Special

Sky Deutschland stellt seine erste eigene Serie vor
Beta Film
"Made in Germany"

Warum deutsche Serien einen Boom erleben

Sky Deutschland stellt seine erste eigene Serie vor
Die Fernsehsender haben erkannt, dass hochwertige deutsche Serien das Image fördern. Daher investieren sie mehr denn je in Eigenproduktionen. Serien wie "Babylon Berlin", "Weissensee" oder "You are wanted" stehen für eine neue deutsche Welle an hochwertigen deutschen Produktionen. 
von HORIZONT Online Dienstag, 19. Juni 2018

"Babylon Berlin" – eine Serie, viele Auszeichnungen. Vier deutsche Fernsehpreise und der Grimme-Preis schimmern in den Regalen der Macher, Hauptdarsteller Volker Bruch krallte sich die Goldene Kamera. Die Feuilletonisten überboten sich mit Lobeshymnen zum 20er-Jahre-Porträt, das im Oktober vergangenen Jahres auf Sky ausgestrahlt wurde und im Herbst in der ARD anläuft: "Megaproduktion", "Fernsehkunst" und "Serie der Superlative" beschrieben die Kritiker die Produktion. Die Serie steht beispielhaft für eine "neue deutsche Welle" an hochwertigen, erfolgreichen Produktionen, die zuletzt lanciert wurden. Kann in Anbetracht von Ausnahmereihen wie "Weissensee", "Babylon Berlin" oder der Amazon-Produktion "You Are Wanted" von einer "Zeitenwende" in der Beschaffungsstrategie von Fernsehsendern gesprochen werden? 



Bis Ende des vergangenen Jahrzehnts bestimmten globale Serienmarken den deutschen TV-Markt – die Sender bedienten sich bedenkenlos im internationalen Format-Süßwarenladen – die Leckereien hießen etwa "Two and a Half Men", "Desperate Housewives" oder "Dr. House". Was im Ausland gut schmeckt, wird auch hier nicht verschmäht, so das Credo der Entscheider. Mit der Zeit wandte sich das Blatt. Inzwischen haben importierte Serien ihren einstigen Status als sichere Bank eingebüßt.

Michael Polle, Head of TV bei X Filme, das "Babylon Berlin" in Koproduktion mit ARD Degeto, Sky und Beta Film produziert hat, urteilt ähnlich: "RTL hatte eine hervorragende Zeit mit Einkaufsware – ‚Dr. House‘ erzielte zum Beispiel am Dienstagabend Marktanteile im mittleren zweistelligen Bereich. Heute laufen dort und auch bei anderen Sendern vermehrt Eigenproduktionen, weil es immer schwerer fällt, hochwertige und erfolgreiche Serien für das Publikum einzukaufen." Derzeit würden häufiger höher budgetierte, komplexere Serienproduktionen realisiert: "Die Sender versprechen sich dadurch einen Imagegewinn und erhöhte Aufmerksamkeit." Volker Herres, Programmdirektor der ARD, bestätigt: "Seit einigen Jahren setzen wir verstärkt auf horizontal erzählte Formate, die dann auch als Event programmiert werden, wie zum Beispiel ‚Das Verschwinden‘ und ‚Weissensee‘ – beides Eigenproduktionen. Diese Entwicklung orientiert sich nicht zuletzt an den geänderten Sehgewohnheiten der Zuschauerinnen und Zuschauer." 


"Wenn Sender in exklusive Inhalte investieren, handelt es sich für den Zuschauer um eine absolute Neuheit", erklärt Polle den einhergehenden Imageeffekt. Zudem werden eigens produzierte Serien stärker mit der Sendermarke verknüpft als eingekaufte Ware, denn der Sender ist am Herstellungsprozess beteiligt und kann gemeinsam mit dem Produktionsteam sicherstellen, dass das Resultat perfekt zum intendierten Anspruch passt. Eigenproduzierte Qualitätsserien zahlen somit auf das "Kompetenzkonto" des Senders sein. 

Investieren möchte in dieser Hinsicht auch Sky. Für den Pay-TV-Veranstalter ist "Babylon Berlin" der Aufbruch in eine neue Zeit; laut Polle habe der Sender, der sich bis dato eher über Sport und Lizenzware definierte, mit dem Format den Einstieg in die Eigenproduktion geschafft. Im öffentlich-rechtlichen Sektor sei der Erfolg von "Weissensee" für die ARD eminent wichtig: "Der Sender avancierte zu einem der Vorreiter im Segment der Mini-Serie." Ein Qualitätssignal, das sowohl Zuschauer als auch Werbekunden registrieren. 

