Links und innovativ

Die taz hat mal wieder eine Idee: Lassen wir das mit dem Papier

Mittwoch, 19. September 2018
Seit ihrer Gründung im Jahr 1978 spielte die taz auf dem deutschen Medienmarkt eine Sonderrolle. Zu den Mainstream-Medien gehörte sie nie, wollte sie nie gehören – auch nicht in Zeiten, als dieses Etikett noch mehr Auszeichnung als Stigma war. Links, alternativ, undogmatisch: Ihre Attribute zählen nicht zu den typischen Eigenschaften deutscher Tageszeitungen.

Redaktionell war sie von Anfang an anders, die Pointe in der Schlagzeile war ihr wichtiger als die Seriosität der dpa-Nachricht. Ihre genossenschaftliche Finanzierung war eine Art Crowd Funding, als es den Begriff noch nicht gab. Und, auch das noch: Werbung spielt im Geschäftsmodell der taz keine Rolle.



Aber was heißt schon Geschäftsmodell? Die taz hat eine Mission. Und einen Geschäftsführer, der sich um die Zahlen kümmert und darum, Wunsch und Wirklichkeit miteinander in Einklang zu bringen. Karl-Heinz Ruch ist in dieser Rolle von Anfang an dabei. Er hat Krisen gemanagt, wann immer das nötig war, die Organisation professionalisiert, Zukunftskonzepte erarbeitet, die Kapitalismus-Kritiker zu Immobilieneigentümern gemacht. Der Mann, den alle nur Kalle nennen, verfügt über einen originellen und kreativen Blick nicht nur auf die eigene Zeitung, sondern auf die Medienszene insgesamt. Und jetzt, kurz vor seinem Ruhestand, kündigt er noch einmal Großes an: Ab 2022 könnte die taz nur noch einmal wöchentlich auf Papier erscheinen, nicht mehr täglich wie bisher. Der Rest ist digital.

„Scheitern gilt ja im Silicon Valley als hip. Deutschlands Zeitungsverleger müssen demzufolge ein hippes Völkchen sein.“
Uwe Vorkötter
Das ist ein Szenario, das über die taz hinaus relevant ist. Auch andere Tageszeitungen werden sich die Frage stellen müssen: Wie lange erscheinen wir noch sechsmal in der Woche auf Papier? Zehn Jahre? Fünf Jahre? Oder nur noch drei Jahre, wie die taz? Bei dem linken Nischen-Titel spielen Vertriebskosten und Remissionsquoten eine besonders große Rolle, das liegt an der bundesweiten Verbreitung. Aber jeder Regionalverlag stöhnt seinerseits über den Mindestlohn und die Logistikkosten, die das Printgeschäft belasten. Die taz hat im Gegensatz zu anderen Häusern auf dem Anzeigenmarkt keine Printerlöse zu verlieren, mangels Anzeigen. Aber wer am Dienstag, Mittwoch oder Freitag in seine regionale Tageszeitung schaut, der findet da auch nicht mehr viel Werbung, die etablierte Verlage zu verlieren hätten.


Richtig ist, dass es nicht besonders klug ist, die alte Erlössäule Print zu schleifen, bevor eine neue digitale Säule sie ersetzen kann. Seit fünfzehn Jahren doktern die Verlage daran herum: Erst lautete die Strategie All-in auf die Werbefinanzierung – das scheiterte. Die Übertragung des traditionellen Abo-Modells ins Digitale funktionierte auch nicht, der Einzelverkauf von Artikeln schon gar nicht, das iPad brachte nicht die Erlösung ... Scheitern gilt ja im Silicon Valley als hip. Deutschlands Zeitungsverleger müssen demzufolge ein hippes Völkchen sein.

Jetzt zeichnet sich tatsächlich so etwas wie eine funktionierende Strategie ab: Digitalpässe, E-Paper-Abos, FAZ- (oder Welt- oder Zeit- oder Spiegel-)Plus-Konzepte wachsen in relevante Größenordnungen hinein. Für die taz hat Kalle Ruch ausgerechnet, dass sie 84.000 Digitalabos braucht; 62.000 hat sie bereits. Da hat er schon andere Herausforderungen gestemmt. uv 

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