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Was wird aus Gabor Steingarts Morning Briefing?

Erscheint sein Morning Briefing weiter? Gabor Steingart
Handelsblatt-Gruppe
Erscheint sein Morning Briefing weiter? Gabor Steingart
Heute vor genau zwei Wochen schrieb Gabor Steingart sein letztes „Morning Briefing“. Jenen werktäglichen Newsletter also, den er einst beim Handelsblatt als sein persönliches Sprachrohr erfunden hat und der über die Jahre zu (s)einem eigenen digitalen Massenmedium avanciert ist. Wie geht es jetzt weiter mit Steingarts morgendlicher Weltdeutung?

Seit Steingarts „Morning Briefing“ vom 7. Februar – die SPD-Intrigenmoritat über den „perfekten Mord“, den Martin Schulz an Sigmar Gabriel begehen wolle, war lediglich der Begleitanlass für Steingarts Absetzung als Herausgeber und Geschäftsführer – verfasst meist Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe den Newsletter. Dies haben er und „Senior Editor“ Hans-Jürgen Jakobs auch bisher ab und zu getan, etwa, wenn Steingart im Urlaub oder auf Reisen war. Ein Wachwerde-Job mit Wumms: Nach Verlagsangaben beziehen rund 700.000 Abonnenten den Newsletter, davon über 160.000 die englische Ausgabe.

Während Steingart beim offiziellen Handelsblatt-„Morning Briefing“ nun ausgesperrt ist, könnte er dagegen bald einen anderen Kanal nutzen, um seine viel beachteten, pointierten und bisweilen polarisierenden Kommentare zum Tagesgeschehen zu verbreiten: Denn Steingart darf seinen Newsletter auch nach seinem Ausscheiden in eigener Eigentümerschaft verbreiten, nach Informationen von HORIZONT Online auf Basis einer älteren Vereinbarung sogar auf derselben Plattform, mit dem bisherigen Background-Team und der Vermarktung durch IQ Media. Letztere Informationen will der Verlag nicht kommentieren.



700.000 Abonnenten könnten eine Basis sein für eigene Geschäfte des umtriebigen Publizisten. Unklar ist, inwieweit eine solche ungefragte Doppelnutzung der Adressen – schließlich will auch das Handelsblatt seinen eigenen Newsletter fortführen – statthaft ist, gerade angesichts der künftigen Datenschutz-Grundverordnung. Rechtliche Bestimmungen würden „selbstverständlich eingehalten“, erklärt der Verlag.


Fragt sich nur, ob das Handelsblatt ein paralleles und konkurrierendes Steingart-Morning-Briefing wirklich befeuern will. Möglich also, dass der Verlag seinem scheidenden Chef dessen Recht auf den Plattformplatz abkauft. Auch dies ist, wer sollte das besser wissen als Wirtschaftsjournalisten, eine Frage des Geldes. Die Anwälte verhandeln weiter, war am Dienstagabend zu hören.

Immerhin, ein publizistisches Lebenszeichen gibt es bereits: Auf Twitter (8600 Follower), wo sich Steingart neuerdings als "unabhängiger Journalist" bezeichnet, verweist er offensiv auf seine Webseite. Dort kann man jetzt seinen künftigen Newsletter ("provokant, unabhängig, kostenfrei") abonnieren. Wer sich anmeldet, erhält die Mitteilung, dass es "in einigen Wochen" losgehe.

Auf seiner Website, die es indes schon vorher gab, beschreibt er in der Rubrik "Zur Person" auch seinen aktuellen Status: "Seit der Trennung von Dieter von Holtzbrinck arbeitet Steingart bis zur rechtlichen Klärung von Arbeitsverhältnis und Beteiligungsbeziehung als freier Journalist, Buchautor und Redner. Nach Klärung der rechtlichen Fragen wird Steingart das Morning Briefing in eigener Regie weiterführen." rp/usi

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