BOLD – die Kolumne zur Kommunikation

Wir müssen reden. Aber wie geht das?

Montag, 01. Februar 2021
Eine neue Kolumne bei HORIZONT Online: Uwe Vorkötter, gerade noch Chefredakteur, ab sofort Autor, schreibt regelmäßig über die Kommunikation – in den Medien, in der Gesellschaft, im Marketing. Der Titel: BOLD. Das ist natürlich Programm.
Wenn alle Menschen nur dann reden würden, wenn sie etwas zu sagen haben, wäre die Sprache vom Aussterben bedroht. Dieses Bonmot geht auf William Shakespeare zurück. Solche Gedanken machen wir uns heute nicht mehr. Stattdessen wird drauflos geredet, geplappert und geplaudert, debattiert und polemisiert und argumentiert, posiert und positioniert - bei Twitter und Facebook, Twitch und Tiktok, neuerdings bei Clubhouse ... Und wenn kein Argument mehr zur Hand ist, dann doch sicher ein Kraftausdruck, der kommt besonders authentisch rüber. Shakespeare hätte über die Kommunikation der Neuzeit sicher ein paar Sonette geschrieben.

Bei uns wird jetzt eine Kolumne daraus. Muss das sein? Natürlich nicht. Aber, wie hätte der Dichter es heute formuliert: Wenn alle Journalisten nur dann schreiben würden, wenn sie etwas mitzuteilen haben, wären die Medien vom Aussterben bedroht. Wollen wir das? Also eine Kolumne, das heißt eine Spalte Text, obwohl das Internet keine Spalten kennt. Erscheinungsweise: regelmäßig, mehr oder weniger jedenfalls, mindestens alle zwei Wochen. Persönlich, immer mit Meinung, hoffentlich nie ohne Gedanken. Es geht um Kommunikation über die Kommunikation, das ist die DNA von HORIZONT.

Drei Leitfragen – sie folgen gleich unten - werden die Themen bestimmen. Darunter passt Grundsätzliches (meistens) und scheinbar Nebensächliches (gelegentlich), das Leichte und das Schwere, die lange und die kurze Form. BOLD, fett gedruckt, ist Titel und zugleich Programm: Haltung und Standpunkt sollen eindeutig sein, Sprache und Tonlage klar. Der Rest ist offen. Hier die Leitfragen und was alles dazu gehört:

1. Wie kommuniziert die Gesellschaft?

Wer kommuniziert überhaupt noch miteinander – außerhalb der eigenen Filterblase? Wer redet mit Andersdenkenden, wer wird ausgeschlossen aus der Kommunikation? Wem sollten wir das Wort entziehen, weil seine Worte gefährlich sind wie eine Waffe? Wer ist autorisiert, das Wort zu entziehen? Die Regierung? Facebook? Ist die Meinungsfreiheit bedroht, wenn der übelste Dreck aus den sozialen Medien entfernt wird? Wo finden gesellschaftliche Debatten heute statt? In den klassischen Medien, in der FAZ und in der Zeit, bei Lanz und Will? Im Internet, also irgendwo und nirgendwo? Und wie kommunizieren wir? In 280 Zeichen, vollgestopft mit #Hashtags? Mit Gendersternchen und Triggerwarnung? Verträgt das 21. Jahrhundert keinen Klartext mehr, keine Kunst und keine Karikatur – weil die jungen Menschen so schrecklich verletzlich sind und alle so gern beleidigt?

2. Was ist guter Journalismus?

Zählt der messbare Erfolg? Bemisst sich die Qualität von Medien in Klicks und Visits und Unique Users, in Likes und Shares? Oder ist ein guter Journalist, wer seine Community in einer Nische des Info-Marktes passgenau bedient? Oder doch der Feuilletonist, der schon immer nur für sich geschrieben hat, ohne Rücksicht auf die Befindlichkeit seiner Leser? Wer ist überhaupt noch ein Journalist? Der festangestellte Redakteur, die freie Autorin – auch die Influencerin und der Blogger und all die entschiedenen Meinungsäußerer auf Twitter, Facebook und Youtube? Und die Aktivisten für das Klima und gegen Rechts oder Links, in den Redaktionen und außerhalb? Die Profis des Content Marketing, die so stolz darauf sind, dass ihre Dienstleistung doch eigentlich Journalismus ist?

3. Was will das Marketing?

Verkaufen, na klar – aber sonst? Die Welt verbessern, ernsthaft? Aus Überzeugung? Oder schmückt es sich gern mit Nachhaltigkeit, Purpose und den Gretas der Generation Z? Ist doch nur Marketing, oder? Haltung zeigen, Statements setzen? Aber was, wenn das dem Kunden in China oder sonst wo missfällt? Hat die Marke heute noch eine Botschaft? Oder hat sie tausend Botschaften, weil jeder Konsument seine eigene verlangt? Begreift der Kunde endlich, dass das Marketing ihm das Leben leichter machen will? Warum ist er dann gleich so genervt, wenn es mal bling-bling auf seinem Tablet macht? Prägt die Werbung noch den Zeitgeist - wie damals, im 20. Jahrhundert? Oder hecheln die Kreativen von heute dem Zeitgeist nur noch hinterher? Me Too,  Black Lives Matter, Fridays for Future: Dabeisein ist Marketing?

Fragen über Fragen. Und die Antworten? Morgen geht’s los. Mit einer Kolumne über Mathias Döpfner, der Ursula von der Leyen, die Chefin der EU-Kommission, in der vergangenen Woche aufgefordert hat, Google das Datensammeln, also das Googlesein, zu verbieten - und damit die Welt zu verändern. Könnte sie das? Und wäre Döpfners Welt nicht nur eine andere, sondern auch eine bessere?
    stats