenlernen, das sie als CEO vertreten soll, muss am Unternehmenssitz, einem Gebäude der Bundesdruckerei in Berlin-Mitte, zentrale Strukturen schaffen und viele Dinge neu aufsetzen. Springer ist, zweifellos, im Digitalen ein Vorreiter, aber dass agiles und modernes Arbeiten in der Praxis anders funktioniert als im Papier zur Transformation von Geschäftsmodellen, lernt Hopfen erst bei Verimi.

Donata Hopfen, Verimi
Donata Hopfen, Verimi (© Mara Monetti)

 

Ihre Vergangenheit hilft wiederum, wenn Hopfen Kampfgeist braucht. Die Tatsache, dass sich kurze Zeit nach Verimi noch weitere Datenallianzen gebildet haben, unter anderem eine um RTL Deutschland, Pro Sieben Sat 1 Media, United Internet und Zalando, findet Hopfen unnötig, daraus macht sie keinen Hehl: „Unsere wirklichen Wettbewerber sitzen in Asien und in Amerika. Dass es nun wieder einmal mehrere unterschiedliche Lösungen im Markt gibt, ist total überflüssig.“ Heißt: Alle anderen neben Verimi sind überflüssig. „Wir werden uns im Markt durchsetzen.“

 

Auch so ist Donata Hopfen: zielstrebig und tough in der Durchsetzung, selbst wenn sie das Attribut tough nicht sonderlich schätzt: „Frauen in Führungspositionen werden immer wieder als tough beschrieben und das ist dann oft kritisch gemeint. Dies hat aber weniger etwas mit dem Charakter der Frau zu tun als mit der Führungskultur in Deutschland. Bei einem Mann werden solche Attribute häufig ins Positive gewendet.“ Tough ist Hopfen trotzdem – nämlich immer dann, wenn es um ein Herzensprojekt geht. Katrin Ansorge





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