70 Jahre "Stern"

Rummel, nicht nur um die Hitler-Tagebücher

Julia Jäkel beim "Tag des Journalismus"
© Stern / Christine Simon
Julia Jäkel beim "Tag des Journalismus"
Rund tausend Menschen kamen im Laufe des vergangenen Sonnabends zum "Tag des Journalismus" ins Hamburger Verlagsgebäude von Gruner + Jahr. Einige kamen von weither angereist. Der "Stern" nahm sein Jubiläum zum Anlass und erinnerte an seinen großen Fälschungsskandal vor 35 Jahren. Die Besucher zeigten sich aber auch darüber hinaus sehr interessiert: an der Arbeitsweise der Redaktion, den Abläufen der Produktion und den Autoren des Magazins. Einige von ihnen trennen sich gerade vom "Stern".

In der Linie U3 liest ein Mädchen sichtlich begeistert "Geolino", während der junge Vater aufs Handy schaut. An der Station "Am Baumwall" bleiben die beiden sitzen. Der Eindruck trügt. Sie sind nicht unterwegs zu dem Verlag, in dem die Kinderzeitschrift erscheint. Den Weg von der U-Bahnstation zu Gruner + Jahr zeigt ein alle paar Meter mit weißer Farbe auf den Asphalt gemaltes "Stern"-Logo. Es ist kurz vor 10 Uhr, noch steht kaum ein Besucher an der Holzbude, an der die acht Euro Eintritt zu zahlen sind. Die Gelegenheit ist gut, den Raum, in dem die gefälschten Hitler-Tagebücher ausgestellt sind, in Ruhe zu sichten.



Die schwarzen Kladden liegen in Vitrinen unter Glas, beim Anblick des goldfarbenen Siegels mit den vermeintlichen Initialen Adolf Hitlers denkt man an den Satz aus Helmut Dietls "Schtonk": "Fritze Hitler hat er wohl nicht geheißen". Gleich wird der Film im Auditorium vorgeführt werden, für späte Besucher wird er am Nachmittag wiederholt. In der nächsten Vitrine ist das Bügeleisen zu sehen, mit dem Konrad Kujau das mit Schwarztee auf alt getrimmte Papier geglättet haben soll.

G+J: Bilder vom "Tag des Journalismus"


Kurz nach zehn Uhr, das Foyer füllt sich. Hans-Ulrich Jörges schlendert durch die Reihen, schüttelt Hände, scherzt. Die Leser mögen das, ihnen ist nicht bewusst, dass Jörges offiziell längst in Rente ist. Pünktlich um 10.15 Uhr begrüßen Chefredakteur Christian Krug und Geschäftsführer Alexander von Schwerin die Besucher. Danach ist Jörges an der Reihe. Mit seiner wöchentlichen Kolumne ist er die politische Stimme des "Stern", oft die einzige, und außerdem der, der die meisten Zuschriften erhält. Auf der Bühne prophezeit Jörges, "grob gesprochen", dass die ermattete Merkel nach der Europa-Wahl die Kanzlerschaft abgeben werde. Jörges erzählt dann noch von seiner Arbeit und dass er Pressesprecher grundsätzlich meide. Die wollten einem eh nur einen Bären aufbinden und wüssten vieles nicht, was ihr Chef so treibe. Lieber beobachte er Politiker bei ihrem Handeln, um zu sehen, wie authentisch sie sich verhielten und wie viel daran Inszenierung sei.

Anschließend inszeniert der "Stern" ein Gespräch mit Verlagschefin Julia Jäkel. "Stern-Gespräche" sind ein Markenzeichen des Magazins. Man hätte einen unerschrockenen Fragensteller auswählen können, zum Beispiel Arno Luik, der neulich für den "Stern" Thilo Sarrazin grillte. Stattdessen liefert der Redakteur David Baum nur Stichworte, fasst nach jeder von Jäkels Antworten das Gesagte zusammen und vergisst darüber bisweilen das nächste Stichwort zu liefern. Jäkel sagt, die Zeiten seien vorbei, dass der "Stern" wie beim 50. Geburtstag mit Schampus, Promis und Politikern feiere. "Sich abkapseln" nennt sie das. Das sei so passé wie der Martini im Büro und der First-Class-Flug für Recherchereisen. Als ob nur daran gespart würde. Man habe begriffen, sagt Jäkel, dass sich der "Stern" seinen Leser öffnen müsse, daher dieser "Tag des Journalismus".


