Wie der Lokaljournalismus versagt

Die Bombe im Dunkeln

Dienstag, 30. Oktober 2018
Gestern Abend wurde in Frankfurt eine  Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. 16.000 Menschen wurden aus ihren Wohnungen evakuiert, Großeinsatz für Polizei und Feuerwehr. Und für die Lokaljournalisten vor Ort, sollte man meinen. Aber die gingen lieber schlafen.

Um 23 Uhr ist Schluss, spätestens. Die Printausgabe ist abgeschlossen, und online - wer ist schon noch online um diese Zeit? Die FAZ nicht, die Frankfurter Rundschau nicht, die Frankfurter Neue Presse nicht, Bild Frankfurt auch nicht. Warum auch? Nur weil in der Nacht im Frankfurter Europaviertel eine Weltkriegsbombe entschärft werden soll? Ach je, der alte Schrott. Und das hatten wir doch vor ein paar Monaten auch schon, irgendwie Routine, diese Bombengeschichten. Jetzt noch berichten? Wieso das denn?



Nur weil 16.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen müssen? Nur weil ein paar Renitente die ganze Aktion verzögern? Nur weil Alte und Kranke von Feuerwehr und Rotem Kreuz in Sicherheit gebracht werden müssen? Nur weil 1200 Menschen, die sonst nirgends unterkommen, in der Messehalle 5 ausharren? Nur weil die Kinder – und nicht nur die Kinder – sich Sorgen um das zurückgelassene Haustier und ein paar andere Kinkerlitzchen machen? Die sollen sich mal nicht so anstellen. Wegen sowas schlägt sich ein Lokalreporter doch nicht die Nacht um die Ohren! 

Also haben die Frankfurter Lokalmedien sich gestern Abend unisono gesagt, das lassen wir. Das klickt ja nicht. Das interessiert allenfalls die 16.000 Betroffenen. Und deren Familien, Freunde und so. Auf jeden Fall zu wenig, zu klein, zu nah am Leben. Dunkel ist es auch schon. Nachts noch die Website aktualisieren? Twittern? Facebook und solche Sachen bedienen? Nee, Feierabend, machen wir morgen früh, topaktuell. 


Alle Frankfurter Lokalmedien? Fast alle. Hessenschau.de, eine Seite des HR, hat gearbeitet. Genau, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wo ja angeblich lethargische Redaktionsbeamte ihrem Dienstschluss entgegen dämmern. Dort hat man gearbeitet. Bis tief in die Nacht. Bis die Bombe entschärft war. Bis die Menschen in ihre Wohnungen zurück konnten. Die Hessenschau war auf ihrer Website präsent, auf Twitter und überall, wo die Betroffenen Nachrichten suchten. Tja, und die Verleger werden demnächst wieder ihre Kernkompetenz herausstellen, das Lokale, die Nähe zu den Menschen … Das wird schon alles stimmen. Nur gestern, als in Frankfurt die Bombe entschärft wurde und 16.000 Menschen evakuiert wurden, stimmte nichts.        

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