Nach Datenskandal

Deutsche News-Websites setzen nach wie vor in großem Stil auf Facebook-Tracker

Cliqz-Geschäftsführer Marc Al-Hames
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Cliqz-Geschäftsführer Marc Al-Hames
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Seit dem Datenskandal um Cambridge Analytica steht Facebook unter verschärfter Beebachtung. Die Krux: Das soziale Netzwerk spielt für die Werbeindustrie eine so bedeutende Rolle, dass sich nur wenige Unternehmen - sowohl Medien als auch Werbungtreibende - von den Facebook-Services lossagen wollen. Das zeigt nun auch eine Analyse des auf besonders strengen Datenschutz ausgelegten Browserbetreibers Cliqz.
Das Gemeinschaftsunternehmen von Burda und Mozilla hat untersucht, wie fünf große deutsche Nachrichtenwebsites Facebook-Tracker einsetzen. Diese können etwa zur Werbeausspielung und zur Analyse der ausgespielten Werbung verwendet werden. Das Ergebnis: Nach Bekanntwerden der massiven Weitergabe von Facebook-Nutzerdaten durch Cambridge Analytica hat keine der untersuchten Nachrichtenseiten Facebook-Tracker abgeschaltet. Dies fördern Daten der gemeinsam von Cliqz und dessen Tochterfirma Ghostery betriebenen Portals whotracks.me zutage.

Bei der Auswahl der fünf untersuchten Medien hat Cliqz die bei der IVW ausgewiesene Zahl der Page Impressions im Monat Februar als Grundlage gewählt - wobei nach Bild- und Text-Angeboten gerankt wurde. In dieser Statistik befindet sich das von Burda betriebene Focus Online auf Platz sechs, noch hinter Faz.net. Im bereinigten Ranking liegt Focus.de allerdings klar vor der FAZ.



Am stärksten setzt demnach n-tv.de auf Facebook: Aktuell tauchen laut whotracks.me auf 97 Prozent der dort geladenen Seiten Tracking-Skripte von Facebook auf. Bei Bild.de waren es 87,2 Prozent, es folgen T-Online (rund 74,7 Prozent), faz.net (34,9 Prozent) und Spiegel Online (3,2 Prozent). Focus Online, das in den IVW-Statistiken regelmäßig zu Deutschlands reichweitenstärksten Nachrichtenmedien gehört, verfolgt seine Nutzer übrigens kaum weniger. Whotracks.me listet derzeit 111 aktive Tracker für die Website auf, wobei bei 69,7 Prozent der Pageloads auch Facebook-Tracker zum Einsatz kommen. Verwunderlich ist das nicht: Als rein werbefinanziertes Angebot ist Focus Online auf die ausgefeilten Tracking-Möglichkeiten von Facebook angewiesen.


Dass Cliqz gerade jetzt mit dieser Untersuchung um die Ecke kommt, verwundert ebenfalls nicht: Der Browser mit integrierter Suchmaschine soll anonymes Surfen ermöglichen, ohne dass der Nutzer auf ein personalisiertes Web-Erlebnis verzichten muss. "Personalisierung ohne persönliche Daten" lautet das Cliqz-Motto.

Internetnutzer, die nach dem Datenskandal um Camdridge Analytica um die Sicherheit ihrer Facebook-Daten fürchten, könnten Cliqz somit als Türsteher nutzen. Zum Massenmedium wurder Browser gleichwohl offensichtlich nicht, wobei konkrete Downloadzahlen nicht veröffentlicht werden. Durch die kommende Datenschutz-Grundverordnung und die drohende E-Privacy-Verordnung wird der Schutz der Nutzer vor Tracking allerdings auch in anderen Sphären des Webs ohnehin weiter verschärft werden. "
Wenn es um das Sammeln von Daten über Internetnutzer geht, sitzen Nachrichtenmedien mit Facebook, Google, Twitter und anderen Konzernen aus dem Silicon Valley in einem Boot", sagt Cliqz-Geschäftsführer Marc Al-Hames. "Die allermeisten haben sich in eine starke Abhängigkeit von den Internetplattformen begeben, sei es als Traffic-Quellen, als Werbeumsatzbringer oder als Partner bei der Analyse. Und so erlauben sie schon seit jeher Dritten, Tracking-Skripte auf ihren Seiten zu installieren und Daten über das Verhalten ihrer Leser und Leserinnen zu sammeln." Die Frage, so Al-Hames, sei daher: "Ändern die Publisher im Lichte der jetzigen öffentlichen Diskussion diese Praxis und lösen ihre engen Bande mit Facebook und Co?"

Momentan deutet nur wenig darauf hin. Denn die Nutzer bestrafen Facebook wohl nicht mit Liebesentzug. Und so lange Facebook Zugang zu Millionen von Nutzern ermöglicht, dürfte die Plattform auch im Reevant Set von Medien und Werbungtreibenden bleiben. ire
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