Axel Springer Award

Jeff Bezos in der Filterblase

Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner im Gespräch mit Jeff Bezos
Axel Springer
Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner im Gespräch mit Jeff Bezos
Draußen demonstrierten einige Hundert Gewerkschafter gegen die Arbeitsbedingungen bei Amazon. Drinnen wurde der Gründer des zweitwertvollsten Konzerns nach Apple mit warmen Worten umhüllt. Gut abgeschirmt, nach allen Seiten.
Was heißt eigentlich Tarifvertrag auf Englisch? Egal, muss sich der Demonstrant gedacht haben und schrieb auf sein Protestschild: "Work fair, have fun, make Tarifvertrag". Auf mehreren anderen ist die Forderung zu lesen "Make Amazon pay".

Dienstagabend in Berlin. In zwei Stunden wird im 19. Stock des Springer-Gebäudes Amazon-Gründer Jeff Bezos mit dem Axel Springer Award ausgezeichnet. Schon jetzt sind die umliegenden Straßen abgesperrt. Der Zugang zum Verlag ist mit Gittern und Polizei gesichert. Dort, wo die Axel-Springer- auf die Rudi-Dutschke-Straße stößt, demonstrieren mehrere Hundert verdi-Leute, amazon-Mitarbeiter und Kapitalismusgegner. Einige sind extra aus Werne in Nordrhein-Westfalen angereist, andere aus Polen und Italien. Die Linke schenkt Kaffee aus. Auch die am Sonntag gewählte SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles schaut beim Chefgewerkschafter Frank Bsirske vorbei. Wahlweise werden Solidarnosc-Fahnen geschwenkt, es wird getrommelt und gepfiffen. Immer wieder ertönt der Schlachtruf "A-Anti-Anticapitalista".

Kurz nach 18 Uhr fahren die ersten Limousinen auf den Vorplatz. Langsam kommen die Gäste. Im Foyer, vor einer Stellwand, bedruckt mit Springer-Logos, posieren für die Fotografen Friede Springer und Mathias Döpfner mit Jeff Bezos und seiner Frau MacKenzie. Sie verschwinden nach links zu den Fahrstühlen. Nach und nach folgen Top-Manager wie Holger Beeck von McDonald’s und Tom Enders von Airbus, Minister wie Peter Altmaier, Ursula von der Leyen und Jens Spahn, Stars wie Iris Berben, Marius Müller-Westernhagen und Max Raabe, der ganz sicher noch nie etwas bei Amazon bestellt hat. Insgesamt pilgern etwa hundert Gäste in den streng abgeschirmten Ernst-Cramer-Saal hoch oben über der Stadt.
„Wer innovativ ist, wird missverstanden.“
Jeff Bezos
Als später der Springer-Vorstandschef Jeff Bezos in denkbar freundlichem Ton auf die Kritik an der Bezahlung, den Arbeitsbedingungen, auf die Steuermoral und Machtstellung der großen Tech-Konzerne anspricht, ist 20 Uhr und der offizielle Teil der Veranstaltung schon seit einer Stunde im Gang. Der reichste Mann der Welt antwortet, er sei stolz auf die Löhne, die Amazon zahle. Im Übrigen müsse er nur in den Spiegel schauen, um zu wissen, dass bestimmte Vorwürfe gegen ihn reinem Eigennutz entstammten. Es sei nun einmal so: "Wer innovativ ist, wird missverstanden". Unten, vor dem Verlagsgebäude, sind die Demonstranten zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden. Die zu Beginn der Verleihung gezeigte Multimedia-Show war laut genug, um die Rufe, das Pfeifen und Getrommel von der Straße unten zu übertönen.

"An Evening for Jeff Bezos" hatte Springer angekündigt. Wieder hat sich Peter Huth, der Erfinder des Axel Springer Awards und Chefredakteur der Welt am Sonntag, einiges einfallen lassen, um für den Preisträger einen ganz besonderen Abend zu zaubern. Er hat das schon beim ersten Mal für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg getan und voriges Jahr für den World-Wide-Web-Erfinder Tim Berners-Lee. Diesmal ließ Huth Stationen aus Bezos‘ Leben in Miniaturform nachbilden, jede für sich in eigenen Schaukästen. Sie sollen das Out-of-the-box-Prinzip, Bezos‘ Denkweise symbolisieren. Es ist schließlich "einfacher, die Zukunft zu erfinden, als sie vorauszusehen". Mit diesem Satz warb Bezos einst per Stellenanzeige um seine ersten Mitarbeiter.

