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Criteo-CEO Jean-Baptiste Rudelle
Criteo
Regulierung

Warum das offene Internet Grenzen für die Big Techs braucht

Criteo-CEO Jean-Baptiste Rudelle
Das offene Internet ist in Gefahr. Angesichts der dominanten Position der großen Tech-Konzerne besteht das Risiko, das das freie Netz vor unseren Augen verschwindet, meint Jean-Baptiste Rudelle, Gründer und CEO des französischen AdTech-Unternehmens Criteo. Er plädiert daher für eine stärkere Regulierung und Kontrolle der Big Techs.
von Jean-Baptiste Rudelle, Criteo Mittwoch, 21. August 2019
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Das offene Internet mit seinem Paradigma der Netzneutralität ist eines der Grundprinzipien des World Wide Web, und dennoch ist es inzwischen durchaus erklärungsbedürftig. Die Begründer des WWW setzten sich zum Ziel, dass jeder die gleichen Chancen erhalten solle, Informationen jeder Art zu veröffentlichen und auf sie zuzugreifen – ohne jegliche Einschränkung durch diejenigen, die die Infrastruktur betreiben. Das offene Internet steht für Freiheit und Gleichheit, es verleiht allen Internet-Nutzern dieselbe Macht und dieselben Möglichkeiten. Dieses Ideal sollte uns alle eigentlich einen: Bürger, Regierungen und engagierte Web-Unternehmen. Der revolutionäre Geist, der über die blanke Wissensvermittlung gesellschaftliche Auswirkungen haben sollte. Eine moderne Interpretation der Werte der Französischen Revolution: Liberté, Égalité, Fraternité. 



Tatsächlich hat das Ideal in den letzten Jahren reichlich Federn lassen müssen: Das offene Internet, wie wir es uns vorstellen, war und ist einer ganzen Reihe heimlicher Bedrohungen ausgesetzt. Und die sind unmittelbar verknüpft mit der Konsolidierung des weltweiten Tech-Markts. Heutzutage sind ganze Wirtschaftszweige in der Hand weniger Big Techs. Sie kontrollieren Search, Mobile Content, soziale Netzwerke und einen erheblichen Teil des Handels. Sie haben sich als sehr geschickt darin erwiesen, die Einnahmen aus den von ihnen dominierten Branchen so einzusetzen, dass Innovation möglichst verhindert und Markteintritte anderer Player im Keim erstickt werden. Die Big Techs vereinen auf ihren Diensten weniger als die Hälfte der Online-Zeit der User, dafür aber mehr als drei Viertel der Werbeausgaben im World Wide Web – Tendenz steigend. 

Im Markt schaffen es immer weniger unabhängige Player bis zur Marktetablierung. Würde ich in unserem aktuellen digitalen Ökosystem dasselbe AdTech-Unternehmen gründen wollen, das ich vor 15 Jahren gegründet habe – ich hätte keine Chance. Und dabei ist es nicht einmal der Zugang zu externer Finanzierung, der mich bremsen würde: In diesem Bereich haben wir, besonders in Europa, gewaltige Fortschritte gemacht. Das sollten wir zu schätzen wissen. Nein, das grundlegende Problem unseres digitalen Ökosystems ist, dass es in weiten Teilen undurchdringbar geworden ist. 
„Wir finden uns damit ab, dass unsere persönlichen Daten von vier globalen Unternehmen verwaltet werden. “
Jean-Baptiste Rudelle
Und das ist nicht nur ein wirtschaftliches Thema. Die jetzige Situation hat entscheidenden Einfluss auf unsere Art und Weise, miteinander zu leben. Diese gesellschaftlichen Auswirkungen können wir nicht länger ignorieren. Um es ganz klar zu sagen: Man könnte kein schärfer beschränktes und kontrolliertes System entwerfen, das dem Ideal der Erfinder des Webs vehementer widerspricht, als unser aktuelles. Indem wir zulassen, dass das Internet selbst zur Sperrzone wird, resignieren wir. Wir finden uns damit ab, dass unsere persönlichen Daten von vier globalen Unternehmen verwaltet werden, die unsere Welt so gestalten, wie es ihnen zusagt. Dieser Machtverlust auf Seiten der Verbraucher zwingt uns als Gesellschaft, ethische und Datenschutz-Standards hinzunehmen, denen wir eigentlich nicht zustimmen, und beraubt uns jeglicher möglichen Alternativen. 


Weil die Big Techs ganze Teile des digitalen Ökosystems kontrollieren, befinden sie sich auch noch im Zentrum großer Interessenkonflikte gegenüber Internetnutzern. Das Hauptproblem dabei: Dasselbe Unternehmen, das einen Service für Internetnutzer anbietet, verkauft gleichzeitig die personenbezogenen Daten derselben User. Dieses Modell erschwert jegliche Transparenz zum Einsatz der Userdaten genauso wie den Schutz ihrer Privatsphäre. In einem derart undurchsichtigen Setup wird der vorherrschende Betreiber immer versucht sein, die von ihm gesammelten Daten über den angemessenen geschäftlichen Nutzen hinaus einzusetzen. 

Dieser zentrale Interessenskonflikt lässt sich nicht mehr ohne eine Intervention durch die öffentliche Hand lösen. Und zwar bald, denn es ist dringend notwendig, dass wir das derzeitige digitale Ökosystem generalüberholen. Nur so wird es transparenter und schützender für jeden einzelnen Nutzer und seine persönlichen Entscheidungen. Um Interessenkonflikte zu managen, bei denen so viel auf dem Spiel steht, können die Behörden Inspiration aus dem Bankensektor ziehen. Dort haben sie durch die strikte Trennung von traditionellem Bankgeschäft und Investment Banking ein System, von dem vor allem der vermeintliche Dienstleister Bank profitierte, zu einem transparenteren Modell mit klaren Schutzmechanismen für Verbraucher und Investment-Markt gewandelt. Für den Digitalbereich kann man sich eine solche Regelung, die die Services am Endverbraucher eindeutig von der Monetarisierung dieser Angebote trennt, nur wünschen. 

Diese Maßnahmen würden es wesentlich erleichtern, den Einsatz unserer personenbezogenen Daten zu kontrollieren – und sicherlich einige der Missbräuche verhindern, die wir erlebt haben. 

Im Kampf für ein offenes Internet geht es nicht nur um die Verteidigung eines theoretischen Prinzips oder eines Wirtschaftszweigs. Es geht darum, unseren Lebensstil und unsere individuellen Entscheidungen klar und deutlich zu schützen. Wir müssen jetzt handeln. Nur dann wird das Web wieder offen sein für unternehmerische Freiheit und, noch viel mehr, für die tatsächliche Wahlfreiheit jedes Internetnutzers. Das ist das Grundprinzip des Internet. Das ist es, was wir um jeden Preis und mit vereinten Kräften schützen müssen. 

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