"Ich denke mit dem Stift in der Hand"

Hyundai-Designer Peter Schreyer im Interview

Peter Schreyer verantwortet seit Anfang 2013 das Design bei Hyundai
Peter Schreyer verantwortet seit Anfang 2013 das Design bei Hyundai

Peter Schreyer kreiert den Erfolg: Der gebürtige Bayer prägt den Auftritt der international rasant wachsenden Marke Kia, seit Beginn des Jahres ist er zudem für das Design des gesamten Hyundai-Konzerns verantwortlich. Mit HORIZONT spricht Schreyer über die Positionierung der beiden Unternehmen, über koreanische Eigenarten und internationale Strategien.


Herr Schreyer, kommen Sie überhaupt noch dazu, selbst zu entwerfen? Ich habe immer einen Stift und mein Skizzenbuch dabei. Für mich ist Zeichnen eine Form der Kommunikation. Ich denke mit dem Stift in der Hand.

Seit Jahresbeginn sind Sie verantwortlich für das Design zweier international erfolgreicher Marken: Kia und Hyundai. Empfinden Sie das als doppelte Belastung? Nein, als eine doppelte Herausforderung! Das Design spielt jetzt im gesamten Konzern eine noch größere Rolle. Das ist ein toller Erfolg, der mich inspiriert.


Was sind Ihre Aufgaben? Zunächst geht es darum, beide Marken zu differenzieren. Hyundai und Kia sind Schwestern und werden auch weiterhin eigenständig auftreten. Kia sei wie ein Schneekristall, hat unser Vice-Chairman Eui-sun Chung einmal gesagt, Hyundai wie ein Wassertropfen. Das ist eine treffende Analogie. Ein Kia ist klar und straff geformt, bei Hyundai dagegen sind die Linien eher fließend.

Werden die neuen Modelle beider Marken ganz Ihrer Linie folgen? Ich gehe bei Hyundai zunächst nicht anders vor als bei Kia: So oft es möglich ist, werde ich bei den Designern sein. Doch dass ich selber einen ganzen Entwurf mache, das wird nicht passieren. Das will ich auch nicht. Wir haben junge, hungrige Designer, die miteinander im Wettbewerb stehen. Meine Aufgabe ist es, ihre Ideen zu koordinieren und zu kultivieren.

Warum liefern Sie nicht selbst einen Entwurf? Weil dann der Wettbewerb zwischen den jungen Designern zerstört wäre. Eine hoch komplexe Disziplin wie Automobildesign ist immer Teamarbeit und beruht keineswegs auf der Eingebung eines Einzelnen.

Woher kommen denn Ihre jungen, hungrigen Designer? Aus Kalifornien, aus Europa und selbstverständlich aus Korea. Wir haben ein internationales Team. Zudem versuchen wir, junge Gestalter direkt von den Hochschulen in Deutschland, in London oder Paris zu holen.

Umso erstaunlicher, dass Sie vor sieben Jahren Europa den Rücken gekehrt haben. Damals war Seoul nicht gerade die erste Adresse für einen gefeierten VW-Designer. Mittlerweile haben Sie ein erfolgreiches Team aufgebaut. Mussten Sie bei null beginnen? Nein, es war ein Team vorhanden. Aber ich saß vor einem weißen Blatt und durfte eine Strategie entwickeln. Welche Designer setze ich ein? Wo setze ich Spezialisten ein? Ich holte gute Leute ins Team, andere haben Kia verlassen. Das ist wie bei einer Fußballmannschaft.

Welche Eigenschaften müssen Ihre Designer haben? Es müssen Teamplayer sein. Die Harmonie muss stimmen.

Als Sie Wolfsburg in Richtung Seoul verließen, fragen sich viele, was Sie in Korea wollen... ...ja, das haben sich viele gefragt, richtig. Heute ist Ihnen Anerkennung gewiss. Die Resonanz ist überwältigend. Ich bin schon stolz auf das, was wir bei Kia geschaffen haben.

Fühlen Sie sich bestätigt? Klar, denn damals wusste ich, dass Koreaner bessere Autos entwickeln können, als es seinerzeit der Fall war. Kia hatte den unbedingten Willen, nicht länger in der Regionalliga zu spielen. Und die Marke hatte Potenzial. Mittlerweile ist die Qualität unstrittig. Ich war gerade in Los Angeles und sah unsere Autos auf dem Freeway entgegenkommen: Sie haben eine Identität, sie stechen heraus.

Welche Rolle spielt das Marketing? Das Marketing muss versuchen, objektive Kriterien zu finden, analysieren, warum ein Produkt erfolgreich ist. Das ist in der Regel eine gute Bestätigung unseres Designs. Obwohl ich keine Klischees verbreiten will, lässt sich schon feststellen, dass Designer häufig intuitiv urteilen, Marketer dagegen eher rational. Ich denke, diese Spannung von Rationalität und Emotionalität treibt uns an.

Muss ein Designer auch ein bisschen Marketer sein? Er muss ein Gefühl für den Markt haben, für die Wünsche des Kunden. Er muss natürlich kein Marketing-Spezialist sein. Aber der Rat des Designers ist von vielen Spezialisten immer wieder gefragt, weil er den Zeitraum der Entstehung eines Autos überblickt von der ersten Skizze bis zur Serienreife. Damit hat er ein ganz besonderes Feingefühl dafür, was das Produkt kann und was nicht.

Worin unterscheiden sich koreanische von deutschen Unternehmen und wie kommen Sie damit zurecht? Die Konzerne in Korea sind straffer organisiert, die Hierarchien ausgeprägter. Ich bin relativ locker und eher für flache Hierarchien. Wenn ich beispielsweise den Durchmesser eines Rades ändern möchte, versuche ich, ohne Umwege mit dem Designer zu reden und nicht mit seinen diversen Vorgesetzten, die dann delegieren. Mir ist es wichtig, direkt mit dem Designer zu sprechen, damit er begreift, warum ich die Änderung vorschlage.

Sprechen Sie Koreanisch? Ich bin gar nicht untalentiert für Sprachen, doch ich tue mich schwer. Das Koreanische hat keine Verbindung zu unserer Sprachkultur. Ich kann Zeichen lesen, kann meinen Namen schreiben. Wenn sich zwei Designer unterhalten, ahne ich den Zusammenhang, weil bestimmte Begriffe fallen. Viele junge Koreaner sprechen heute ganz gut Englisch.

Welche Neuheiten werden Sie in Frankfurt auf der IAA präsentieren? Wir zeigen eine sportliche B-SUV-Studie, den Kia Niro. Das Konzept soll modernen Großstädtern Rechnung tragen. Dann wird der neue Kia Soul sein Europadebüt haben. Die zweite Generation des Crossover- Modells wird erstmals in der europäischen Ausführung präsentiert. Inspiriert ist der aktuelle Kia Soul von der viel beachteten Studie Trackster, die wir im vergangenen Jahr auf der Chicago Auto Show vorgestellt haben. Interview: Fabian Wurm
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