BOLD – die Kolumne zur Kommunikation

ICH, Thomas Rabe

Sonntag, 02. Oktober 2022
Nach Stephan Schäfer verlässt nun auch Oliver Radtke RTL: der Mann, der das Medienhaus der Zukunft aus TV-Sendern, Streamingplattformen und den Magazinen von Gruner und Jahr errichten sollte. Bertelsmann-Chef Thomas Rabe bestimmt jetzt allein, wer eine Zukunft in diesem Haus hat und wer ausziehen muss. Das ist keine gute Nachricht.

Darf ich Ihnen erst einmal eine Geschichte von früher erzählen? Lang ist’s her, sie spielt im Jahr 2001, in Gütersloh regierte Thomas Middelhoff den Bertelsmann-Konzern. Thomas Superstar Middelhoff, der seinem Unternehmen gerade einen sagenhaften Milliardengewinn eingebracht hatte: AOL an Time Warner verkauft, für 7,5 Milliarden Euro, nie war eine Internet-Firma höher bewertet worden. Es war die Zeit der Dotcom-Pioniere, noch waren sie berühmt und wurden bewundert, die erste große Blase der Web-Ökonomie war noch nicht geplatzt. Middelhoff zog es von Ostwestfalen in die Welt, aus dem deutschen Familienkonzern sollte ein Big Player im internationalen Big Business werden.

Niemand verkörperte wie er den Typ des modernen globalisierten Managers: jung, dynamisch, offensiv, innovativ. Auf seinen rastlosen Reisen um die Welt ließ er jeweils seine Belegschaften zusammentrommeln, in sogenannten Townhall Meetings. Ich war damals Chefredakteur der Berliner Zeitung, die gehörte zu Gruner und Jahr; G+J gehörte mehrheitlich zu Bertelsmann. Eines Tages im Frühjahr 2001 wollte unser Chefchef auch in Berlin seine Leute begeistern – und lud uns ins Kino ein, in den Zoopalast am Kudamm. Aber nicht um einen Film zu sehen, sondern um IHN zu sehen.

Mit dem Headset auf den Weltmarkt

Ein paar hundert Leute saßen dort und wunderten sich, dass es so viele Bertelsmänner und -frauen in der Hauptstadt gab. Man hatte sich noch nie gesehen, nichts miteinander zu tun, nichts voneinander gewusst: Drucker von Arvato, Redakteure des Berliner Kuriers, Verkäufer aus dem Buchclub, Architekten der neuen Repräsentanz Unter den Linden 1, die gerade im Bau war. Dann Auftritt Middelhoff. Selbst im Fernsehen hielten Moderatoren und Künstler damals noch Mikrofone in der Hand, die eine lange Schnur hinter sich her zogen. Middelhoff dagegen kam, nein: sprang auf die Bühne, eine Halterung auf dem Kopf, das kleine Mikrofon an der Wange wie festgetackert. Ein Headset! Damals eine Sensation.

Meist gelesen auf Horizont+
Thomas Middelhoff zeichnete die schöne neue Bertelsmann-Welt in leuchtenden Farben. Es war eindrucksvoll. Die inhaltlichen Details habe ich längst vergessen, bis auf einen Satz: Bertelsmann werde künftig nur noch in diejenigen Geschäftsfelder investieren, auf denen man Weltmarktführer werden könne. Nun ja, mit der Berliner Zeitung waren wir Weltmarktführer in Köpenick, Marzahn und Prenzlauer Berg. Aber ob das die Welt war, die Middelhoff meinte? ER sprach so viel über Shanghai und Los Angeles. Über Ostberlin verlor er kein Wort.

Wenig später kam die Nachricht: Gruner und Jahr trennt sich vom Berliner Verlag und überhaupt vom Zeitungsgeschäft. Middelhoff hatte sich durchgesetzt, gegen den Vorstand von G+J, gegen den Aufsichtsrat, gegen die Minderheitsgesellschafter um Angelika Jahr. Der Mann an der Spitze hatte eine seiner vielen Schlachten gewonnen, Leadership demonstriert. Zurück blieben düpierte Führungskräfte und enttäuschte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einzelschicksale.

Das Magazin als Synergie

Warum ich Ihnen diese alte Geschichte erzähle? Weil der aktuelle Bertelsmann-Chef Thomas Rabe gerade einen Satz gesagt hat, der Chefredakteurinnen und Chefredakteuren der (einstigen) G+J-Magazine in ähnlicher Erinnerung bleiben wird: Man werde das Portfolio überprüfen und nur solche Titel mit RTL zusammenführen, "die wirklich synergetisch sind". Im Klartext: Alles was zählt, ist TV (oder Streaming, jedenfalls Bewegtbild). Wenn also dein Titel, liebe Chefredakteurin, lieber Chefredakteur, bei RTL oder Vox performt oder n-tv eine Dokuserie darauf aufbauen kann: okay. Wenn nicht, dann nicht.

Rabes Ansage ist so klar wie es Middelhoffs Ansage vor zwanzig Jahren war. Stern, Geo, Brigitte, Gala, Manager Magazin, Schöner Wohnen: Große Medienmarken, die zum Inventar der Republik gehörten, sollen sich über Synergien definieren, nicht über ihren ureigenen Journalismus. Sie haben bestenfalls noch einen Kollateralnutzen für das RTL-Imperium, zum Kerngeschäft gehören sie nicht mehr.

Sie spüren den Unterton des Bedauerns in diesen Sätzen. Die meisten Journalistinnen und Journalisten werden es ähnlich sehen. Aber ich höre auch schon die Warnung aus der Management-Community: Zeitungsmacher hängen am Zeitungmachen, Magazinmacher hängen am Magazinmachen. Unternehmer müssen die Zukunft planen, Traditionen können auch hinderlich sein. Brauchte Bertelsmann damals wirklich Zeitungen? Nein. Vielleicht lebt auch RTL heute besser ohne den ganzen Ballast des Printzeitalters? Nicht auszuschließen.

