Deutsche Fachpresse

"Journalismus ist mehr als Pressemitteilungen umschreiben"

Benjamin Wessinger, Geschäftsführer der Mediengruppe Deutscher Apotheker Verlag
© Monique Wüstenhagen
Benjamin Wessinger, Geschäftsführer der Mediengruppe Deutscher Apotheker Verlag
Es ist ein Zwischenruf der besonderen Art: "Journalismus ist mehr als Pressemitteilungen umschreiben", sagt Benjamin Wessinger, Geschäftsführer der Mediengruppe Deutscher Apotheker Verlag. Beim Kongress der Deutschen Fachpresse erntet er dafür ein zustimmendes Lachen. Doch als er weiter ausführt, was er damit meint, wird es mucksmäuschen still im Saal: "Wenn zwei Redakteure sieben Plattformen bespielen, dann geht das nicht anders, als Pressemitteilungen umzuschreiben."

Wessinger ist es eine Herzensangelegenheit, dem Qualitätsjournalismus auf dem Kongress eine Stimme zu geben. Und er erläutert am eigenen Haus, warum es nicht nur publizistisch, sondern wirtschaftlich unersetzlich ist, in genug Mitarbeiter und gut ausgebildete Mitarbeiter zu investieren.



Zur Mediengruppe Deutscher Apotheker Verlag gehört die Deutsche Apotheker Zeitung und die Apotheker Zeitung sowie mittlerweile DAZ Online. Die Medien richten sich an Apotheker, die Artikel werden auch von Apothekern geschrieben, die tief in den Fachthemen drin sind. Obwohl die Branche sich konsolidiert und unter erheblichem Druck steht, behauptet sich die Deutsche Appotheker Zeitung, "weil wir ganz großen Wert auf unsere Inhalte legen. Wir haben immer den Leser im Blick. Das ist banal, aber wichtig", sagt Wessinger vor den rund 500 Kongressteilnehmern.

Die Antwort darauf, warum das so wichtig ist, ist ebenso banal: "Sonst bestellen sie uns ab." Um das zu vermeiden ist Wessinger auch ein anderer Punkt ungemein wichtig: Die Trennung von Verlag und Redaktion. "Das erwarten die Apotheker von uns".


Wie wichtig all dies ist, beschreibt Wessinger am Beispiel DAZ Online. Als Antwort auf den neuen, reinen Onlinekonkurrenten Apotheke ad hoc baute Wessinger eine eigene Redaktion für DAZ Online auf, die den Angreifern aus Berlin Paroli bieten sollte. Dieser gehörten zwei renommierte Wissenschaftsjournalisten an. Der Erfolg war jedoch durchwachsen. Vor dem Start der Redaktion lagen die Zugriffe bei von Januar bis April 2015 bei 655.000, im gleichen Zeitraum 2016 bei 722.000.

Die Analyse ergab: Die Artikel waren gut geschrieben, aber die Themen zu unspezifisch, zu wenig relevant für die Spitze Apotheker-Zielgruppe. Der Verlag setzte DAZ Online neu auf. Stellte statt der Wissenschaftsredakteure Apotheker ein, die journalistisch ausgebildet wurden und verdoppelte die Mannschaft auf vier Redakteure und einen Volontär. Von Januar bis April 2017 lagen die Zugriffe schon bei 1,56 Millionen, im gleichen Zeitraum dieses Jahres bei satten 3,6 Millionen. "Auf DAZ Online veröffentlichen wir richtige Fachartikel. Mit der Neuausrichtung auf Qualität haben sich unsere Zahlen fast verdoppelt", freut sich Wessinger.

Im Ranking der 30 größten Fachmedienangebote ist DAZ 2018 auf Rang 7 vorgerückt.  "Wir liegen damit vor Angeboten, die sich an eine deutlich breitere Zielgruppe richten."

Die Investitionen haben sich aus seiner Sicht ausgezahlt. Die Werbeeinnahmen hätten sich zwar nicht wie die Zugriffe verfünffacht, "aber die wirtschaftlichen Folgen von Investitionen in Qualität sind deutlich sichtbar", sagt er. "Journalistische Qualität wird sich durchsetzen. Kurzfristig lassen sich Kosten sparen, indem man in der Redaktion spart, aber der mittelfristige Erfolg ist fraglich, weil Sie nicht mehr gelesen werden." Bei Paid Content gelte dies doppelt: "Zahlen tun alle nur, wenn die Qualität stimmt." pap

 

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