Hörfunk

Politik setzt Werbezeitenreduzierung beim WDR aus

WDR-Chef Tom Buhrow
WDR/Herby Sachs
WDR-Chef Tom Buhrow
Überraschung in Nordrhein-Westfalen. Die neue, von CDU und FDP geführte Landesregierung setzt die bereits beschlossene Werbezeitenreduzierung im Hörfunk des WDR für zwei Jahre bis zum 1. Januar 2021 aus. Dies teilte Nathanael Leminski, Staatssekretär und Chef der NRW-Staatskanzlei dem "Kölner Stadtanzeiger" mit.

NRW-Landesregierung korrigiert Entscheidung von Rot-Grün

Die Regierung folgt damit einer Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag, in dem sich CDU und FDP darauf verständigt haben, die Auswirkungen Werbezeitenreduzierung zu bewerten. Als Entscheidungsgrundlage wird ihr dabei ein Gutachten dienen, das untersuchen soll, inwieweit weniger Radiospots beim WDR zu höheren Werbeumsätzen beim Lokalfunk führen.


Die Werbezeitenreduzierung war im Januar 2016 vom damals noch rot-grün dominierten Landtag in NRW beschlossen worden und sah ursprünglich vor, die Werbezeit im WDR-Hörfunk bis 2019 schrittweise von damals 90 Minuten in drei Wellen auf 60 Minuten in nur einem Programm zu reduzieren. Diese Obergrenze hätte der WDR dann jeden Monat einhalten müssen. Die erste Stufe trat bereits Anfang 2017 in Kraft, als die Rundfunkanstalt ihre Werbezeit auf 75 Minuten in zwei Wellen zurückfahren musste. Seither ist WDR 4 werbefrei und Unternehmen können nur noch bei 1Live und WDR 2 Spots schalten. Ob diese erste Stufe der Reduzierung nun zurückgenommen wird, konnte die NRW-Staatskanzlei auf Anfrage von HORIZONT zunächst nicht sagen.

Die Einschränkung der Werbezeit beim WDR war seinerzeit auf einhellige Kritik bei Werbekunden und Agenturen gestoßen. Sie prophezeiten, dass die gesamte Gattung Radio durch diesen Einschnitt leiden würde, weil im bevölkerungsreichsten Bundesland weniger Werbeinventar bereitsteht und es zu Engpässen bei der Aussendung nationaler Kampagnen und zu sinkender Nettoreichweite kommen werde. Zudem befürchteten sie höhere Preise. Die Nachfrager bezweifelten auch, dass der private Lokalfunk in NRW von der Werbezeitenbeschränkung im WDR dauerhaft profitieren wird, weil sein Vermarktungsverbund Radio NRW nicht genügend Werbezeit bereitstellen kann, um das wegfallende Volumen beim WDR zu kompensieren.

Deal zwischen WDR und Verlagen

Dass die Politik die Werbezeitenreduzierung nun aussetzt, führen Beobachter auch auf einen politischen Handel von WDR und Zeitungsverlagen zurück. So hat WDR-Intendant Tom Buhrow vor wenigen Tagen angekündigt, das Online-Angebot seiner Rundfunkanstalt stärker auf audiovisuelle Inhalte zu konzentrieren und den Textumfang zu reduzieren, um Rechtsstreitigkeiten mit den Verlagen wegen der vermuteten Presseähnlichkeit von WDR-Angeboten im Netz aus dem Weg zu gehen. Im Gegenzug kamen ihm die Verlage und die Medienpolitik jetzt in der Frage der Werbezeitenreduzierung entgegen, was die Einnahmesituation des WDR und seiner Werbetochter WDR Media Group verbessern dürfte.

Lob von Agenturen, Kritik aus Privatfunklager

Der Privatfunkerverband VPRT kritisiert die Entscheidung der NRW-Medienpolitik und sieht die „berechtigten Interessen“ der privaten audiovisuellen Medien nicht gewürdigt, so Vorstandschef Hans Demmel. Radiovorstand Klaus Schunk beklagt eine bedenkliche Intransparenz beim Aufschub der Werbereduzierung im WDR-Radio. Dadurch werde „nur wertvolle Zeit für die erforderlichen Korrekturen im dualen Radiosystem vergeudet“.

Ganz anders die Nachfrager: Klaus-Peter Schulz, Sprecher der Organisation der Mediaagenturen (OMG), wertet die Entscheidung der NRW-Medienpolitik als „begrüßenswerten Zwischenschritt“: „Noch besser wäre es allerdings, wenn sie die Reduzierung der Werbung komplett zurücknehmen würde.“ Die Politik habe die Folgen ihrer damaligen Entscheidung zunächst nicht abschätzen wollen, kritisiert Schulz. Von einer Reduzierung der Radiowerbung beim WDR würden nämlich nicht die privaten Sender, sondern vor allem andere Werbeträger wie Out-of-Home oder die US-Internetkonzerne Google oder Facebook profitieren.

Die von der Landesregierung initiierte Studie zu den Folgen der Werbezeitenreduzierung für den privaten Hörfunk findet Schulz gut, weist aber darauf hin, dass mögliche Umsatzprobleme von Radio NRW im regionalen Markt von vielen Faktoren abhängen und nicht zwangsläufig auf die Präsenz des WDR im gleichen Markt zurückzuführen sind. Generell gilt für Schulz: „Der Wegfall von Werbung im WDR-Hörfunk lässt sich nicht über mehr Werbung beim privaten Lokalradio ausgleichen. Wer das versucht, erhält nicht mehr Nettoreichweite, sondern nur mehr Kontakte.“

Update (29. Dezember 2017): Auf Anfrage von HORIZONT Online teilt die nordrhein-westfälische Staatskanzlei mit, dass die erste Stufe der Werbereduzierung im WDR-Hörfunk unverändert fortgilt. Am 1. Januar 2017 war sie in Kraft getreten; seither darf die Rundfunkanstalt nur noch werktäglich 75 Minuten in zwei Hörfunkprogrammen Werbung ausstrahlen. Vorher waren ihr 90 Minuten in drei Wellen gestattet. Der Fortbestand dieser ersten Reduzierung ist auch deshalb nötig, um deren Auswirkungen auf die Werbeeinnahmen von WDR und Lokalfunk zu überprüfen. Das von Staatssekretär Nathanael Leminski angesprochene Gutachten zu dieser Frage hat die Landesregierung aber noch nicht in Auftrag gegeben. "Das soll erst geschehen, wenn zum einen das Gesetz in Kraft getreten ist und zum anderen verlässliche Zahlen zur Auswirkung der ersten Stufe der Werbezeitenreduzierung vorliegen", heißt es aus der Staatskanzlei. Mit Ergebnissen rechnet sie bis spätestens Mitte 2019. Guido Schneider

stats