Historische Einigung mit Folgen

Verlagskoalition und Grosso-Verband schließen neue Vertriebsverträge

Grosso-Chef Frank Nolte
Grosso-Chef Frank Nolte
So schwierig war es noch nie: Nach einem Jahr härtester Verhandlungen haben sich die Verlage und die Presse-Zwischenhändler auf neue Konditionen bis 2023 geeinigt, für Axel Springers Bild und Welt bis 2021. Die Verträge legen fest, welche (nun sinkenden) Margen die Grossisten ab März für ihre Logistikdienste behalten dürfen, meist alle fünf Jahre. Doch diesmal war vieles anders.

Erstens war der Druck auf beiden Seiten gewaltiger denn je, denn wegen rückläufiger Werbeerlöse konzentrieren sich die Verlage stärker auf den Vertrieb – doch auch diese Umsätze sinken, ebenso bei den Grossisten. Ziel der Print-Häuser war daher, größere Anteile der Vertriebserlöse von den Grosso- in die Verlagskassen zu lenken, ohne die Leistung des Systems zu gefährden. Laut Schätzungen betrug die Verhandlungsmasse bis zu 80 Millionen Euro pro Jahr.


Zweitens haben sieben große Häuser, die zusammen über 75 Prozent des deutschen Zeitschriften-Vertriebsmarktes repräsentieren, erstmals gemeinsam verhandelt. Obwohl es diesmal, drittens, auch darum ging, Kosten und Nutzen untereinander neu zu verteilen. Das Ergebnis: Eher für den Anzeigenmarkt konzipierte Titel, die mit seltener Erscheinungsfrequenz, geringen Verkäufen und/oder niedrigen Copypreisen wenig Wertschöpfung fürs System beitragen, jedoch dieselben Logistikkosten verursachen, erhalten ab März zugunsten der Grossisten schlechtere Konditionen. Fast jedes der verhandelnden Häuser führt solche Hefte, umso bemerkenswerter ist ihre Einigung.

Von dem komplexen Vertrag profitieren indes alle Verlage. Denn als Gebietsmonopolisten müssen die Grossisten jene Konditionen, die sie der Großallianz je Heftkategorie einräumen, auch allen anderen vergleichbaren Titeln gewähren – egal, aus welchem Haus. Ziel war, „das vermutlich beste Pressevertriebssystem der Welt widerstandsfähig zu machen, dafür mussten wir das Konditionensystem an die marktwirtschaftliche Realität heranführen“, sagt Burda-Verlagsvorstand Philipp Welte, der die Allianz zunächst nur mit Bauer initiiert hatte.

Die neuen Handelsverträge dürften gravierende Folgen haben, vor allem für die derzeit noch fast 50 Grossisten (vor zehn Jahren waren es 100, vor fünf Jahren 70) – ihre Anzahl dürfte durch Fusionen weiter sinken. Denn mit den verringerten Margen werden nur die effizientesten und modernsten größeren Betriebe wirtschaften und investieren können. Insider auf beiden Seiten rechnen damit, dass es in fünf Jahren nur noch rund 15 Grossisten sein könnten, die insgesamt rund drei Dutzend Gebiete und Umschlagszentren betreuen.

Mit dem neuen Vertrag, der ihnen die Lieferrechte für die kommenden fünf Jahre zusichert, haben die Zwischenhändler immerhin Planungssicherheit bis 2023 als „wichtige Grundlage, um strukturelle Anpassungen vorzunehmen und das Pressevertriebssystem für alle Partner diskriminierungsfrei und leistungsstark zu halten“, sagt Grosso-Verbandschef Frank Nolte.

Doch auch bei den Verlagen dürften die neuen Verträge etwas bewirken: Er rechne damit, dass die Konditionen „teilweise zu Anpassungen in der Angebots- und der Preispolitik führen werden, zum Wohl des gesamten Marktes“, sagt Welte. Warum das so ist, weshalb er auf einen Fortbestand der „Gründungsvision unserer Koalition“ hofft, weitere Hintergründe und Folgen des Deals lesen Abonnenten in der HORIZONT-Ausgabe 8/2018 vom 22. Februar. rp



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