Christiane Arp zur neuen Vogue

"Vier Wörter auf dem Cover? Das hätte ich mich früher nicht getraut"

Cover-Model der April-Ausgabe ist Irina Shayk, inszeniert von Fotograf Daniel Jackson
© Condé Nast
Cover-Model der April-Ausgabe ist Irina Shayk, inszeniert von Fotograf Daniel Jackson
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Die Mutter aller Modemagazine trägt ein neues Outfit. Mit der am heutigen Dienstag erscheinenden April-Ausgabe kleidet sich die deutsche Vogue nicht nur wesentlich luftiger und frischer, sie trägt zusätzlich High-Heels: Im Großformat – 23 mal 30 Zentimeter – will der Titel aus dem Hause Condé Nast künftig nicht nur seinen Führungsanspruch am Kiosk, sondern auch die besondere Ausstrahlung von Print unterstreichen.

Für Chefredakteurin Christiane Arp ist die aktuelle Ausgabe auch aus einem anderen Grund von Bedeutung: Mit der optischen und inhaltlichen Weiterentwicklung feiert sie zugleich ihr 15-jähriges Dienstjubiläum. Im Interview mit HORIZONT spricht die 56-Jährige über frühere Reisen mit imaginärem Köfferchen, gute Geschichten fürs Heft und ihr deutliches Bekenntnis zu Print.

Seit 15 Jahren prägt Christiane Arp als Chefredakteurin den Stil der deutschen Vogue
© Ralph Mecke
Seit 15 Jahren prägt Christiane Arp als Chefredakteurin den Stil der deutschen Vogue
Die Vogue trägt ab Ausgabe 4/2018 ein neues Outfit. Was sind die Hintergründe für die Typveränderung? 
Christiane Arp: Es kamen ein paar Dinge zusammen. Da ist natürlich zum einen die Entwicklung der Printauflagen, die auch an uns nicht spurlos vorübergeht. Zum anderen ist der Markt komplett in Bewegung, sowohl was das Leserverhalten als auch was die Mode betrifft. Zu guter Letzt bin ich im März 15 Jahre Chefredakteurin der Vogue. Eine so lange Zeit und die Erfahrung machen mutig. Vor zehn Jahren hätte ich mich sicher noch nicht getraut, nur vier Wörter auf das Cover zu schreiben.

„Früher gab es einmal den großen Relaunch, an dessen neue Regeln man sich dann jahrelang gehalten hat. Diese Zeiten sind definitiv vorbei. “
Christiane Arp
Die verkaufte Auflage der Vogue lag im 4. Quartal 2017 bei knapp 96.000 Exemplaren, im Vorjahresquartal waren es noch 14 Prozent mehr. Wie muss Print sein, um wieder stabil zu werden? 
Das hört sich vielleicht seltsam an, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es besonders in diesen unruhigen Zeiten wichtig ist, sich deutlich zu Print zu bekennen. Deshalb haben wir das Heft aufgeräumt. Ich wollte Ruhe schaffen, damit unsere Leser bei uns verweilen möchten. Früher gab es mal die Überlegung, schneller und kleinteiliger zu werden, weil wir diese Art des Konsumierens in der heutigen Zeit gewöhnt sind. Letztlich haben wir uns genau für das Gegenteil entschieden. Auch weil wir festgestellt haben, dass wir immer dann am besten sind, wenn wir ganz bei uns sind. Das heißt: Opulente Bildstrecken, außergewöhnliche Cover, die auch mal provozieren. Die Vogue kann viel sein, sie muss aber immer anders sein. Der Markt und unsere Leser wollen, dass wir Dinge ausprobieren und uns etwas trauen.

Vogue: Einblick ins neue Heft


Wo sehen Sie die wichtigsten Veränderungen im Heft? 
Die wichtigste Veränderung ist sicherlich, dass heutzutage jedes Heft eine Veränderung ist. Früher gab es einmal den großen Relaunch, an dessen neue Regeln man sich dann jahrelang gehalten hat. Diese Zeiten sind definitiv vorbei. Wir entscheiden beispielsweise von Ausgabe zu Ausgabe darüber, welche Typografie wir verwenden. Der Umgang mit Bild und Text ist viel klarer und eindeutiger geworden. Wo wir früher dreispaltig waren, sind wir heute zweispaltig. Es gibt viel mehr Weißräume – das Heft kann besser atmen und ist emotionaler. Dafür haben wir viele Rubriken umbenannt, den Ablauf des Heftes verändert, wir arbeiten noch weniger News getrieben. Denn was sind schon News, wenn sie ein Monatsheft machen? Viel wichtiger ist die Frage: Gefällt es Vogue?

„Gefällt es den Anzeigenkunden“ ist sicherlich auch eine Frage, die Sie sich immer wieder stellen müssen. Inwiefern hat sich diese Beziehung in den letzten Jahren verändert? 
Sehen Sie, ich komme von der Verlagsgruppe Milchstraße. Dort habe ich gelernt, dass Anzeigenabteilung und Redaktion durchaus freundschaftlich und produktiv zusammenarbeiten können. Trotzdem gibt es einen Grundsatz, der sich auch in den letzten Jahren nie verändert hat: Für mich gehört eine Geschichte ins Heft, wenn sie gut ist – egal, ob das Unternehmen dahinter  Anzeigenkunde der Vogue ist oder nicht. Gleichzeitig sind viele der Marken, mit denen wir in der Redaktion eng zusammenarbeiten, die großen Design-Häuser, zugleich auch Anzeigenkunden. Und Kooperationen wie etwa unser Shopping-Event „Vogue loves Breuninger“ helfen auch dabei, unsere Marke erlebbar zu machen.

„Natürlich sehen wir auch auf Instagram sehr viel gute Fotos. Aber einen perfekten Moment, der dort meist nur aus Zufall gelingt, professionell auf Knopfdruck zu schaffen, das ist die Kunst, die sie in Vogue sehen.“
Christiane Arp
Was würden Sie als die größte Umwälzung in den vergangenen  15 Jahren, in denen Sie Chefredakteurin sind, bezeichnen? 
Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der wir als Chefredakteurinnen eine Art Alleinwissen hatte. Mit meinen Kolleginnen aus der ganzen Welt bin ich zu den Fashion-Shows gereist und habe von dort in meinem imaginären Köfferchen diverse exklusive Einblicke und Mode-Geheimnisse mitgebracht, die wir dann nach und nach preisgegeben haben. Durch die Digitalisierung gehört dieses Wissen schon in dem Moment, in dem die Show noch läuft, bereits der ganzen Welt. Das ist sicher die radikalste Veränderung. Stärker als früher müssen wir auch den Beweis antreten, dass hinter einem perfekten Foto und perfektem Styling richtiges Handwerk steckt.  Natürlich sehen wir auch auf Instagram sehr viel gute Fotos. Aber einen perfekten Moment, der dort meist nur aus Zufall gelingt, professionell auf Knopfdruck zu schaffen, das ist die Kunst, die sie in Vogue sehen. Gleichzeitig bin ich selbst auch 15 Jahre älter und sicher auch expliziter geworden in der Art, in der ich das Heft mache. Ich glaube, weil ich permanent gefordert bin, auszuwählen, weiß ich mittlerweile ziemlich gut, was Vogue ist und was nicht. Das ist ein riesiges Privileg. kan




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