Serien, die eine Geschichte mit lokalem Bezug erzählen, bieten ein hohes Maß an Identifikation. Dementsprechend wichtig war es den Machern von "Babylon Berlin", "in der deutschen Hauptstadt, mit deutschen Schauspielern auf Deutsch zu drehen". Das Involvement des Zuschauers ist höher, die Emotionalisierung verstärkt: "Sind solche Produktionen dann noch ungewöhnlich erzählt und hochqualitativ produziert, bieten sie die perfekte Plattform für die hiesige Werbewirtschaft", sagt Elke Walthelm, Programmchefin bei Sky Deutschland. 

Beispielhaft für die Bedeutung des "Cultural Discounts", der die geringere Akzeptanz ausländischer Angebote beschreibt, kann "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", zurückgehend auf das australische Format "The Restless Years", angeführt werden. Die ersten 231 Folgen der Daily Soap wurden mit geringen Anpassungen nach dem australischen Skript gedreht und konnten keine Zuschauererfolge erzielen. Nach einem Jahr begann das verantwortliche Produktionsunternehmen UFA die Handlungsstränge stärker auf die Interessen des deutschen TV-Marktes zuzuschneiden, was einen deutlichen Reichweitenanstieg zur Folge hatte. 

Seit 2007 flimmert "Dahoam is Dahoam" über den Bildschirm – ein Format, das die Anpassung an kulturelle Befindlichkeiten auf die Spitze treibt. Zum Markenkern zählen graue Steinbierkrüge, kitschige Wandbilder und Kellnerinnen im Dirndl. Bis zu eine Million Zuschauer schalten den BR ein, wenn Vater, Mutter, Bruder, Pastor und Bürgermeister sich im rustikalen "Brunnerwirt" einfinden, um Dorfgeschichten auszutauschen. Über 100.000 Facebook-Fans, mehr als 22.000 Youtube-Abonnenten und fast 11.000 Instagram-Follower machen die Serie auch zum Social-Media-Erfolg. Durch die regionale Ausrichtung eines Formats erhalten insbesondere lokal verwurzelte Unternehmen eine Plattform zur streuverlustarmen Kommunikation. "Dahoam is Dahoam" wird etwa von der Müslimarke Seitenbacher präsentiert. Trachten- und Ledermoden Angermaier aus München war bis Mitte 2017 Lizenznehmer für Merchandising-Produkte.  Trotz der großen Potenziale deutscher Eigenproduktionen schränkt Polle ein: "Die Frage einer Projektentscheidung umfasst viele Faktoren. Es gibt nicht diesen einen Grund, warum man ein Projekt umsetzen möchte oder nicht – schon gar nicht in einem derart dynamischen Markt. Auch deutsche Serien können floppen." Dennoch glaubt er, dass sich in Anbetracht des Qualitätsdrucks der Streaming-Anbieter der Trend zu deutschen Eigenproduktionen fortsetzen werde: "Die Öffentlich-Rechtlichen haben verstanden, dass eine Notwendigkeit besteht, für eine gewisse Qualität auch Geld in die Hand zu nehmen. Sie öffnen sich neuen Kooperationen, die ARD hat bei ‚Babylon Berlin‘ zum ersten Mal mit Sky zusammengearbeitet, das ZDF gab zuletzt eine Serienkooperation mit Netflix bekannt." Auch Walthelm wirft einen Blick in die Zukunft: "Für Sky war 'Babylon Berlin' ein grandioser Auftakt, auf den in den kommenden Monaten mit 'Acht Tage', 'Das Boot' und 'Der Pass' weitere hochqualitative deutsche Sky Original Productions folgen." André Gärisch 

HORIZONT Bewegtbildgipfel 2018
Am 10. und 11. Oktober findet in der Nachtresidenz in Düsseldorf wieder der HORIZONT Bewegtbildgipfel statt. Ein Highlight in diesem Jahr: Die Regielounge, die erstmals in den Bewegtbildgipfel eingebunden wird. Hier geben namhafte Werbefilmer und Regisseure exklusive Einblicke in die Kreation und Produktion von Werbefilmen. Weitere Themen des Bewegtbildgipfels:

  • New TV: Virtual Reality, T-Commerce und neue Videoportale
  • Addressable TV: Wie auch der Mittelstand TV effizient nutzen kann
  • Kreation: Raus aus dem Einerlei -- was macht TV-Kampagnen erfolgreich?
  • Klassisches Fernsehen: Sinkende Reichweiten, hohe Wirkung?
  • Best Cases: Erfolgreiche Kampagnen unter der Lupe
Zu den namhaften Referenten zählen unter anderem Bjoern Hansen (About You), Sabine Kloos (Telefonica Germany), Dieter Lutz (Bahlsen), Matthias Brüll (Wavemaker) und Stefan Kuhlow (Werbe Weischer).

Weitere Informationen finden sie unter www.dfvcg.de/bbg18

stats