"Geduld überstrapaziert"

Abgang von Gabor Steingart bei der Verlagsgruppe Handelsblatt ist besiegelt

Gabor Steingart ist nicht länger Geschäftsführer des Handelsblatts
© Handelsblatt-Gruppe
Gabor Steingart ist nicht länger Geschäftsführer des Handelsblatts
Nach sieben Jahren gehen das Handelsblatt und Gabor Steingart getrennte Wege. Als offizielle Gründe nennt die Verlagsgruppe Differenzen "in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen" und, zumindest teilweise, bei der Beurteilung journalistischer Standards. 
Damit bestätigt die Verlagsgruppe einen Spiegel-Bericht vom Donnerstag dieser Woche. Das Nachrichtenmagazin hatte über die bevorstehende Trennung des Verlags von Steingart berichtet. Hintergrund ist offensichtlich ein Zerwürfnis mit Dieter von Holtzbrinck. Dem Verleger soll unter anderem die Kampagne seines Junior-Partners - Steingart ist mit 3 Prozent an der Verlagsgruppe Handelsblatt beteiligt - gegen den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz missfallen haben. Steingart hatte am Mittwoch in seinem Morning Briefing unter der Überschrift "Der perfekte Mord" geschrieben, der Politiker wolle seinen Parteikollegen Sigmar Gabriel "zur Strecke bringen".


Beobachter halten es allerdings für ausgeschlossen, dass allein ein Kommentar, der sich hart an der Grenze zur Satire bewegt, den Ausschlag für die Trennung gegeben hat. In der Branche wird spekuliert, dass dem als liberal geltenden Verleger das dominante Auftreten Steingarts ein Dorn im Auge war und dieser seine Rolle sehr weit - womöglich zu weit - definiert habe. Medienjournalist Kai-Ulrich Renner berichtet auf Abendblatt.de, dass zuletzt auch "Zweifel an Steingarts Managementqualitäten" laut wurden - und führt unter anderem den weiterhin defizitären Mediendienst Meedia, die teure "Global Edition" des "Handelsblatts" sowie den kostspieligen Umzug der Gruppe in den Neubau nach Düsseldorf-Pempelfort als Beispiele an. 
„Dieter von Holtzbrinck ist ein wunderbarer Mensch und erfahrener Verleger, dessen Geduld ich über so viele Jahre nicht nur strapaziert, sondern oft genug auch überstrapaziert habe“
Gabor Steingart
In der offiziellen Pressemitteilung wiederum hört man überwiegend  freundliche Töne: "Das Multitalent Gabor Steingart hat in wenigen Jahren zunächst das Handelsblatt, danach die gesamte Handelsblatt Gruppe auf großartige Weise weiterentwickelt und erneuert, was höchsten Respekt und größten Dank verdient", lässt sich von Holtzbrinck in einer Pressemitteilung zitieren. Der preisgekrönte Publizist Steingart habe sich als "äußerst kreativer und dynamischer Unternehmensstratege gezeigt, als mutiger und charismatischer Führer".

Steingarts Worte klingen fast noch wärmer: "Dieter von Holtzbrinck ist ein wunderbarer Mensch und erfahrener Verleger, dessen Geduld ich über so viele Jahre nicht nur strapaziert, sondern oft genug auch überstrapaziert habe. Dass unsere dennoch - oder deshalb? - so erfolgreiche Zusammenarbeit jetzt abrupt endet, lässt uns beide nicht unberührt. Unsere Freundschaft und meine Wertschätzung ihm gegenüber bestehen unvermindert fort." Interessant: Das Handelsblatt Morning Briefing, das in seiner Version von Mittwoch der Stein des Anstoßes für die Personalie gewesen war, soll auch künftig weiter erscheinen. Parallel dazu wird Steingart sein eigenes Morning Briefing an seine mittlerweile rund 700.000 Abonennten "in eigener Eigentümerschaft" herausgeben. Die dazugehörigen Adressen wären in diesem Fall ein großzügiges Abschiedsgeschenk an den renommierten Journalisten.
„Manchmal passieren auch in einem Verlagshaus Dinge, die unvorhersehbar sind und die gewohnten Abläufe stören. Aus diesem Grund kommt das Morning Briefing, das Ihnen sonst immer pünktlich zur Frühstückszeit vorliegt, heute ein paar Stunden verspätet“
Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe im "Morning Briefing" vom Freitag
Nach ersten Stationen bei Wirtschaftswoche und Spiegel kam Steingart im Jahr 2010 zum Handelsblatt. Bis 2012 war er Chefredakteur der Wirtschaftszeitung, im Oktober 2012 wurde er in die Geschäftsführung der Verlagsgruppe berufen. Unter seiner Leitung etablierte sich das Handelsblatt als einer der meinungsstärksten Agenda-Setter im Land. Steingarts tägliches "Morning Briefing", das jetzt der Auslöser für seinen Abgang ist, ist extrem erfolgreich und findet in der Branche auch etliche Nachahmer. Am Donnerstag und am heutigen Freitag wurde es bereits von Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe verfasst. dh/kan
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