MDR-Programmchefin Wappler-Hagen zu NoBillag

"Es geht wirklich um etwas"

"Einiges an Vielfalt verloren gegangen": Nathalie Wappler-Hagen
ARD
"Einiges an Vielfalt verloren gegangen": Nathalie Wappler-Hagen
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Elf Jahre arbeitete Nathalie Wappler-Hagen für die SRG, bevor sie 2016 als Programmchefin von Zürich zum MDR nach Halle wechselte. Die 50-Jährige kennt also die Rundfunksysteme und Mentalitäten beider Länder. Nach dem deutlichen Votum gegen die Volksinitiative „NoBillag“ sagt sie, eine Grundsatzdebatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wäre auch in Deutschland begrüßenswert. Sie sollte nicht Radikalinskis überlassen werden.

Was unterscheidet die deutsche Debatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk von der über den Service public in der Schweiz? Da es zur Volksabstimmung kam, wurde die Diskussion in der Schweiz viel grundsätzlicher geführt. Es ging um fundamentale Fragen: Wer wollen wir sein? Wo finden Minderheiten ihren publizistischen Raum? Was heißt Solidarität?

Wäre es gut, wenn die Debatte hier ähnlich fundamental geführt würde? In der Schweiz hat jedenfalls jeder gespürt: Es geht wirklich um etwas. Wir haben in den vergangenen Jahren einen sehr hohen Abbau von Journalismus erlebt. Den Schweizern ist bewusst geworden, dass durch Sparmaßnahmen und Medienkonzentration einiges an Vielfalt verloren gegangen ist und dass das nicht zum gesellschaftlichen Klima beigetragen hat. In Deutschland geht es dagegen immer nur darum, was die Verleger wollen, was die KEF sagt oder wer auf welche Sendung verzichten könnte. Das überlagert die viel wichtigere Frage, wo öffentliche Meinungsbildung stattfindet und inwiefern Medien eher ein wirtschaftliches oder eben ein kulturelles Gut sind.




„In Deutschland geht es dagegen immer nur darum, was die Verleger wollen, was die KEF sagt oder wer auf welche Sendung verzichten könnte. Das überlagert die viel wichtigere Frage, wo öffentliche Meinungsbildung stattfindet und inwiefern Medien eher ein wirtschaftliches oder eben ein kulturelles Gut sind.“
Nathalie Wappler-Hagen
Wird diese Art der Debatte auch nach Deutschland schwappen? MDR-Intendantin Karola Wille hat vor zwei Jahren genau diese grundsätzlichen Fragen in ihren Leitgedanken bei ihrem Antritt als ARD-Vorsitzende aufgeworfen und damit die öffentliche Debatte darüber angestoßen.


Aber wird sie wirklich geführt? Wer könnte, abgesehen von der AfD, die Kraft sein, diese Diskussion zu erzwingen? Die Kraft muss von engagierten Menschen ausgehen, die sich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht von irgendwelchen Radikalinskis wegnehmen lassen wollen. Und die sich die Freiheit nehmen, dieses System für wichtig zu erachten – genauso, wie sie sich ein Opernhaus leisten wollen, auch wenn sie persönlich nur einmal im Jahr oder gar nicht in die Oper gehen.

Welche Vorzüge hat das deutsche Rundfunksystem im Vergleich zur Schweiz? Es hat einen anderen Verfassungsrang. Warum ist es tief in der Verfassung verankert? Weil Deutschland aus seiner Geschichte gelernt hat und weiß, wie wichtig Rundfunkfreiheit und Medienvielfalt sind. Das ist eine große Errungenschaft, so sehr ich die Debatte in der Schweiz schätze.

Was läuft in der Schweiz besser als hier? Die Hierarchien sind flacher. Man hört sich mehr zu. Bei der SRG wird ja deshalb so langsam geredet, weil man immer davon ausgehen muss, dass die jeweilige Landessprache für den anderen fremd ist. Eine gute Sache ist außerdem, dass die SRG von einem privaten Verein getragen ist, bei dem jeder Mitglied werden kann. Beide Systeme haben Vorzüge, und beide haben ihre Haken.

Sollten sich die Öffentlich-Rechtlichen hierzulande die nun von der SRG angekündigten Reformpläne zum Vorbild nehmen? Die Reformpläne sind Vorgaben aus der neuen Konzession, kommen also aus dem Bundesrat, der den Auftrag für den Service public präzisiert hat. Es war immer klar: Überlebt die SRG die Abstimmung, folgt ein Sparprogramm. Das in so kurzer Zeit zu realisieren, ist ein gewaltiger Kraftakt. Gut daran ist, dass es mit der Gleichung „Quote gleich Relevanz gleich Akzeptanz“ ein Ende hat. Es bedarf anderer Kriterien, um die Bindung der Nutzer und die damit einhergehende Zahlungsbereitschaft zu messen. Da hat in den Köpfen der Schweizer etwas stattgefunden, was in Deutschland erst noch passieren muss. usi

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