HORIZONT-Preisträgerin Julia Jäkel

"Wir werden für Mut meist belohnt"

Julia Jäkel ist die Medienfrau des Jahres 2017
© Carsten Milbret
Julia Jäkel ist die Medienfrau des Jahres 2017
Julia Jäkel, seit 2013 CEO von Gruner + Jahr, ist 2016/17 bei der Transformation des Verlags entscheidend vorangekommen. Dafür wird sie am 16. Januar 2018 beim HORIZONT Award als Medien-Frau des Jahres ausgezeichnet. Im Interview spricht sie über ihre Lust auf Neues, über trainierte Muskeln und über ihre Sorgen vor dem System Facebook – als Managerin, politischer Mensch und Mutter.

Jäkels Ziel war und ist es, mit neuen Print-, Digital- und Handelsprodukten das Erlösminus der Stammtitel auszugleichen. Nach harter Reorganisation des gesamten Hauses formte sie den Content-Marketing-Riesen Territory, schmiedete neue Verlags- und Werbebündnisse und gewann Mandanten in Vermarktung und Vertrieb. Und kein anderer Verlag etablierte in dieser Zeit so viele neue Titel. Auch deshalb schrumpfte der Umsatz 2016 nur noch leicht, das Operating Ebitda wuchs um 6 auf 137 Millionen Euro. Für 2017 kündigt Jäkel „deutlich“ steigende Deutschland-Umsätze an. Und mit ihrer Grundsatzkritik an den großen Digitalplattformen sowie mit Forderungen an Politik und Wirtschaft profilierte sie sich zudem als medienpolitische Stimme.



Frau Jäkel, als Sie an die G+J-Spitze rückten, sahen Sie den Verlag „am Anfang einer langen Reise“. Wo verorten Sie das Haus heute – noch in der Startregion oder schon im Zielgebiet? Wir sind viel weiter als damals, aber immer noch mitten auf der Reise. Die wird auch so schnell nicht enden, dafür ist zu viel im Wandel – in der Gesellschaft und bei uns. Den Horizont Award empfinden wir als eine wunderbare Erfrischung, herzlichen Dank dafür! Aber Zeit zum gefälligen Ausruhen bleibt nicht. Wir setzen fort, was G+J gerade so gut tut: Dinge anders machen, neue Wege gehen, Ideen entwickeln.

Was hat denn bisher besser funktioniert als gedacht – und was schlechter oder langsamer? Wir haben die schöne Erfahrung gemacht, dass wir für Mut meistens belohnt werden. So zeigen wir, dass gut gemachte Magazine in der digitalen Gesellschaft ihren Platz haben – beim Leser und in der Vermarktung, in der wir uns gegen den Trend positiv entwickeln. Auch in der Digitalvermarktung wachsen wir stärker als der Markt. Mit unserem Innovationslabor Greenhouse fördern wir Unternehmergeist. Übrigens, mit „wir“ meine ich auch „wir“: Ich denke da zuerst an meine Geschäftsführerkollegen Stephan Schäfer und Oliver Radtke – wir sind ein starkes und anregendes Team –, an die Führungskräfte und an alle Mitarbeiter. Da ist so viel Lust auf Neues!


Doch wo hätte es besser laufen können? Alles auf einmal wollen – das funktioniert nicht. Klingt trivial, trotzdem haben wir es hier und da versucht. Die Effizienzmaßnahmen waren richtig, aber nicht immer gut erklärt. Und natürlich gelingen nicht alle neuen Magazine, gerade haben wir nach ein paar Ausgaben Geolino Leckerbissen beenden müssen. Wenn ich nach vorne schaue, wollen wir noch aktiver werden bei dem, was wir erfolgreich begonnen haben: Wir haben Bündnisse geschlossen, diesen Muskel haben wir gut trainiert – ich bin sicher, hier geht noch mehr. Ebenso beim Ausbau der Markenaktivitäten, beim Entwickeln von Zeitschriften, bei weiteren Digitalangeboten. Früher haben wir versucht, alles exzellent zu machen, erst dann sind wir an den Markt gegangen. Heute ist es uns wichtiger, Neues schneller auszuprobieren.
„Alles auf einmal wollen - das funktioniert nicht. Klingt trivial, trotzdem haben wir es hier und da versucht. Die Effizienzmaßnahmen waren richtig, aber nicht immer gut erklärt. Und natürlich gelingen nicht alle neuen Magazine.“
Julia Jäkel
Trainiert haben Sie auch Ihre Kritik an Facebook. Was steckt dahinter: Ihr Streben nach persönlicher Profilierung? Ihre Sorgen als Bürgerin? Als Mutter? Oder eine G+J-Agenda? Also, zunächst mal habe ich mich ein paar Jahre lang öffentlich gar nicht zu solchen Themen geäußert, weil ich fand, dass wir erst selber was hinkriegen sollten. Jetzt aber nutze ich die Stimme, die ich als CEO eines Verlages in Deutschland habe. Ich empfinde das auch als meine Aufgabe – für G+J, für die Gesellschaft, deren Teil ich bin, und, ja, wenn Sie so wollen, auch für meine Kinder. Auch sie sollen in einer Welt leben mit kenntnisreich und seriös geführten gesellschaftlichen Diskursen.

