New York Times

"Trump ist auch gut für uns – weil er daran erinnert, unseren Job richtig zu machen"

Marion Dönhoff Preis für die New York Times: Dean Baquet, Frank-Walter Steinmeier, Arthur Ochs Sulzberger Jr.
© Andreas Henn / Die Zeit
Marion Dönhoff Preis für die New York Times: Dean Baquet, Frank-Walter Steinmeier, Arthur Ochs Sulzberger Jr.
Wie kann Nachrichtenjournalismus im digitalen Zeitalter überleben, rentabel leben, leuchten? Auch darum ging es neben allen Festivitäten an diesem ansonsten trüben Adventssonntag in Hamburg. Die Chefs der New York Times waren gekommen, um den Marion Dönhoff Preis zu empfangen. Und um über diese Frage aller Fragen zu sprechen. Ein paar Erfolgsfaktoren lassen sich vielleicht weiterempfehlen – ein ganz bestimmter jedoch besser nicht.

Als „globale Autorität der Aufklärung“, als „Leuchtturm der Vernunft in einem Zeitalter grassierender Unvernunft und Flaggschiff der Pressefreiheit in einer Zeit, in der hunderte Journalisten in der Türkei im Gefängnis sitzen, in der in Russland unabhängige Zeitungen zu ausländischen Agenten erklärt werden und in der selbst in westlichen Demokratien der Wert der freien Presse in Frage gestellt wird – und sei es nur mal nebenbei per Tweet am frühen Morgen“, beschreibt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die New York Times (NYT) in seiner Laudatio am Sonntagvormittag vor 1200 geladenen Gästen im Schauspielhaus.

Die Wochenzeitung Die Zeit, die Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und die Marion Dönhoff Stiftung haben den Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung zum 15. Mal verliehen. Am Abend gab es noch eine Diskussionsveranstaltung.

Die NYT, das „Tagebuch der Welt“ (Steinmeier) und die „beste Zeitung der Welt“ (Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser), schickte sich schon vor Jahren an, den digitalen Wandel zu bewältigen und sinkende Print-Umsätze mit steigenden Digitalerlösen – mehr durch Abos als durch Werbung – aufzufangen. Mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, der die „failing NYT“ zu seinem Lieblingsfeind ertwittert hat, wurde das Traditionsblatt zum kühl enthüllenden und widerlegenden Bollwerk gegen „alternative Fakten“ und Populismus.

Fünf Millionen Dollar hat die NYT seitdem investiert, um im Washingtoner Büro zusätzliche (Investigativ-) Journalisten einzustellen. Dadurch stiegen nicht nur weiter Ruhm und Ehre im Establishment der US-Küstenmetropolen und weltweit, sondern auch die Umsätze durch 600.000 neue Digitalabos. Insgesamt zählt die NYT, die weltweit 1450 Redakteure und Kommentatoren beschäftigt, 3,5 Millionen bezahlte Abos, davon 2,5 Millionen rein digital.

„Ja, Trump ist auch gut für uns. Geschäftlich – aber vor allem, weil er uns daran erinnert, unseren Job richtig zu machen und die Leser, wie wichtig Qualitätsjournalismus ist“, sagt NYT-Chefredakteur Dean Baquet. Dennoch sei Trumps Gepolter auch eine Bedrohung für den Journalismus und die Demokratie, weil es beider Glaubwürdigkeit untergrabe. „Weltweit ist der Journalismus unter Beschuss“, stellt NYT-Herausgeber Arthur O. Sulzberger Jr. fest.

Doch wie konnte es überhaupt zu Trump kommen? Baquet spricht von Fehlern auch der NYT: Dass man die Themen der konservativen Kleinstädter in der Mitte der USA übersehen habe. Um auch hier gehört zu werden, denke man über neue Formate nach, etwa Events. „Wir müssen raus aus unserer New Yorker Blase. Wir müssen uns, unsere Arbeitsweise und Fehler transparent machen.“ Über einen NYT-Fotofehler in eigener Sache witzelt auch Steinmeier.

