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Nachrichten für die Generation Smartphone

Dienstag, 16. Februar 2016
Medien experimentieren verstärkt mit News-Angeboten für die Generation Smartphone. Die App des US-Anbieters Quartz beispielsweise tut so, als sei sie ein Messenger. Anlass für HORIZONT Online, einige gängige  Modelle vorzustellen.

Egal ob man sich mit dem  FAZ-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron, dem Gründerszene-Chefredakteur Frank Schmiechen oder Alpha-Blogger Richard Gutjahr unterhält, in einem Punkt sind sich alle drei einig: Nachrichten und Informationen werden von (vielen) jüngeren Menschen nicht mehr in einem Stück oder in langen Artikeln gelesen, sondern „häppchenweise“ – über Newsletter, Push-Meldungen, Snippets oder Beiträgen/Hinweisen von Freunden  und Bekannten in sozialen Plattformen.



Die Menschen, sagt Frank Schmiechen, „fühlen sich wohl im Strom von Infos, die sie den ganzen Tag bekommen. Und sie sind in der Lage, genau herauszufiltern, was für sie wichtig ist. Sie brauchen keine Betreuung, sie sind sehr selbstständig.“

Richard Gutjahr meint:  „Ich hatte gerade die Gelegenheit, eine Woche auf einem amerikanischen Campus zu verbringen und war baff, wie die Jungen dort Medien konsumieren. Sie sind top informiert, obwohl sie keinen einzigen Artikel lesen und keine einzige Fernsehsendung anschauen. Sie konsumieren den ganzen Tag Snippets, mosaikartige Informations-, Foto- und Film-Häppchen auf den diversen Messaging-Plattformen.“


Wer mit klassischen Medien sozialisiert wurde, mag über die Informationsgewinnung der künftigen Entscheider den Kopf schütteln.  Fakt ist: Derzeit etabliert sich eine Generation von Digital Natives, die auch ohne Tageszeitung und die „Tagesschau“ bestens informiert sind.

Entsprechend fieberhaft experimentieren Medien mit Newsformaten für die Generation Smartphone. Wir stellen einige Paradebeispiele vor.

1. Avantgardistischer Imitator: Quartz

Wenn man Experten nach den interessantesten und am schnellsten wachsenden jüngeren Medien-Anbietern fragt, fällt irgendwann immer der Name Quartz. Die Website gibt es seit 2012. Ihr Motto von Anfang an: Mobile First. Im Dezember 2015 besuchten  rund 17 Millionen Besucher die Homepage – 65 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. 42 Prozent der Werbeerlöse werden auf mobilen Endgeräten erzielt. Die Quartz-Macher wissen also, was sie tun, wenn es um mobile geht.

Seit kurzem gibt es eine englische iOS-App von Quartz. Das Besondere: Sie imitiert ein Chat in einem Messenger. Wer die App installiert hat, wird mit den Worten begrüßt: „Hey there. Thanks for trying our new app! It’s a conversation about the news – sort of like texting.“
Wenn die Nachricht zum Chat wird
© Screenshot
Wenn die Nachricht zum Chat wird
Je nachdem, wann die App geöffnet wird, wird man begrüßt, beispielsweise „good afternoon“. Dann wird die erste von sieben möglichen Meldungen als Snippet geladen. Nutzer haben mehrere Wahlmöglickeiten: Ein Pfeil führt sie zum vollständigen Artikel (das muss nicht immer eine Quartz-Meldung sein). Wer auf  „next“ klickt, landet bei der nächsten Mini-Nachricht. Als dritte Option gibt es mehr zum Thema – signalisiert durch ein Emoji, eine Info oder eine Grafik-Thumbnail. Werbung ist nativ in die App integriert. Deutschen Nutzern wird aufstoßen, dass kein Hinweis aufmerksam macht, dass beispielsweise Mini wirbt – Amerikaner sind solche Sponsored Posts längst gewöhnt.

Keine Frage: Quartz hat einen charmanten Ansatz gewählt, um Menschen, die eher Messenger-Plattformen wie WhatsApp nutzen als eine klassische Nachrichten-App, mit aktuellen News zu versorgen - auch wenn in Wahrheit keine Konversation zwischen Mensch und Maschine/Algorithmus stattfindet. Deshalb stellt sich auch die Frage, ob man nicht doch eher zum klassischen Newsletter greift, wenn man in der Straßenbahn zum Handy greift?

Entscheidend für den Erfolg der Quartz-App wird nicht die Art der Präsentation, sondern die Inhalte selbst sein. Werde ich mit den für mich wichtigsten Nachrichten versorgt? Darauf gibt auch Quartz keine überzeugende Antwort. Eine vernünftige Personalisierung wird  (noch) nicht angeboten. Man kann eigentlich nur definieren, welche Notifications man erhalten will. Wählen kann man auch noch zwischen "Eilmeldungen" und "interessanten" Storys.

