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Warum "The Walking Dead"-Fans von "The Rain" enttäuscht sein werden

Die beiden Geschwister Rasmus (Lucas Lynggard Tønnesen) und Simone (Alba August)
© Per Arnesen
Die beiden Geschwister Rasmus (Lucas Lynggard Tønnesen) und Simone (Alba August)
Hat sich Netflix mit "The Rain" ein eigenes "The Walking Dead" geschaffen? Die erste dänische Eigenproduktion des Streamingdienstes erinnert zumindest in vielerlei Hinsicht an den erfolgreichen Endzeit-Thriller aus den USA. Kleine Unterschiede machen den neuen Serienhit aus Skandinavien dennoch sehenswert.
Spoiler-Alarm
Wer "The Rain" und "The Walking Dead" noch nicht gesehen hat, sollte hier mit dem Lesen aufhören. Um die Serien miteinander vergleichen zu können, kommen wir nicht darum herum, einige Passagen näher zu beschreiben.
Dänemark gehört bekanntlich zu den friedlichsten Gegenden dieser Erde. Wenn es ums gewaltfreie Beisammensein geht, macht dem skandinavischen Land, das die meisten wahrscheinlich mit dem Königshaus und Lego-Bauklötzen verbinden, niemand etwas vor. Die neue Netflix-Serie "The Rain" verkehrt nun eben dieses Bild eines friedliebenden Volkes ins komplette Gegenteil: Ein tödlicher Virus rottet die Menschen auf grausame Art und Weise aus.

Die Serie erzählt die Geschichte der Geschwister Rasmus (Lucas Lynggard Tønnesen) und Simone Andersen (Alba August), die sechs Jahre, nachdem ein mit dem Regen eingekehrter Killervirus fast die gesamte Bevölkerung Skandinaviens zugrunde gerichtet hat, erstmals ihren Bunker in der Nähe von Kopenhagen verlassen. Nur um festzustellen, dass alle Überbleibsel der Zivilisation vernichtet wurden. Mit einer Gruppe anderer junger Überlebender begeben sich die beiden nun im verödeten Skandinavien auf eine gefährliche Suche nach ihrem Vater, der möglicherweise ein Heilmittel für die Pandemie hat.

Und hier beginnen wahrscheinlich auch schon die Probleme für so manchen Fan von "Die Welt ist nicht mehr, wie sie mal war"-Serien. Denn die Ähnlichkeiten zur erfolgreichen US-Zombieserie "The Walking Dead" sind bereits in der ersten Folge unübersehbar: Eine tödliche Krankheit, verwahrloste Straßen, geplünderte Städte und eine wahllos zusammengewürfelte Truppe, die sich im Überlebenskampf von Unterkunft zu Unterkunft kämpft. Wer Rick Grimes (Andrew Lincoln) und Co acht Staffeln durch die Zombie-Apokalypse begleitet hat, wird sich verwundert die Augen reiben.

"The Rain": Bilder der Netflix-Serie


Ähnlich wie bei "The Walking Dead" stellen die Protagonisten schnell fest, dass es auch in einer postapokalyptischen Welt noch Liebe, Eifersucht und viele der Entwicklungsdilemmas gibt, die sie eigentlich glaubten, mit dem Zusammenbruch der Zivilisation hinter sich gelassen zu haben. Es scheint fast so, als habe sich Drehbuchautor Jannik Tai Mosholt, der an der gefeierten dänischen Polit-Serie "Borgen" mitgewirkt hat, zu sehr von dem gefeierten US-Hit inspirieren lassen.

Besonders auffällig ist Folge 5: Die Gruppe verläuft sich im Wald und stößt plötzlich auf eine Villa, deren freundliche Bewohner einen Unterschlupf gewähren, sich im späteren Verlauf allerdings als Kannibalen entpuppen, die einmal im Monat ein Mitglied opfern, um über die Runden zu kommen. Dass sich viele Serienfans an die "The Walking Dead"-Folge "Keine Zuflucht" (Staffel 5, Folge 1) erinnert fühlen, in der die Charaktere Rick, Daryl, Glenn und Bob geschlachtet werden sollen, ist unvermeidlich.

"The Rain"  als billige "The Walking Dead"-Kopie abzustempeln, wird der Serie allerdings nicht gerecht. Wirft man einen genaueren Blick auf die bislang acht veröffentlichten Folgen, sind einige Unterschiede zu erkennen. Während bei "The Walking Dead" beispielsweise der fiktionale Charakter ständig präsent ist ("Zombies gibt's doch gar nicht!"), besticht das dänische Pendant mit seinem genialen Realismus. In einer Welt, in der Regierungen mit biologischen Kampfstoffen hantieren, ist mit Viren verseuchter Regen kein unvorstellbares Szenario. Hinzu kommt, dass die Dänen auf Bilder verzichten, in denen brutale Gewalteinwirkungen zu sehen sind. Im Vordergrund steht hingegen, wie die Macher stets betonen, die Entwicklung der einzelnen Personen und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Zwar ist das bei der US-Zombieserie nicht anders, allerdings sind sich die Amerikaner nicht zu schade, zu zeigen, wie menschliche Körper von hungrigen Untoten aufgeschlitzt werden. Im Vergleich kommt "The Rain" deshalb relativ unaufgeregt daher.

Letztlich ist "The Rain" eine ausgezeichnet produzierte Serie, die für alle geeignet ist, die von Endzeit-Thrillern nicht genug haben können. Eingefleischte Zombiefans werden sich mit der dänischen Serie allerdings nur die Wartezeit auf die neunte Staffel "The Walking Dead" versüßen können, die wahrscheinlich im Oktober an den Start geht. ron


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