Unser aller Relotius

Welche Konsequenzen die Medien jetzt aus der Spiegel-Affäre ziehen sollten

Montag, 14. Januar 2019
Gut drei Wochen nachdem der Spiegel seinen Reporter Claas Relotius als Schwindler enttarnte schwebt nach wie vor die Frage im Raum, wie man einen solchen Betrug in Zukunft verhindern kann. Eine dezidierte Meinung dazu hat Ernst Elitz. Der Medienexperte, der zurzeit als Ombudsmann bei Bild agiert, macht in seinem Gastbeitrag für HORIZONT gleich mehrere Vorschläge, wie die Arbeitsorganisation in den Redaktionen künftig aussehen und nach welchen Regeln Branchenpreise vergeben werden sollten.

 Ein Jahr wird nicht reichen, um den Vertrauensverlust wettzumachen, den der Skandal um den Fake-Reporter Relotius ausgelöst oder – sagen wir besser – verstärkt hat. Denn zu viele sind dem Hochstapler mit Spiegel-Nimbus auf den Leim gegangen und zu viele Skandale haben schon in der Vergangenheit das Image der Medien geschädigt. Jede Lesergeneration hat ihre eigenen Erinnerungen an mediales Fehlverhalten – zum Beispiel die Berichterstattung über das "Waldsterben" Anfang der 1980er Jahre, bei dem die Stimmen seriöser Wissenschaftler, die als wahre Ursache für die Erkrankung des Waldes das Zusammenwirken unterschiedlicher natürlicher Phänomene diagnostizierten, systematisch unterdrückt wurden. Seien es die Hitler-Tagebücher von 1983 oder Ende der 1990er Jahre die mediale Vernichtung des sächsischen Ortes Sebnitz, in dem Neonazis ein Kind ertränkt haben sollten – auch das ein Fake. Oder die zögerliche Berichterstattung über sexuelle Attacken von jungen Migranten in der Kölner Silvesternacht 2015/16.

„Eine noch so rigorose Aufklärungsarbeit des Spiegel kann das Weiterwabern des Lügenpresse-Vorwurfs nicht stoppen.“
Ernst Elitz
Heute lässt sich ein Medienskandal nicht mehr so schnell verdrängen, auch weil der von der AfD und unzähligen medienkritischen Blogs produzierte Vorwurf der "Lügenpresse" mit jedem aktuellen Fehlverhalten Bestätigung und virale Weiterverbreitung findet.

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