Der Bundespräsident lobt die NYT indes für ihre Korrekturkultur, für ihren kritischen Blick auch nach innen („Die Selbstkritik, die von Politikern gefordert wird, ist auch von Medien zu erwarten. Dies untergräbt nicht ihre Autorität, sondern ist die Grundlage dafür“) sowie für ihre systematische Trennung von Berichts- und Meinungsformaten. Die NYT sei „manchem deutschen Medienmacher, der gerade in diesen Zeiten zur Volkserziehung neigt“, vielleicht einen Schritt voraus, weil sie auf Populismus nicht mit Selbstüberhebung, sondern mit „Selbstbescheidung auf die eigentliche, die noble Aufgabe der Aufklärung“ reagiere.

Zugleich gebe es aber Limits des Machbaren selbst für die „einflussreichste Zeitung der Welt“ (Jury), bekennt ihr Chefredakteur. „Wir sind nicht die Opposition, sondern wir machen unseren Job – unerschrocken, aber unparteiisch. Wir decken auf, alle Sichtweisen, erklären, fragen hart nach und bleiben an den Themen dran.“ Entscheiden müssten die Menschen dann alleine. Manche könne man selbst mit Fakten nicht erreichen. Dennoch ist Baquet um die Glaubwürdigkeit der NYT und anderer Medien auch bei jenem Personenkreis wenig bange: „Bei dramatischen Ereignissen wie der Schießerei in Las Vegas wollen alle bei uns lesen, was passiert ist.“

Doch was ist dann, wenn Trumps Amtszeit irgendwann endet? Verliert die NYT die Anti-Präsidenten-Abos dann wieder? „Leser, die wegen Trump gekommen sind, sollen bei uns bleiben – das ist mein Job“, sagt Baquet. Anders als andere Medien habe man die Kraft, immer viele Themen gleichzeitig intensiv zu verfolgen, zuletzt etwa die Enthüllungen der sexuellen Übergriffe durch einflussreiche Männer: „Was wäre ein besseres Zeichen für unsere Unabhängigkeit als die Tatsache, dass viele Persönlichkeiten unserer eigenen Medienwelt Gegenstand dieser Ermittlungen sind?“ Es sei gut zu erleben, wie dann auch andere Medien in die Recherchen einsteigen und so „der Öffentlichkeit einen echten Dienst erweisen“.

Schließlich dankt Baquet der Verlegerfamilie Sulzberger für ihr Bekenntnis zum Journalismus, das in der Geschichte der NYT immer wieder einen langen Atem erforderte – den die Privatbesitzer anderer US-Zeitungen irgendwann nicht mehr hatten. „Die NYT ist die größte unabhängige Presse-Organisation der USA, unabhängig von allein renditegetriebenen Investoren, von Werbekunden und vom Silicon Valley“, sagt Baquet.

NTY-Herausgeber Arthur O. Sulzberger Jr., der die Verlegerfamilie in 4. Generation repräsentiert, nennt vor allem drei Erfolgsfaktoren – Entscheidungen, die teils viele Jahrzehnte, die erste gar mehr als ein Jahrhundert, her sind und die in ihren Zeiten gegen den Branchen-Mainstream gefällt wurden: Erstens die zunächst nationale und später globale Expansion der früheren Regionalzeitung. „Indem wir auch über andere Länder berichten, finden wir auch dort Leser und steigern unsere Wirkung“, sagt Sulzberger. Zweitens habe die NYT sehr früh die Weichen ins Web gestellt, Mitte der 90er-Jahre, „da war Mark Zuckerberg noch in der Grundschule“. Im Netz habe man neue Formate entwickelt – dort aber, anders als andere Medien, keinerlei Qualitätsabstriche gemacht. Und dort, drittens, 2011 eine Paywall installiert.

Zwei Drittel der NYT-Umsätze kommen mittlerweile aus dem Vertrieb, vom Leser. Nur so könne man sich gegen den Trend stemmen, der in den vergangenen Jahren USA-weit die Hälfe aller Redakteursstellen gekostet habe. Doch natürlich habe sich auch die NYT immer wieder strukturell verändert. „Wir haben uns öfter reorganisiert als ich heute zählen kann“, sagt Sulzberger, Herausgeber seit 1992. rp




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