Mozilla-Managerin Barbara Bermes

"Werbung muss den Nutzer respektieren"

Barbara Bermes ist Produktmanagerin bei Mozilla Firefox und unter anderem für den Mobile-Browser Klar verantwortlich
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Barbara Bermes ist Produktmanagerin bei Mozilla Firefox und unter anderem für den Mobile-Browser Klar verantwortlich
Die Datenschutz-Grundverordnung, E-Privacy, der Facebook-Skandal: Einem Browser wie Mozilla Firefox, der mit seiner "Tracking Protection" im privaten Modus sämtliche Verfolgung des Nutzers (und damit als Art  Kollateralschaden auch die meiste Werbung) blockiert, schaden diese Themen nicht. Im Gegenteil: Im Interview mit HORIZONT erläutert Produktmanagerin Barbara Bermes, wie sie den Flow auch für Mobile nutzen will.

Frau Bermes, es dürfte eine gute Zeit für Mozilla sein. Die ganze Welt spricht über Facebook und den Datenskandal, die Privatsphäre der Nutzer und die Datenschutz-Grundverordnung. Spüren Sie Rückenwind? Ja, ich denke schon, dass Menschen, die sich für diese Themen interessieren, jetzt direkt oder indirekt auf uns aufmerksam werden. Mozilla positioniert sich seit jeher als „The User’s Agent“, also als eine Art Vertreter des Nutzers. Das haben wir zuletzt mit unserem Facebook Container gezeigt, einer Firefox-Erweiterung, die verhindert, dass Facebook die Nutzer durchs gesamte Web verfolgt und ihre Daten sammelt. Deshalb ist die aktuelle Diskussion sicher eine Chance für uns, unseren Fokus auf Privatsphäre im Netz hervorzuheben.



Diesen Fokus setzt Mozilla längst nicht mehr nur im stationären Internet. Seit letztem Sommer gibt es Firefox Klar als mobilen Browser sowohl auf iOS- als auch für Android-Smartphones – mit voreingestelltem Tracking-Schutz, ähnlich wie im privaten Modus im normalen Firefox. Wie verbreitet ist Klar in Deutschland? Wir sind mit den Download-Zahlen im deutschen Markt sehr zufrieden. Die ganz klare Orientierung an der Privatsphäre kommt gut an und der Nutzer merkt, dass er bei uns im Mittelpunkt steht. Die nächste Version von Klar wird – auch aufgrund der kommenden Datenschutz-Grundverordnung – optionales Third-Party-Cookie-Tracking beinhalten. Ich möchte, dass die europäischen Kunden unser Produkt nach jedem Update in die Hand nehmen und sagen, ja, ich weiß, bei Mozilla muss ich mir keine Sorgen um Privacy machen.
„Ich möchte, dass die europäischen Kunden unser Produkt nach jedem Update in die Hand nehmen und sagen, ja, ich weiß, bei Mozilla muss ich mir keine Sorgen um Privacy machen.“
Barbara Bermes
Damit entscheidet Mozilla künftig per Voreinstellung darüber, welche Werbung der Nutzer zu sehen bekommt und welche nicht. Das ist ein ziemlich großer Eingriff in das Ökoystem des mobilen Internets. Tatsächlich beinhaltet Firefox Klar keinen Werbe-, sondern lediglich einen Trackingblocker. Es werden also nur Inhalte blockiert, in die Tracker integriert sind. Der Nutzer entscheidet selbst und kann Voreinstellungen jederzeit ändern. Grundsätzlich verfolgt Mozilla den Anspruch, sich ganz klar an der Privatsphäre der Nutzer zu orientieren. Wir sammeln selbst so gut wie keine Daten und glauben, der Nutzer hat ein Internet verdient, in dem er sich keine Sorgen um Privacy und den Schutz seiner Daten machen muss. Möglich, dass sich manche Akteure darüber ärgern. Wir wünschen uns allerdings, dass sich Unternehmen in Zukunft auch verstärkt fragen, wie sie den Nutzer erreichen können, ohne ihn auf Schritt und Tritt digital zu verfolgen.

Die Managerin
Als Senior Product Manager Mobile verantwortet Barbara Bermes bei Mozilla die Veröffentlichung neuer Firefox-Browser, die über das klassische Nutzererlebnis am Desktop hinausgehen. Beispiele sind Firefox Mobile, Klar und Firefox für Fire TV. Die Deutsche ist Buchautorin und Mitorganisatorin der Toronto Web Performance Meetup Group.
Die Bedenken gehen vor allem in die Richtung, dass sich der Durchschnittsnutzer, wenn er überhaupt in die Voreinstellungen Ihres Browsers klickt, kaum aktiv für Third-Party-Tracking entscheiden wird, weil er gar nicht weiß, was dahinter steckt. Dabei ist Tracking ja nicht per se böse, sondern kann auch für bessere Werbung sorgen, die nicht nervt. 
Natürlich kann Werbung auch gut und treffend sein! Für uns steht letztlich immer der User im Vordergrund. Wir setzen uns für ein gesundes, nutzerfreundliches Internet ein und betonen, wie wichtig das ist. Und wir wollen einfach für die beste Erfahrung sorgen, die der Nutzer im stationären und mobilen Internet haben kann.


 Wenn der ursprüngliche Deal, nach dem Publisher einen Großteil ihrer Inhalte kostenlos zur Verfügung stellen und im Gegenzug dafür Werbung zeigen, nicht mehr gilt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer häufiger vor Bezahlschranken stehen. Auf diese Erfahrung würden schon jetzt die meisten lieber verzichten. Ich verstehe diesen Punkt und bin selbst immer wieder hin- und hergerissen, was der beste Weg ist. Ganz klar aber ist: Werbung muss den Nutzer respektieren. Es wurde vieles übertrieben in den zurückliegenden Jahren. Nicht alles, was möglich ist, ist schließlich auch sinnvoll. Und es gibt selbst im Jahr 2018 noch andere Möglichkeiten, den Nutzer mit Werbung zu erreichen.
„Wir wollen einfach für die beste Erfahrung sorgen, die der Nutzer im stationären und mobilen Internet haben kann.“
Barbara Bermes
Sie sind Deutsche und arbeiten seit rund zweieinhalb Jahren bei Mozilla, aktuell als Produktmanagerin für Firefox Mobile und Klar von Toronto aus. Wie gut können Sie Ihren europäischen Blickwinkel einbringen? Es hilft, über meinen Posten Zugang zu den richtigen Ansprechpartnern zu haben, die Dinge verändern können. Gerade in der Produktentwicklung ist es extrem hilfreich, andere Meinungen und andere kulturelle Hintergründe einfließen zu lassen und sich nicht nur auf die Erfahrungen aus dem Silicon Valley zu verlassen. Vor allem, wenn es um Datenschutz geht, ist es extrem spannend und wichtig, Erfahrungen aus Europa in andere Märkte zu tragen.

Interview: Katrin Ansorge

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