Sie werfen Facebook vor, die Realität nicht abzubilden, sondern zu konstruieren. Doch ist es nicht eher so, dass Ansichten, die manche leider immer hatten, nun bloß sichtbarer werden? Glauben Sie nicht, dass es praktische Folgen hat, wenn man die vereinfachenden Ansichten deutlich sichtbarer macht als die differenzierenden? Und zeichnet es nicht den Journalismus aus, dass er sich um exakt das Gegenteil bemüht? Am Anfang steht die Nachfrage der Nutzer, erst daraus leitet sich die Sichtbarkeit ab. Wie am Kiosk, wo Boulevardtitel besser platziert sind. Sonst müsste man Facebook zwingen, Vorfahrt für „differenzierende“ Inhalte in den Algorithmus einzubauen – und definieren, welche das sind. Niemand weiß, wie der Algorithmus funktioniert. Wir sehen nur, dass er populäre, die eigene Meinung bestätigende, laute Botschaften präferiert. So etwas verändert die Gesellschaft. Facebook ist kein Infrastrukturanbieter, der Inhalte lediglich übermittelt. Und die Situation am Kiosk ist doch ganz anders: Ich sehe alle Titel, ich sehe, was sie bringen – und ich habe die Auswahl.

Die Verlagsverbände fordern von Facebook Neutralität. Dagegen drängen Sie auf mehr Verantwortung für die Inhalte. Dafür müsste Facebook redaktionell kuratieren – und würde dank seiner Nutzerkontakte zum Meta-Publisher, der als Absender an Glaubwürdigkeit gewönne. Wäre das gut für die Vielfalt der Medien und ihrer Marken als bisher einzige Qualitätsgaranten? Journalisten sind und bleiben die einzigen Produzenten hochwertiger, unabhängiger Inhalte, sie sind konstitutiv für unsere Gesellschaft. Und ihre Arbeit ist weiter stark nachgefragt bei den Menschen, das zeigen alle Nutzerzahlen auch im Digitalen. Daneben kann ich doch aber trotzdem dafür werben, dass es Facebook nicht gleichgültig sein darf, was auf seiner Plattform stattfindet. Das sieht das Unternehmen übrigens genauso, deshalb gibt es ja Community-Standards, deshalb werden Hass- und Gewalt-Posts gelöscht. Da entwickelt sich ja etwas.
„Journalisten sind und bleiben die einzigen Produzenten hochwertiger, unabhängiger Inhalte, sie sind konstitutiv für unsere Gesellschaft.“
Julia Jäkel
Sie ermuntern die Wirtschaft, bevorzugt in Pressemedien zu werben – aus gesellschaftlicher Verantwortung. Entwerten Sie damit nicht das Argument einer besseren Werbewirkung? Gar nicht. Aus der Sicht eines Unternehmens gehört beides zusammen. Erstens die Erkenntnis, dass hochwertiger Journalismus, aufmerksam wahrgenommen, für die Markenbildung besser wirkt als User-Generated-Content mit Umfeldern, die so individualisiert sind, dass sie sich kaum überprüfen lassen. Darauf können wir gar nicht oft genug hinweisen. Wenn also 90 Cent jedes neuen Werbe-Euros zu den globalen Netzfirmen fließen, dann wird das mittelfristig der Marke schaden.

Das ist doch der Punkt, den irgendwann auch Controller verstehen sollten. Es kommt aber noch etwas hinzu: Wenn der Journalismus großflächig geschwächt wird, weil immer weniger Werbegelder dorthin fließen, dann verliert die Wirtschaft irgendwann diese hochwertigen Umfelder, aber auch ihre Gesprächspartner und damit die informierte kritische Begleitung. Ich möchte in der Wirtschaft das Verständnis für Corporate Media Responsibility wecken: Dafür, dass ihr Verhalten mit darüber entscheidet, ob algorithmisch verstärkter User Generated Content künftig den gesellschaftlichen Diskurs bestimmt – oder plurale Medien. Und das geht wieder alle in unserer Gesellschaft an.

 Interview: Roland Pimpl 
Noch tiefer ins Thema einsteigen?

Wo und wie hat sich G+J am stärksten verändert? Verliert man vor lauter Agilität nicht das große Ganze aus dem Auge? Und ist G+J wegen der Ad Alliance mit der großen Bertelsmann-Konzernschwester RTL Gruppe raus aus dem Spiel um neue Verlagsallianzen? Auch zu diesen und weiteren Fragen erklärt sich Jäkel. Lesen Sie das komplette Interview aus der aktuellen HORIZONT-Ausgabe gleich auf Ihrem Tablet oder Smartphone (Android und iOS). HORIZONT-Abonnenten können die E-Paper-Ausgaben kostenlos auch auf Ihrem PC/Mac abrufen. Nicht-Abonnenten können hier ein HORIZONT-Abo abschließen.

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