Nannen Preis 2018

Spiegel und Zeit siegen mit Texten, der Stern mit Fotos - und der Journalismus mit allem

Gestern Abend wurde der Nannen-Preis vergeben.
© G+J
Gestern Abend wurde der Nannen-Preis vergeben.
Auch die Choreographie einer Preisverleihung kann eine Botschaft vermitteln. Beim Nannen Preis war das am Mittwoch der Fall. Ein Abend ohne Chi-Chi, doch mit Würde – und mit einem Geburtstagsständchen.

Die Königsdisziplin, den Nannen-Preis für die beste Reportage (Egon Erwin Kisch-Preis), gewinnt Spiegel-Reporter Markus Feldenkirchen für sein Wahlkampfportrait über den gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Die Trophäe in der Kategorie Investigation geht an ein Zeit-Team für den Beitrag „Ein Anschlag ist zu erwarten“, die Rekonstruktion des Terrorattentats auf den Berliner Weihnachtsmarkt.

Wie sollten Gruner + Jahr und sein Magazin Stern die Verleihung der Nannen Preise inszenieren in einer Zeit, in der Pressefreiheit als Voraussetzung einer freien Gesellschaft in immer mehr Ländern keine Selbstverständlichkeit ist, wie Verlagschefin Julia Jäkel in ihrer Rede beklagte? In einer Zeit, in der sich viele Ansichten radikalisieren, ganze Gesellschaften polarisieren und Hass manche Diskurse unmöglich macht?

G+J hat sich gegen Pauken und Trompeten entschieden, stattdessen für Klavierbegleitung. Neben diesen mitreißenden Tönen schwebten zwei große Fragen durch den Kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie: Worauf kommt es in diesen Zeiten an? Und wie führen wir Debatten? Auf die Pressefreiheit, auf unabhängige Medien, auf Journalisten, die der Wahrheit verpflichtet sind – diese Antwort auf die erste Frage war immer wieder herauszuhören und zu spüren.

Und wie führen wir Debatten? Die Laudatoren der je Kategorie drei nominierten Arbeiten machten es vor und die Antwort greifbar: Mit einem leidenschaftlichen Wettstreit der Argumente. Aber wichtig ist eben auch, Brücken zu bauen zwischen gegensätzlichen Parteien. Aufklärenden Zugang zu verschaffen zu befremdlichen Denkweisen. Hier mag einem die Begründung für den diesjährigen Sonderpreis der Stern-Chefredaktion einfallen, der an die Washington Post-Journalistin Souad Mekhennet ging, für ihre Berichterstattung zum Terror. Hierfür traf sie auch hochrangige Mitglieder des Islamischen Staates und von Al-Qaida zum Interview.

Es war ein stimmungsvoller Abend ohne Chi-Chi und zünftige Eklats wie früher manchmal, dafür mit viel Journalismus und wichtigen Botschaften, gegen die die Umfeld-Querelen etwa zwischen Vor- und Hauptjury (Warum flog die Cum-Ex-Finanzgeschichte des „Panorama“-Teams von der Liste? Landete eine Story der „Kieler Nachrichten“ nur aus Regionalzeitungs-Proporz auf der Shortlist? Und warum sind so wenige Frauen unter den Siegern – vielleicht, weil so wenige Frauen einreichen?) dann doch eher klein erscheinen. Nahezu einstimmig fiel dagegen das Geburtstagsständchen der rund 500 Gäste für Moderatorin Caren Miosga aus.

Die diesjährigen Preisträger in den übrigen vier Kategorien:
- Dokumentation: Caterina Lobenstein für den Zeit-Beitrag „Warum verdient Frau Noe nicht mehr?“ über niedrige Löhne in der Altenpflege
- Web-Projekt: Ein Team des Schweizer Portals Tagesanzeiger.ch für die Arbeit „In eisigen Tiefen – Expedition in einen Gletscher“
- Reportage-Fotografie: Pablo Ernesto Piovano für den Fotobeitrag „In einem vergifteten Land“ über die Folgen landwirtschaftlichen Chemie-Missbrauchs in Argentinien, veröffentlicht im Stern
- Inszenierte Fotografie: Adam Ferguson für seine im Stern erschienene Arbeit „Dem Jenseits entkommen“

In diesem Jahr haben G+J und sein Stern damit zum 13. Mal journalistische Bestleistungen mit dem Nannen-Preis ausgezeichnet. Stern-Gründer Henri Nannen (1913-1996) hatte 1977 den Kisch-Reportagepreis aus der Taufe gehoben, zunächst fast drei Jahrzehnte verliehen im Rahmen eines Empfangs im G+J-Pressehaus. 2005 schließlich hatte G+J weitere Kategorien hinzugefügt und unter dem Namen „Henri Nannen Preis“ den Veranstaltungsrahmen opulent vergrößert. 2015 fiel die Sause aus – Spar- und Besinnungspause. Ein Jahr später gab es mit verändertem, konzentrierterem Konzept ein paar Nummern kleiner einen dennoch würdigen Neustart.

Nach wie vor will G+J die Unabhängigkeit der Auszeichnung durch ein aufwendiges Sichtungsverfahren und namhafte Jurys gewährleisten, denen Chefredakteure, Journalisten, Autoren und Fotografen nahezu aller großen Verlage in Deutschland angehören. rp/usi




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