Fazit: Wer klassische Newslettern gewohnt ist, wird dauerhaft mit der Quartz-App seine Schwierigkeiten haben. Dagegen lässt sich natürlich einwenden: Ja, die App mag noch ein Gimmick sein, aber sie zeigt, wohin der Weg gehen könnte (auch Apples Siri war ja anfangs ein eher lustiges, als ernstzunehmendes Tool). 

2. Die Fokussierer: Handelsblatt Morning Briefing/HORIZONT Vor 9/FAZ Der Tag  

Es gab eine Zeit, da waren Newsletter die ungeliebten Abfallprodukte von Websites und Homepages. Das hat sich inzwischen sehr geändert. Newsletter erleben eine Renaissance. Sie spielen eine maßgebliche Rolle bei den Zugriffen auf eine Website, und sie sind auch unter Vermarktungsgesichtspunkten hoch relevant. Der große Renner im deutschen Web sind derzeit Newsletter, die die Leser schon vor Arbeitsbeginn mit wichtigen Nachrichten versorgen.

Das Morning Briefing des „Handelsblatt“, aber auch Vor 9 als Beispiel für einen Fach-Newsletter zeigen schon seit längerem, worauf es ankommt: eine gute Auswahl, also die Fokussierung auf die wirklich wichtigen News, eine starke Meinung (beim meist von „Handelsblatt“-Chef Gabor Steingart verfassten Morning Briefing extrem ausgeprägt), keinen Layout-„Schnickschnack“ und keine Überfrachtung durch Werbung.

Eine ähnliche Philosophie der Konzentration aufs Wesentliche verfolgt auch die FAZ-App Der Tag. Nutzern verspricht sie die Konzentration auf die wichtigsten Meldungen des Tages. Diese Reduktion kommt laut FAZ bei Nutzern extrem gut an. Dass Der Tag die klassische FAZ-App kannibalisiert, ficht die einst so konservativen klugen Köpfe nicht an. 130.000 Leser nutzen das Angebot, dass von Apple als „innovativste Medien-App des Jahres“ gefeiert wurde.

3. Der soziale Allrounder: Nowthisnews.com

Facebook. Snapchat. Instagram. Vine. Twitter. Tumblr. YouTube. Es gibt kaum eine  soziale Plattform, die Nowthisnews nicht mit Nachrichten versorgt. Das Unternehmen hat eine Technologie entwickelt, die aktuelle Trends in sozialen Netzwerken aufspürt und es der Redaktion ermöglicht, sehr schnell Videos zu produzieren und zu veröffentlichen. Das Angebot ist noch stärker auf Social Networks ausgerichtet als Buzzfeed.

Auch ohne Website auf der ganzen Welt zuhause
© Screenshot
Auch ohne Website auf der ganzen Welt zuhause
Jüngstes Beispiel: Vor wenigen Wochen wurde die Homepage abgeschaltet. Begründung: „Homepage. Even the word sounds old. Today the news live where you live.“ Das Angebot richtet sich an Nutzer im Alter zwischen 18 und 34 Jahren, die Bewegtbilder bevorzugt über mobile Endgeräte abrufen. Axel Springer ist am Mutterunternehmen NowthisMedia beteiligt.  

 

4. Für Lesefaule: Wibbitz

Die These von Wibbitz-Gründer Zohar Dayan ist ziemlich simpel: Kein Mensch hat Lust, auf einem Smartphone-Screen lange Meldungen zu lesen. Also entwickelte sein Team eine App, die aus Nachrichtentexten automatisch Bilder und Videos zu einer animierten Slideshow zusammenstellt. Eine Computerstimme liest dazu eine ebenfalls automatisch erstellte Zusammenfassung des Nachrichtentextes vor.
Aus Text wird Video
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Aus Text wird Video
Vor zwei Jahren war Wibbitz eines der interessantesten israelischen Start-ups. In der Zwischenzeit hat sich allerdings gezeigt: Die Menschen lesen sehr wohl lange Artikel auf dem Smartphone. Sie lesen sogar Romane. So richtig massentauglich, so scheint es, ist Wibbitz (derzeit) noch nicht. Aber unter  den vielen „Text zu Video-Anwendungen“ sticht Wibbitz als interessante Variante heraus. Inzwischen hat sich das Unternehmen darauf spezialisiert, vor allen Dingen für US-Publisher mithilfe eines Algorithmus aus ihren Texten Videos zu produzieren.
 

5. Der Verlierer: Circa

Die News-App Circa galt drei Jahre als das „heiße“ Ding im mobilen Journalismus. Das Konzept war eigentlich extrem vielversprechend. Das Nachrichtengeschehen wurde in kleinen, smartphone-affinen Häppchen  präsentiert. Leser wurden mit Updates über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten. Doch 2014 ging dem Start-up das Geld aus. „Hochwertigen Content zu produzieren ist eine kostspielige Sache“, musste Mitgründer Matt Galligan zerknirscht eingestehen.

 

 

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