Deutschlandfunk

Gendern, bis der Zahnarzt kommt

Freitag, 17. Juli 2020
Wie ungerecht ist unsere Sprache? Sehr ungerecht, eindeutig männlich dominiert. Sagen Genderforscherinnen und -politikerinnen. Sie wollen das ändern, schon lange. Und sie kommen voran, jetzt auch im Radio. Ausgerechnet im Deutschlandfunk. Ist das ein Fortschritt?
Deutschlandfunk
Gendern, bis der Zahnarzt kommt
:
:
Info
Abonnenten von Horizont+ können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.
Jeden Tag hören mehr als zwei Millionen Menschen den Deutschlandfunk, ich bin einer von ihnen. Ein Informationsprogramm, das es in die Top 10 des deutschen Radios schafft, mitten hinein in die Phalanx der Hit-Antennen mit ihren Morningshows und dem besten Mix aus allem und jedem. Respekt! Nachrichten und Hintergrund, fachkundig und unvoreingenommen präsentiert, dazu die besten, weil hartnäckigsten politischen Interviews, die in der deutschen Medienlandschaft zu finden sind – für all das steht der Deutschlandfunk. Seit einiger Zeit steht er aber auch für einen seltsamen Tick: Moderatoren und Reporter bauen einen künstlichen Sprachfehler in ihre Moderationen und Reportagen ein. Und überhaupt, ihre Sprache wird immer skurriler. Das hat System.


Kürzlich ging es um den Sport, Thema war ein Tennisturnier. Die Moderatorin sprach über die "Spieler", kurze Pause, "-innen". Im nächsten Satz verwies sie darauf, dass für die "Teilnehmenden" strenge Hygienevorschriften gelten. Kurz darauf hieß es, dass "neben Betreuerinnen und Betreuern auch Zuschauerinnen und Zuschauer" auf der Tribüne zugelassen seien. So klingt es, wenn im Radio munter drauflos gegendert wird – wer die Sprache liebt, hört plötzlich Geräusche, die ungefähr so angenehm sind wie der Bohrer beim Zahnarzt. Aber wie beim Zahnarzt, so geschieht das auch hier in bester Absicht: Die einen verursachen Schmerzen im Dienste der Gesundheit, die anderen im Dienste der Gleichberechtigung.
„Wer die Sprache liebt, hört plötzlich Geräusche, die ungefähr so angenehm sind wie der Bohrer beim Zahnarzt.“
Uwe Vorkötter

Grammatik im Kulturkampf

Wer je einen Grünen- oder SPD-Parteitag verfolgt hat, weiß, dass sich dort viele Lehrer treffen, die man aber unbedingt Lehrerinnen und Lehrer nennen muss, sie sind ja auch allesamt Politikerinnen und Politiker, viele von ihnen auch Abgeordnete und … - sorry, das klappt jetzt nicht, also Mandatsträgerinnen und Mandatsträger. In jedem Fall geht es darum, das berüchtigte generische Maskulinum zu vermeiden, das in der Grammatik für (skandalöse?!) Ungleichheit sorgt. Der Lehrer, so lehrten es Generationen von Lehrern, hat ein biologisches Geschlecht, das kann männlich oder weiblich sein. Völlig unabhängig davon hat er ein grammatisches Geschlecht, das ist männlich – schließt aber den weiblichen Teil der Lehrerschaft gedanklich unbedingt mit ein. Man kann das gut finden (war doch schon immer so!) oder ganz schlecht (transportiert die Geschlechterklischees schon in die Köpfe der Kinder!). Wer es schlecht findet, kann reden wie Grüne, SPD und Deutschlandfunk. Leider macht das die Sätze umständlicher, langsame Redner klingen noch langatmiger als sonst. Die Schnellsprecher dagegen erinnern sehr an Erich Honecker, der wohl seine Genossinnen und Genossen meinte, wenn seine Zuhörer irgendetwas wie „Gnossen-un-Nossen“ verstanden.
„Wer je einen Grünen- oder SPD-Parteitag verfolgt hat, weiß, dass sich dort viele Lehrer treffen, die man aber unbedingt Lehrerinnen und Lehrer nennen muss, sie sind ja auch allesamt Politikerinnen und Politiker, viele von ihnen auch Abgeordnete und … - sorry, das klappt jetzt nicht, also Mandatsträgerinnen und Mandatsträger.“
Uwe Vorkötter
Im Radio ist diese Methode auch deshalb nicht ideal, weil sie Zeit kostet. Die ist knapp, in den Nachrichten vor allem und wenn der Reporter alles Wichtige in einer Minute und 30 Sekunden unterbringen soll. Deshalb geht es im Deutschlandfunk durchaus auch anders, kürzer. Motto: Wir neutralisieren Männer und Frauen, verwandeln sie gewissermaßen ins dritte grammatische Geschlecht, das klingt dann irgendwie queer. Also werden aus Mitarbeitern Mitarbeitende, aus Zuschauern Zuschauende, aus Teilnehmern Teilnehmende, und so weiter. Dass das Studierende mal ein Student war, haben wir ohnehin längst vergessen. Alles gut also? Es gibt da ein kleines Problem: So sehr sich über die Frage, was gutes und was schlechtes Deutsch ist, streiten lässt – dass Partizipialkonstruktionen dieser Art ganz schlechtes Deutsch sind, haben Generationen von Journalisten spätestens in ihrer Ausbildung gelernt. Auch meine Deutschlehrerin hätte schon Zahnschmerzen bekommen, wenn jemand sie eine Deutschlehrende genannt hätte.