Danach gehen die Ersten in die Kantine, wo sie sich mit Hähnchen-Curry für 11,50 Euro und einem kleinen Wasser für 2,50 Euro fit machen für das Nachmittagsprogramm. Im Foyer geht es weiter mit einer Talkrunde. Malte Herwig erzählt über den Umgang mit den Hitler-Tagebüchern aus heutiger Sicht. Alle sind sich einig, wie wichtig es sei, Fake News nicht zu erliegen. Als Autor des "Stern" wird Herwig vorgestellt. Was keiner weiß: Redakteur ist er seit kurzem keiner mehr.

Um 13 Uhr erklären Mitarbeiter des sogenannten Quality Board in einem überfüllten Raum ihre Arbeit. Als die Abteilung noch "Dok" hieß, waren dort ein paar mehr Fakten-Checker als heute beschäftigt. Sie fielen der Entscheidung des Verlags zum Opfer, befristete Verträge auslaufen zu lassen. Doch darüber redet freilich niemand. In Zeiten wie diesen wird auch an dieser Stelle gespart. Ebenfalls um 13 Uhr berichtet die Russland-Expertin Katja Gloger von ihrer Arbeit. Die Besucher hängen ihr an den Lippen. Sie absolviert ihren Auftritt souverän. Sie ist öffentliche Auftritte gewohnt. Ihr Name hat Gewicht und steht für den "Stern". Was die Besucher nicht wissen: Tags zuvor hat sich Gloger von der Redaktion verabschiedet. Sie und der "Stern" haben sich auseinandergelebt. Damit ist sie nicht allein. Auch Michael Stoessinger und Ulrike Posche begeben sich in der Redaktion derzeit auf Abschiedstour. Sie stehen sinnbildlich für den Abschied vom Reportermagazin "Stern" der alten Machart, es beschäftigt ja auch lange schon keine festangestellten Fotografen mehr.

Ausnahmslos ausgebucht sind die Touren durch die Redaktion. Dort besichtigen die Besucher die Räume, in denen das nach der Umstellung der früheren Ressortleiterstruktur gebildete Editorial Board sitzt. Hier sind die Chefs unter sich, heißt es bei der Führung. Was man nicht sieht: die auch werktags verwaisten Flure, über die Gründer Henri Nannen einst sagte, hier entstünden die besten Ideen. Dafür erfahren die Besucher, dass der Unterschied zwischen einer nackten Frau und einem nackten Mann auf dem Titel etwa 50.000 bis 60.000 weniger verkaufte Exemplare bedeute und dass man immer mehr Hefte drucken müsse als tatsächlich verkauft werden. Es könnte ja sein, dass eines mal besser im Kiosk ankommt als gedacht.

Auch eine Heftkritik steht auf dem Programm. Die Teilnehmer kritisieren gleich mehrfach das billig gemachte TV-Supplement. Sie wollen wie so viele Leser ihr früheres "Stern TV Magazin" zurück. Sie hören, man sei an Verträge gebunden. Was sie nicht zu hören bekommen: Das jetzt beiliegende rtv, das lediglich auf dem Cover das "Stern"-Logo trägt, gehört wie Gruner + Jahr zu Bertelsmann und kostet schlicht eine sechsstellige Summe pro Jahr weniger. Immerhin räumen die Verantwortlichen aus der Redaktion ein, dass die Entscheidung ein Fehler war.

Der "Tag des Journalismus" endet mit einer Themenkonferenz. Die Besucher dürfen Ideen vortragen, Chefredakteur Krug hört schweigend zu, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, die Hände gefaltet. Man hofft, dass seine Kommentare in realen Konferenzen inspirierender sind als "hm", "hatten wir schon" oder "arbeiten wir gerade dran". Und dann ist doch noch diese Frau, die erzählt, wie sie mehrfach vergewaltigt worden sei, daraus drei Kinder entstanden seien und dass ihr im Leben noch mehr Menschen Böses wollten, doch niemand nehme ihre Geschichte ernst. Sie erzählt noch viel mehr, wovor sie in dieser vollbesetzten Runde niemand schützt. Die immer deutlicher werdenden Hinweise des Organisationsteams, dass die Zeit um sei, kümmern keinen. Eine Viertelstunde, nachdem Krug schon hätte auf der Bühne des Foyers stehen müssen, um die Besucher zu verabschieden, greift eine junge Frau aus dem Organisationsteam ein: die Themenkonferenz sei nun beendet.

Als Krug und von Schwerin die Besucher verabschieden, sagen beide, dies werde nicht die letzte Veranstaltung dieser Art sein. Man habe viel gelernt. usi

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