Der Axel Springer Award 2018: Die Bilder von der Preisverleihung


Döpfners Fragestunde mit dem Geehrten gerät zur Tour d’Horizon. Hinter ihnen flimmert eine an die Wand geworfene Steppenlandschaft, davor stehen, des Drei-D-Effektes wegen, zwei Gummikakteen. Bezos erzählt viel über seine glückliche Kindheit und Familie. Von Döpfner angestachelt, erinnert sich der 54-Jährige an seinen Großvater, auf dessen Ranch der schmächtige Jeff viele Sommer verbracht hat. Im Alter von nur vier Jahren begann, was sein unbeirrbares Erfolgsstreben erklärt: Der Opa vermittelt dem Enkel das Gefühl, ihn mit allem, was er tut, bei der Arbeit tatsächlich und tatkräftig zu unterstützen. Diese Selbstbestätigung, dieser Ansporn reichen fürs Leben. Es gab auf der Ranch ja auch immer etwas zu reparieren, und der Opa lebte vor, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt, und zwar eine, die aus eigener Kraft zu bewerkstelligen ist. Da unterbricht Döpfner den Redefluss: Der Mann sei wohl nicht fähig zum Delegieren gewesen? Mit der Frage verrät der Springer-Chef mehr über sich selbst. Die autark geführte Ranch des Opas lag schlicht zu weit entfernt von Helfern, Ärzten und Werkstätten mit entsprechenden Ersatzteilen.

Übrigens war es derselbe Opa, der Jeff Bezos einst eine Weisheit fürs Leben mitgab, sagte der Fiat-Präsident John Elkan in der Laudatio. Als nämlich eines Tages der zehnjährige Jeff seiner Oma während einer Autofahrt vorrechnet, wie viele Jahre ihres Lebens sie durch ihr ständiges Rauchen verliere, und die Frau daraufhin zu weinen beginnt, sagt der Opa: "Jeff, eines Tages wirst du verstehen, dass es schwieriger ist, gütig zu sein als schlau".

Begonnen hatte der Abend für Jeff Bezos mit gleich mehreren Grußworten: Eines trug der nach Berlin gekommene und aktuell mit ganz eigenen Problemen behaftete Gründer des WPP-Werbenetzwerks Martin Sorrell vor; die anderen Grußbotschaften wurden per Video eingespielt. Sie stammten von Microsoft-Gründer Bill Gates, Star-Investor Warren Buffet sowie Steven Spielberg, dem der Film "Die Verlegerin" zu verdanken ist. Bezos erzählt, er habe den Film über die Washington Post gleich mehrfach gesehen. Seit 2013 gehört ihm die Zeitung.

Wofür der Mann mit der Glatze und dem herzhaften Lachen überhaupt ausgezeichnet wurde? Dafür, eine "herausragende Persönlichkeit" zu sein, die "in besonderer Weise innovativ" ist, Märkte schafft und verändert, die Kultur prägt und – aufgepasst – sich gleichzeitig seiner "gesellschaftlichen Verantwortung" stellt. Diese Begründung galt schon beim ersten Preisträger, Mark Zuckerberg. Nun eben für Jeff Bezos, der fasziniert von einer frühen Prognose zum Internet-Wachstum zunächst den Online-Buchhandel Amazon gründete, ihn zum Warenhaus für alles ausbaute, den Kindle, das hochprofitable Cloud-Computing-Geschäft, Alexa, Prime und mit Prime ein Streaming-Angebot einführte. In die angeschlagene Washington Post investierte er Millionen in Redaktion und Technologie. Die Zeitung ist inzwischen wieder profitabel. Das meiste Geld steckt der Star-Trek-Fan Bezos aber in seine Leidenschaft, die Raumfahrt. Ihr frönt er mit seiner Firma Blue Origin. Eines Tages, ist Bezos überzeugt, werde sich die Menschheit auf einem fremden Planeten ansiedeln.

Um 20.30 Uhr ist der offizielle Teil des Abends beendet. Die Gäste wechseln in den Journalistenclub auf der gegenüberliegenden Seite der 19. Etage. Nur die Wichtigsten der Wichtigen werden sich mit an den Verlegertisch setzen dürfen. Was Springer von all dem Tamtam hat? Der Konzern unterstreicht damit seinen Anspruch als in Europa führender digitaler Verlag, der auch im angloamerikanischen Raum etwas gelten will und dem hierzulande kein anderer gleichkommt. usi

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