ExpertInnen für die Erektion im Text

Nur nicht aufgeben, auch wenn’s gruselig klingt, sagen sich unsere Kollegen vom Radio, nein: unsere Kolleg-innen. Sprechen Sie das mal nach, mit einer kleinen Pause, wo der Bindestrich steht. Lehrer-innen, Beamt-innen, Terrorist-innen (habe ich im DLF noch nicht gehört, es gibt wohl doch noch echte Männerdomänen). Gender Gap heißt dieser Sprach-Tick in Fachkreisen, es handelt sich um den Versuch, sogenannte geschlechtergerechte Schreibweisen auch zu sprechen. Die taz hat einst das Binnen-I eingeführt: KünstlerInnen, DemonstrantInnen. Inzwischen verwendet man es kaum noch, die taz-Redakteurinnen selbst erkennen darin eine "Erektion im Text". Die einstigen ExpertInnen haben andere Schreibweisen gefunden: Expert_innen, Expert*innen, Expert:innen. Angeblich folgen diese unterschiedlichen Schreibweisen auch noch bestimmten Regeln, dann wäre es also nicht egal, ob im Einzelfall der Unterstrich, das Sternchen oder der Doppelpunkt gesetzt wird. Aber das ist mir zu kompliziert – und im Deutschlandfunk auch nicht weiter von Bedeutung. Da wird alles zum Pausentick, pardon: zum Gender Gap. Übrigens ist Gender Gap ein unechter Anglizismus. In der englischen Sprache gibt es kein grammatisches Geschlecht, das man durch einen Gap korrigieren könnte. Der, die, das? The! Falls Sie sich fragen, warum Englisch in der ganzen Welt gefunkt wird und Deutsch im Deutschlandfunk, das könnte die Erklärung sein.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Von mir aus kann jedes Medium sich seine Sprache selbst wählen. Es sollte nur eine Sprache sein, die zu ihm passt. Wer ein Magazin für pubertierende Jugendliche herausgibt, ist gut beraten, die jungen Menschen auf eine Art anzusprechen, die sie verstehen. Da werden nicht unbedingt die gewähltesten Ausdrücke zur Anwendung kommen. Wer wie die taz den Feminismus lebt und immer wieder neu erfindet, kann mit Hingabe all diese Debatten um Sternchen und Doppelpunkte führen, Vollversammlungen abhalten, Entscheidungen treffen, vertagen, verwerfen. Und die Kampagne für die allgemeine Genderei wieder und wieder befeuern. Warum nicht?
„Wer die Sprache liebt, hört plötzlich Geräusche, die ungefähr so angenehm sind wie der Bohrer beim Zahnarzt.“
Uwe Vorkötter
Der Deutschlandfunk ist aber weder die taz noch ein Begleitmedium zum Studiengang Gender Studies an der Uni Paderborn. Er ist ein – hervorragendes, siehe oben – Informationsprogramm für Menschen, die wissen wollen, was in Politik und Gesellschaft passiert. Als beitragsfinanziertes öffentlich-rechtliches Programm … – ja, das nervt, dass man sich dafür ständig rechtfertigen soll -, also, als beitragsfinanziertes öffentlich-rechtliches Programm sollte der Deutschlandfunk, jedenfalls aus meiner Sicht, seinen Hörern in einer Sprache begegnen, die sie selbst auch sprechen. Kommunikation auf Ohrenhöhe gewissermaßen. Ich habe dazu einen (zugegeben nicht-repräsentativen) Test gemacht und festgestellt: In beruflichen Zoom-Konferenzen, bei Rewe an der Kasse, in der S-Bahn und auf Netflix reden Menschen, sie gendern nicht. Nicht mal im Hit-Radio. Aber im Deutschlandfunk treten neuerdings die Sprechenden den Hörenden von oben herab entgegen - in der Attitüde medialer Erzieher-innen, belehrend und anmaßend.

1984 der Newspeak, 2020 der Newsspeak?

Sollte ich der einzige Hörer sein, den diese Kunstsprache aus dem elfenbeinernen Funkhaus befremdet: dumm gelaufen, mein Problem. Aber ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, die den Deutschlandfunk schätzen, nicht aber die Marotten seiner selbsternannten Sprach-Avantgarde. Einer von ihnen meinte kürzlich zu mir, man müsse Orwells "1984" daraufhin noch mal neu lesen. Das Wahrheitsministerium legte in diesem Roman ja großen Wert darauf, die Kommunikation von schädlichen Begriffen zu reinigen und führte letztlich eine ganz neue Sprache, den Newspeak ein. Und 2020 der Newsspeak?


Ach ja, noch eins: Menschen, die diesen Kommentar blöd finden, fanden es in der Vergangenheit auch schon blöd, dass Männer sich zu sowas überhaupt äußern. Der will sicher nur seine Privilegien verteidigen! Ich bin aber gern bereit, auf Anhieb mindestens ein Dutzend Frauen namentlich zu benennen, die meine Meinung in dieser Angelegenheit teilen – allesamt DLF-Hörerinnen, darunter aber keine Hörer-in.

(Wenn Sie sich ein Bild davon machen wollen, was den Deutschlandfunk zu seiner  "geschlechtergerechten" Sprache bewegt, hier noch ein Link.)
stats