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Video-on-Demand-Dienste wie Netflix sind weiter auf dem Vormarsch
Netflix
Europäisches Youtube?

Warum die deutschen TV-Player Gefahr laufen, sich zu verzetteln

Video-on-Demand-Dienste wie Netflix sind weiter auf dem Vormarsch
Das Szenario erinnert an einen Sandkasten. Jeder sitzt mit seiner Schippe da und verteidigt die eigenen Sandförmchen. Die deutschen Fernsehsender schaffen es nicht, die Reihen zu schließen und Netflix und Youtube mit einem gemeinsamen Video-on-Demand-Angebot Paroli zu bieten. Die drei Lager Mediengruppe RTL, Pro Sieben Sat 1 und die öffentlich-rechtlichen Kanäle arbeiten an individuellen Lösungen. Der Ruf nach einer übergreifenden Plattform bleibt derzeit ein gern abgegebenes Lippenbekenntnis.
von Juliane Paperlein Sonntag, 07. Oktober 2018
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Dabei ist die Idee so bestechend: Der Zuschauer strebt nach Vereinfachung. Was wäre da naheliegender, als eine Plattform zu bauen, auf der alle Inhalte der deutschen Senderlandschaft verfügbar wären? Ein Fernseher für die digitale Welt sozusagen. Ein qualitativ hochwertiges Youtube nur für Broadcast-Inhalte. Ein solches Modell hätte gute Chancen auf Erfolg. Doch im Gegensatz zu den großen US-Playern, die immer wieder betonen, dass sie vom Nutzer her denken, gerät die Zuschauerzentrierung sofort in den Hintergrund, wenn es darum geht, wie man sich denn nun zusammenschließt.

„Im Gegensatz zu den großen US-Playern, die immer wieder betonen, dass sie vom Nutzer her denken, gerät die Zuschauerzentrierung sofort in den Hintergrund, wenn es darum geht, wie man sich denn nun zusammenschließt.“
Juliane Paperlein
Anfang Mai vertiefte ARD-Intendant Ulrich Wilhelm den Gedanken einer übergreifenden Plattform für Videoinhalte privater und öffentlich-rechtlicher Angebote. Für den Hinterkopf: Nicht mal die ARD-Anstalten hatten bis vor kurzem eine gemeinsame Mediathek.


Die Privaten reagierten unterschiedlich: Zurückhaltend die Mediengruppe RTL, aufgeschlossen Pro Sieben Sat 1. Die Erklärung für die Reaktionen kam dann Ende Juni. P7S1 und Discovery kündigten an, ihre gemeinsamen Aktivitäten zu vertiefen und die Angebote, darunter Eurosport Player und Maxdome, in der 7TVApp zusammenzuziehen. Daran könnten sich alle anderen ja auch gern beteiligen, ließen die beiden Partner verlauten. Zeitgleich kündigte die Mediengruppe RTL an, ihrerseits ein großes Video-on-Demand- Angebot für den deutschen Mainstream zu bauen. Allerdings ohne die Idee, diese auch für andere zu öffnen. Mein Förmchen, dein Förmchen. Seit September wird ARD-Intendant Wilhelm nun für einen weiteren Vorschlag gefeiert: Statt einfach mal anzufangen und seine ARD mit einem der deutschen Privatangebote zu verheiraten, wirbt er für eine Super-Super-Mediathek, der erstens nicht nur TV-Sender, sondern auch Verlage und andere Inhaber von "Qualitätsinhalten", beispielsweise aus Kultur und Wissenschaft, angehören sollen. Und die zweitens auch noch Anbieter aus ganz Europa vereinen soll.

Das klingt zunächst wie der ganz große Wurf. Doch es wäre nur eine fantastische Gelegenheit für Netflix und Co, zügig weiter Boden gutzumachen: Weil die hiesigen Player dann nicht nur damit beschäftigt wären, ihre eigenen Angebote umfangreicher zu gestalten, sondern auch damit, sich in unendlichen Gesprächsrunden über jedes Detail der Mega-Plattform zu einigen – von der Anordnung der Sender bis zum Namen. Ein Euroflix zu bauen würde in einer solchen Konstellation, in der auch noch die Politik mit am Tisch sitzen soll, Jahre dauern. Zeit genug für Netflix und die anderen US-Wettbewerber, die eigenen Sandburgen noch viel größer zu machen. pap


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