Volker Schütz

Volker Schütz

Terror in Paris Bild.de im journalistischen Kriegszustand

Freitag, 09. Januar 2015
Wie liberal ist „Bild“ und Bild.de? Das Attentat in Paris weckt bei manchen Redakteuren der Axel-Springer-Titel überwunden geglaubte journalistische Rachephantasien. Bröckelt das Bild vom aufgeklärt-liberalen Boulevardmedium?

Keine Frage: Bigotterie gehört zum Boulevardjournalismus wie die Weihnachtskrippe zu Heiligabend. Genauso rasch, wie man sich an die „schweigende Mehrheit“ anbiedert oder vor Promis auf die Knie fällt, setzt man zum journalistischen Todesstoß durch Nichtbeachtung oder Meinungsmache an.

Kai Diekmann hat – das war meine Meinung und ist es immer noch – aus einem bisweilen schrecklich-dumpfen Print-Titel eine ziemlich interessante Medienmarke aufgebaut, die perfekt orchestriert ist: Print, Online, Mobile, Paid Content.

Höhepunkt des neuen Bild-Selbstverständnis: Die klare Haltung gegen Pegida, die landauf, landab gelobt wurde.  „Handelsblatt“-Chef Gabor Steingart formulierte begeistert in seinem Morning Briefing vom 6. Januar: „50 Prominente kommen in der heutigen Ausgabe zu Wort, darunter Thomas Gottschalk, Helmut Schmidt, Wolfgang Schäuble und Oliver Bierhoff, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz aussprechen. Der Wandel ist bemerkenswert: Heinrich Böll könnte seinen Roman "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", der die menschenverachtende Sensationsberichterstattung der frühen Bild-Jahre thematisiert, heute so nicht mehr veröffentlichen. Bild-Chef Kai Diekmann ist erkennbar Menschenfreund, nicht Brandstifter. Er macht die wahrscheinlich liberalste Boulevard-Zeitung der Welt.“

So schön hätte es der Schreiber dieser Zeilen nicht formulieren können, unterschrieben hätte ich es auch. Doch die Berichterstattung über das Pariser Attentat lässt bisweilen die Erinnerungen an Brandstifter-Journalismus wachwerden.

Auf Bild.de – nicht in der „Bild“ – schreibt Bild.de-Chef Julian Reichelt (nach zweitägiger Recherche in Washington D.C.!) unter der Headline: „Warum wir die Überwachung der NSA gegen den Terror brauchen“ einen Text, der einen sprachlos zurücklässt.

Leseproben:

„Snowden konnte nur zum Helden werden, weil Millionen Menschen in Europa nicht an die Bedrohung geglaubt haben, die nun in Paris real wurde. Weil sie diese ständige Bedrohung für eine Erfindung allmächtiger Dienste hielten.“


„Die unzähligen „Je suis Charlie“-Zeichen auf Europas Straßen und die flächendeckend gedruckten Karikaturen der ermordeten Künstler und Journalisten sind ein schönes Zeichen von Solidarität. Aber sie zeigen auch, wie naiv das friedliebende Europa oft ist. Ein Schild alleine hält keine Kalaschnikow auf!“

„Kein deutscher Politiker wagt auszusprechen, was über ein Jahrzehnt nach 9/11 doch offenkundig ist: Der Westen befindet sich im Krieg gegen den islamistischen Terrorismus. Und im Krieg geht es darum, den Feind so gezielt wie möglich zu töten.“

„Die Methoden in diesem langen Krieg gegen den Terrorismus sind nicht schön, aber notwendig – und geboten.“

Soweit, so schlimm. Dass der Anschlag 


auf "Charlie Hebdo" ein Anschlag auf die Freiheit und damit uns alle ist, steht außer Frage. Doch wie glaubwürdig bleibt Bild mit seiner großen Volks- und Promifront gegen Intoleranz und Ausländerfeindlichkeit, das Beharren auf die durchs Grundgesetz verbriefte Pressefreiheit, wenn man sich drei Tage nach Anti-Pegida sich zu Formulierungen wie oben zitiert aufschwingt. Der kurze Sommer der Aufklärung und diskursiven Liberalität scheint, zumindest bei Bild.de, vorbei zu sein.

Pegida-Anhänger werden begeistert klatschen. Ich bin ziemlich erschüttert.

HORIZONT Newsletter Vor 9 Newsletter

Als Erster informiert sein? Ja, klar!

 


Meist gelesen
stats