Exzentriker und Asket

Zudem ist Rabe nicht der Wiedergänger von Middelhoff, die beiden sind völlig unterschiedliche Charaktere. Middelhoff war ein Mann der Show, ein Exzentriker. Er lebte auf großem Fuß, abgehoben in einer eigenen Welt, ein verwöhntes Kind des Neoliberalismus. Rabe ist ein Asket, scheut die Öffentlichkeit, rennt frühmorgens gegen jegliche Versuchung an, für einen wie ihn ist eine Apfelsaftschorle schon eine Ausschweifung. Ein Manager, wie gemacht für das Zeitalter der veganen Nachhaltigkeit.

Aber eins haben der ehemalige und der aktuelle Bertelsmann-Chef doch gemeinsam: Als Führungskräfte strahlen sie enorme Dominanz aus, verfolgen einen Plan – ihren Plan. Den exekutieren sie konsequent, unbeirrbar, ohne Selbstzweifel. Und wenn nötig, kommunizieren sie ihre Absichten glasklar.

Bei Rabe ging das so: Im Februar 2021 hat HORIZONT erstmals über Bertelsmanns Pläne geschrieben, G+J zu einem Anhängsel von RTL zu machen. Ulrike Simon war Autorin dieser Analyse, und es hagelte Dementis, Protest und Widerspruch. Am Baumwall in Hamburg war die Führungsetage aufgebracht; man wollte so etwas nicht lesen, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Julia Jäkel, damals Chefin bei G+J, war gekränkt.

Ein Dementi? Im Gegenteil

Zwei Tage später ließ Thomas Rabe seine Belegschaft zusammentrommeln, nicht im Townhall Meeting, sondern im firmeneigenen Intranet. Seine Ansage: kein Dementi, im Gegenteil. Der Konzern sei im Umbau, alle Optionen würden geprüft, auch diese. Wer es wissen wollte, wusste zu diesem Zeitpunkt, dass Gruner und Jahr in Rabes Plan allenfalls noch eine Randnotiz war. Ein paar Wochen später räumte Julia Jäkel das Feld. G+J brauchte keine Chefin mehr, die an G+J hing.

Stephan Schäfer sollte und wollte danach Rabes Plan in die Tat umsetzen. Händeringend, beinahe flehentlich bat er Skeptiker der Synergie-Strategie, ihm zwei oder drei Jahre Zeit zu geben, um sein Medienhaus der Zukunft und dessen revolutionäre Technologie (One App, all Media!) zu schaffen und erst dann das Urteil über Erfolg oder Misserfolg zu fällen. Thomas Rabe, dem er gefallen wollte, gab ihm nicht einmal ein Jahr. Jetzt sei eine "andere Führung" gefordert, stellte er lapidar fest. Seine Führung.

Das war im August dieses Jahres. Ende September kündigte nun Oliver Radtke seinen Abschied an, der letzte verbliebene G+J-Mann in der RTL-Spitze. Zum Exodus der Top-Führungskräfte gehört auch noch Bernd Reichert, der frühere RTL-Chef, der das Unternehmen im Sommer vergangenen Jahres verließ. Immerhin, Matthias Dang ist noch da, Schäfers Co-CEO und Chef der Ad Alliance. Dang ist Vermarkter, einer der klügsten und erfolgreichsten auf seinem Gebiet. Er muss den Kunden nun erklären, wie das alles weitergehen soll, mit den Synergien und mit Rabe.

Thomas Rabe amtiert inzwischen als Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann, CEO der RTL Group, Vorsitzender der Geschäftsführung von RTL Deutschland, Mitglied im Board of Directors bei Penguin Random House, dem größten Buchverlag der Welt, nebenbei ist er Aufsichtsratschef bei Adidas. Das, sagt er, sei seine Art zu arbeiten. Also: Am liebsten mache ich alles selbst.

Middelhoff ist übrigens letztlich an seinem größten Plan gescheitert: Er wollte Bertelsmann an die Börse bringen. Damit hat sich selbst der Master of the Universe übernommen. Die Gesellschafterfamilie Mohn hätte die Herrschaft über ihr Unternehmen verloren, Reinhard Mohn wollte das nicht. Er entschied sich gegen die Börse – und gegen Middelhoff.

Ganz oben, einsam

Und Rabes größter Plan? Das ist der Umbau von Bertelsmann zu einem Medienunternehmen, das die Transformation vom linearen Fernsehen in die Welt des Streamings bewältigt, das den Wettbewerb mit Netflix, Amazon und Disney besteht, das sich auf alle möglichen Features des Web 3.0 einrichtet. Eine riesige Aufgabe. Die Magazine und Marken aus Hamburg braucht er dafür offenkundig nicht. Und Manager, die mit Inhalten umgehen können, auch nicht. Jede seiner Entscheidungen signalisiert: ICH, Thomas Rabe, kann das besser. Ja, vielleicht. Aber ganz oben in den luftigen Höhen des Konzernbusiness kann es sehr einsam werden, für Lebemänner und für Asketen gleichermaßen. Einsame Entscheidungen sind ein Risiko fürs Geschäft. 

 

 

 

 

   

  1. Annekathrin Koch
    Erstellt 7. Oktober 2022 14:52 | Permanent-Link

    Das traurige Ende einer Ikone im Verlagswesen und großer Verlust der Glaubwürdigkeit der Medien.
    Ich bedaure alle engagierten Mitarbeiter, die jahrelang bei G&J für ehrlichen Journalismus eingetreten sind

stats