Ströer

Was die Online-Branche vom Marktführer erwarten darf

Freitag, 11. September 2015
Mit der geplanten Eingemeindung von OMS, dem Onlinevermarkter der Zeitungen, hat sich Ströer endgültig Platz 1 bei den Onlinevermarktern erkauft. Nun fragt sich die Branche: Was will der ehemalige Außenwerber mit der Pole-Position eigentlich anfangen außer das eigene Wachstum voranzutreiben?
Drei bis vier Jahre hatten Ströer-Vorstandsvorsitzender Udo Müller und COO Christian Schmalzl dafür eingeplant, Deutschlands größter Online-Vermarkter zu werden. Das Kunststück ist ihnen schon nach zwei Jahren gelungen. Die unternehmerische Glanzleistung hat den Börsenkurs des Unternehmens nach oben katapultiert. Doch wird dadurch der Gesamtmarkt – genauer ausgedrückt: das Selbstbewußtsein der deutschen Onlinevermarkter gegenüber den übermächtigen US-Konkurrenten Google und Facebook – gestärkt?

Zweifel sind angebracht.

Altruismus mag zur DNA von NGO-Unternehmen gehören. Börsennotierte Wachtumsunternehmen sind das in der Regel nicht. Auch als Ströer im Digitalbereich noch nicht ganz so groß war, war der Ehrgeiz, den Markt zu gestalten, nicht besonders ausgeprägt. Bis heute ist das Unternehmen kein OVK-Mitglied. Auch der Dmexco zeigt Udo Müller die kalte Schulter.

Bizarr: Matthias Wahl, Chef der – sofern das Kartellamt zusagt – neuen Ströer-Tochter OMS ist seit Mitte Juni Vorsitzender des Bundesverbands Digitale Wirtschaft. Es wird interessant zu beobachten sein, ob er Müller und Schmalzl davon überzeugt, in den BVDW beziehungsweise OVK einzutreten – und vor allen aktiv zu werden. Nun könnte man sagen: Mit der Übernahme von Interactive Media und OMS ist Ströer indirekt BVDW-Mitglied und im OVK tätig. Aber es wäre ein gutes Zeichen, wenn auch die Mutter dabei wäre.

Vor allem dem OVK täte ein so mächtiger Marktplayer als Mitglied gut. Nur gemeinsam kann man den nationalen Markt gegen globale Konzerne ausbauen. Und nur mit Ströer wird der OVK dauerhaft seinen Anspruch, Sprachrohr der nationalen Vermarkter  zu sein, behalten können. OVK ohne Ströer ist wie die Bundesliga ohne Bayern München.
„OVK ohne Ströer ist wie die Bundesliga ohne Bayern München.“
Volker Schütz
Doch auch die neue Nummer 1 braucht den Dachverband. Bei aller Kritik an OVK und dem weltweit nahezu einzigartigen Geflechts von Organisationen und Gremien wie AGOF und AG.Ma etc. darf man nicht vergessen: Gerade der deutsche Hang zu Gründlichkeit, Genauigkeit (und „Vereinsmeierei“) hat in gutem Maße dafür gesorgt, dass im deutschen Digitalmarkt über Premium, Umfelder und Qualität ganz anders diskutiert wird als in den USA. Auch dass der deutsche Digitalmarkt von Google und anderen globalen Playern dominiert, aber eben nicht komplett beherrscht wird, hat viel mit dieser spezifischen Historie zu tun.

Ströer muss Größe zeigen. Gerade weil das Eigeninteresse so ausgeprägt ist, sollte das Unternehmen deshalb künftig in Fragen des Gattungsmarketing aktiv werden. Sein Geschäft wird darunter bestimmt nicht leiden. Und der Börsenkurs auch nicht. vs


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