Wenn Journalismus zum Pflegefall wird

Der überflüssige Kniefall vor den Krautreportern

Mittwoch, 14. Mai 2014
Keine Frage: Ein Projekt wie Krautreporter verdient Respekt und Unterstützung. Aber muss gleich ein ganzer Berufsstand auf die Knie fallen, wenn Journalismus zum karitativen Pflegefall wird? Politisch unkorrekte Anmerkungen von HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz.
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2180 Unterstützer bis zum Speichern dieses Artikels. Jede Menge Beifallsbekundungen via Twitter oder in Online-Medien (Zeit Online, Spiegel Online, HORIZONT.NET). Kein anderes journalistisches Projekt der jüngeren Vergangenheit hat den Reaktionen nach zu urteilen Kollegen so elektrisiert wie das ambitionierte Vorhaben, via Crowdsourcing mindestens 900.000 Euro zu sammeln und ab September "hochwertigen" Journalismus von Top-Autoren zu liefern.

Auch ich habe gespendet - nicht aus Pflichtbewusstsein, sondern in Überzeugung, dass Online-Deutschland möglichst viel - und möglichst viel unterschiedlichen - guten Journalismus braucht. Und ich habe, wie andere Kollegen, per Twitter viel Glück und Erfolg gewünscht.


Was mich stört: Ist die Kniefall-Attitüde wirklich nötig, mit der das Krautreporter-Modell größtenteils gefeiert wird? Entsteht hier der ultimative, einzig wahre, weil einzig kritische Journalismus des digitalen Zeitalters? Ist Crowdsourcing wirklich eine tragfähige Alternative zu werbefinanziertem Journalismus oder Paid-Content-Modellen? Drei rhetorische Fragen. Dreimal lautet die Antwort: Nein.

Der Deutschland-Start der Huffington Post im vergangenen Herbst war begleitet von hämischen Kommentaren und erbitterten Diskussionen über die Frage, ob der Untergang des Abendlandes bevorsteht. Krautreporter ist sozusagen der intellektuelle Gegenentwurf zur HuffPo und wird wie eine große Erlösung gefeiert - und damit habe ich mein Problem.

Klar - jedes erfolgsversprechende Startup lebt davon, dass die Gründer eine dicke Lippe riskieren. Doch das als Q&A verpackte Mission Statement tut unterschwellig so, als könne nur Krautreporter den deutschen Online-Journalismus retten - und das irritiert, vorsichtig gesagt.

A. Die Frage nach dem Geschäftsmodell. Ähnlich schwammig wie viele inhaltlichen Aussagen (siehe unten) ist das Gechäftsmodell. 900.000 Euro brauchen die Krautreporter nach eigener Aussage zum Start. 2000 Euro monatlich sollen die 25 Journalisten bekommen. Macht 600.000 Euro jährlich schon an Autorenhonorar. Da bleibt nicht mehr soviel übrig für Büro-, Technik-, Reise- und Serverkosten.

Viel wichtiger: Was hat eigentlich ein Leser von seiner Spende, die in ein Jahresabo umgewandelt wird? Zunächst: Für ein Projekt, dessen Köpfe in ihren Artikeln das Thema Datensicherheit etc. hervorheben, ist es ziemlich merkwürdig, nur Bezahlung gegen Kreditkarte zu erlauben. Nicht jeder vertraut sensiblen Daten umstandslos Medien oder Shopping-Portalen oder wem auch immer an.

Ziemlich dünn ist vor allen Dingen der angepriesene Mehrwert, der dem Abonnenten und Bezahl-Leser geboten wird. im Q&A liest sich das folgendermaßen:

Sie können die Texte kommentieren, haben Zugriff auf exklusive Inhalte, können die Seite bequemer nutzen, werden in Recherchen einbezogen, zu Krautreporter-Veranstaltungen eingeladen uvm.

Bezahlen, um Texte kommentieren zu dürfen? Ja geht's noch? Aber dann gibt's ja noch den Mehrwert, die Site bequemer - man beachte den Komparativ! - nutzen zu können. Heisst das im Umkehrschluß: Nicht-Abonnenten müssen mit Usability minderer Qualität vorlieb nehmen? Auch das Versprechen, in Recherchen einbezogen zu werden, ist reichlich nebulös. Heisst das, dass finanzstarke Spender oder treue Abonnenten besonders viel zitiert werden? Will ich als Leser überhaupt in eine Recherche einbezogen werden oder nur einfach einen guten Text lesen?

B . Die Inhalte. Das Q&A liest sich folgendermaßen:

Welche Inhalte stehen bei Krautreporter? Geschichten, die Sie interessieren!

