Rathausempfang in Hamburg

70 Jahre Stern: Abschied von der Romantik

Der Senat der Freien und Hansestadt und der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher baten zum Empfang anlässlich des 70. Geburtstags des Stern
© Philipp von Ditfurth für den STERN
Der Senat der Freien und Hansestadt und der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher baten zum Empfang anlässlich des 70. Geburtstags des Stern
Themenseiten zu diesem Artikel:
Etwas weniger als die 350 Geladenen waren am Mittwochabend ins Hamburger Rathaus gekommen. Der Senat der Freien und Hansestadt und der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher hatten zum Empfang anlässlich des runden Geburtstags des Stern gebeten. Als Hauptredner trat Sigmar Gabriel auf. Auf ihn beschränkte sich die bundespolitische Prominenz. Auch von der Familie Henri Nannens war niemand da. Nur vereinzelt waren Vertreter anderer Häuser anzutreffen. Insofern glich der Empfang einer G+J-internen Veranstaltung mit vielen Ehemaligen und der fast vollständig angetretenen Stern-Redaktion, die danach in einem Hotel in der Hafencity feierte.

Verlagschefin Julia Jäkel betonte in ihrer Rede, dass "State-of-the-Art"-Journalismus, Geld und Idealismus nicht ausreichten im heutigen Mediengeschäft: Mit "Sentimentalitäten oder romantischen Hoffnungen" sei es nicht getan, wiewohl Tugenden wie Recherche weiter zu pflegen seien. Doch "die Zeiten der ökonomischen Sorglosigkeit" seien leider vorbei. Insofern sei der Stern für G+J Aufgabe und Herzensangelegenheit zugleich.

Jubiläum: Das war der Senatsempfang zum 70. Geburtstag des Stern


Der amtierende Chefredakteur Christian Krug erinnerte daran, dass die Redaktion um Henri Nannen in den Anfangszeiten des Stern nicht mehr als eine Handvoll Redakteure zählte, die zudem ihr Arbeitszeug von zu Hause mitzubringen hatten. Die Medienwelt und die Redaktion hätten sich seitdem ein wenig verändert. Ebenso der Stern. Rückblickend unterteilte er seine Historie in drei Phasen, beginnend mit dem Stern der Jahre 1938 und 1939 als Teil der NS-Propaganda. Es folgte der liberale, weltoffene Stern der Nachkriegszeit, wie ihn Henri Nannen 1948 erfand. In den 1960ern und 1970ern habe sich die Illustrierte schließlich zu einem politisch-gesellschaftlichen Magazin gewandelt.

Zwischenapplaus gab es von den Gästen im Hamburger Rathaus, als Krug dem engagierten Kampf jener Redakteure dankte, die nach dem Gau um die gefälschten Hitler-Tagebücher gegen eine Chefredaktion protestierte, "von der sie überzeugt waren, sie sei die falsche für diesen liberalen Dampfer". Heute gebe es eine Partei im Bundestag, "die uns als Feind betrachtet". Diese Partei strebe danach, die Pressefreiheit abzuschaffen. "Die Influencer Caro, Bibi und Pamela werden sich wohl nie vor sie werfen und aufhalten". Daher werde sich der Stern zwar "dem Medienwandel sehr dynamisch anpassen müssen". Eines aber werde bleiben: "Die Menschen lieben Geschichten. Das ist der Treibstoff unseres Erfolgs".

Von diesen Geschichten und ihrer Bedeutung für den eigenen Werdegang erzählte Sigmar Gabriel und nannte den Stern einen "Fortsetzungsroman für das Weltgeschehen". Auch habe das Magazin den "Glamour nach Goslar" gebracht: "Für uns tat sich damals eine neue Welt auf". Heute habe der Stern mit sinkenden Zahlen zu kämpfen, womit er sich als Politiker einer Volkspartei auskenne. Im Übrigen sei der Stern so wenig wie andere Medien "vierte staatliche Gewalt. Weil er weder über hoheitliche Rechte verfügt noch sich gegenüber dem Volk als Ganzes zu legitimieren hat". Aber wie die Politik verteidigten Medien wie der Stern die Demokratie, jeder in seiner Rolle, "gerade weil Qualitätsjournalismus der Politik kritisch gegenüber steht". Dem Stern wünschte er, so zu bleiben, wie er war – und sich selbst, in den nächsten zehn Jahren keinen Reporter geschickt zu bekommen aus der "Nachfrage-Rubrik der vorletzten Stern-Seite", wo es darum gehe: "Was macht eigentlich?". Das würde er "als bösen Angriff auf meine persönliche Integrität auffassen". usi




stats