Was damit zwischen den Zeilen anklingt:

1. In Spiegel Online, Zeit Online oder HORIZONT.NET stehen Geschichten, die die Leser gar nicht interessieren. Wie kommen dann die ganzen Zugriffe und Unique User zustande? Es wird ja freiwillig kaum ein Leser eine Website ansteuern, weil er sich statt um die Inhalte, nur für die Webebanner interessiert.
2. Die Geschichten, die die Krautreporter in ihrem anderen Leben in den Mainstream-Medien publiziert hatten waren demnach Geschichten, die weder Leser noch Autoren so richtig interessierten. Kaum zu glauben eigentlich, es sei denn, die Arbeit für Spiegel, FAZ oder auch HORIZONT wird unter dem Gesichtspunkt der Jugendsünde abgehakt.

C. Die Sache mit der Werbung. Das Q&A geht folgendermaßen:

Warum finanziert ihr euch nicht über Werbung?

Weil das nicht geht. Wir müssten Texte produzieren, die möglichst gut von Google gefunden und von möglichst vielen Nutzern geklickt werden. Das versuchen im Internet schon zu viele. Genau das setzt den Journalismus ja so unter Druck. Wir wollen lieber gute Geschichten erzählen - und unabhängig sein.


Was für Mathias Döpfner Google ist für die Krautreporter anscheinend Werbung - die Inkarnation eines großen Übels. Als HORIZONT-Chefredakteur ist man sogesehen in zweifacher Hinsicht die Charaktermaske dieses großen Übels. Zum einen, weil HORIZONT, wie andere Medienmarken auch, von Werbung leben. Zum zweiten, weil Werbung eines HORIZONT-Topthemen ist. Trotzdem - oder gerade deshalb noch eine Anmerkung zu obigem Q&A.

Was damit zwischen den Zeilen anklingt:

1. Ihr glaubt doch nicht allen Ernstes, dass HORIZONT - oder Spiegel-Kollegen keine guten Geschichten erzählen wollen (und können), weil die Angebote werbefinanziert sind?

2. Gab es in diesen und anderen Angeboten noch nie gute Geschichten, die ihr gelesen habt (und seien es die eigenen)?

3. Die Frage der Unabhängigkeit: Historisch betrachtet war die Erfindung von Anzeigen ein wichtiger Schritt in der Etablierung einer unabhängigen Presse. Anzeigen haben dazu beitragen, Zeitungen von der Abhängikeit von Finanziers und Gönnern zu befreien und überhaupt eine freie Presse zu ermöglichen. Derzeit erlebt das Mäzenatentum eine kleine Renaissance - sei es in der Milliardärs-Variante à la Washington Post, oder eben in der demokratischen Crowd-Variante. Aber: Wie unabhängig kann man eigentlich agieren, wenn man nur vom Goodwill (und Geldbeutel) seiner Leser abhängig ist? Was passiert, wenn nach einem Jahr nicht mehr genügend Abonnenten zusammenkommen: Wird dann die Website still gelegt und die Reporter verdingen sich als Journalisten-Ronins bei der werbefinanzierten Presse?

4. Ihr seid nicht dran interessiert, von möglichst vielen Nutzern geklickt zu werden? Schade eigentlich - was nutzt Aufklärungsjournalismus, wenn er nicht Gehör bei den Massen findet?

5. Was ist schlimm und verwerflich daran, Texte zu produzieren, die möglichst gut von Google gefunden werden können? Man muss kein Clickbaiting-Fetischist sein, wenn man Reichweite auf Facebook erzeugen will.

Die Krautreporter haben nach eigener Aussage keine Lust mehr darauf, "dass sich der Journalismus im Internet ständig danach richten muss, genügend Klicks auf die Seiten zu spülen, anstatt sich nach den Lesern zu richten, für die er gemacht ist". Publizieren, was die Leser wirklich lesen wollen - Kai Diekmann würde jetzt sagen: "Das macht Bild doch seit Jahrzehnten." Journalismus sollte doch manchmal auch den Ehrgeiz haben, zu schreiben, was mancher Leser nicht unbedingt lesen will, oder?

D. Das Fazit. Ich bin gespannt, aber skeptisch. Die Ansprüche sind hoch. Noch höher allerdings ist das Weltverbesserungs-Pathos, das teilweise so schwammig ist wie die digitale Agenda der Bundesregierung. Wenn Krautreporter beweisen wollen, dass ihr Journalismus-Konzept inhaltlich wie unter Businessgesichtspunkten das einzig wahre ist, liegen sie daneben: Es gibt nicht mehr das verbindliche Geschäftsmodell, sondern ein Neben- und Gegeneinander unterschiedlicher Ansätze. Wenn sie - wie andere auch - unter Beweis stellen können, dass Netzjournalismus viel mehr Formate kennt als Print- oder TV-Journalismus, dann bleibe ich Abonnent auf Lebenszeit. Versprochen. vs


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