Digitale Transformation

Was Medienhäuser von Start-ups lernen können

Sonntag, 03. Juli 2016
Immer mehr große Medienhäuser suchen den Kontakt zu Startups. Was bringt ihnen die Zusammenarbeit mit ambitionierten jungen Gründern? Sind diese Erwartungen berechtigt? Was wird richtig, und was wird falsch gemacht? Katja Nettesheim, Gründerin der Unternehmensberatung _Mediate-Group, beschreibt, worauf es ankommt.
Themenseiten zu diesem Artikel:

Einer Accenture-Studie zufolge verschenkt die deutsche Wirtschaft durch fehlende oder ineffiziente Kooperation mit Start-ups bis 2020 allein in Deutschland ein Wachstumspotenzial in Höhe von 99 Milliarden Euro ‒ das sind etwa 3,4 Prozent des aktuellen Bruttoinlandsproduktes.



Die Motive für die Zusammenarbeit mit Start-ups sind unterschiedlich, je nachdem, ob es sich um lose Kooperationen oder echte Investments handelt. Im Rahmen meiner Beratungsarbeit haben sich fünf mögliche strategische Gründe für Kooperationen herauskristallisiert:

  • Nutzung von Startups als Dienstleister
  • Zugriff auf ihre Technologien
  • Gemeinsame Forschung & Entwicklung
  • Erschließen neuer Kundengruppen
  • Einblick in die Arbeitsweise von Startups (Start-up-Kultur)

Bei Beteiligungen sind die Motive teilweise ähnlich, teilweise anders gelagert. Und je nach Lebensphase des Startups (Seed, Early Stage, Expansion und Reife) werden dabei unterschiedliche Arten von Investoren tätig: Von Inkubatoren in der Seedphase der Start-ups über Venture Capital Fonds in ihrer Wachstumsphase bis hin zu Private Equity Fonds in der Reifephase. Und so wie die Typen der Investoren sind auch die Motive vielgestaltig: Erfolgreiche Beteiligungen erschließen nicht nur den Zugang zu innovativem Know-How, sondern führen auch ganz konkret zu neuen Umsätzen, operativen Gewinnen und möglicherweise hohen Veräußerungserlösen. Dadurch kann auch eine Story für den Kapitalmarkt erzählt werden. Der mit der Beteiligung verbundene tiefere Einblick in die Start-up-Kennzahlen ist für Großunternehmen ebenfallsrecht aufschlussreich, u.a. im Hinblick auf die eigenen Kostenstrukturen. Und ähnlich wie bei Kooperationen liefert nicht zuletzt der Einblick in die Start-up-Kultur neue Ideen und Impulse für ein Change Management im Großunternehmen.

Über die Autoren
Katja Nettesheim gründete 2009 in Berlin die Unternehmensberatung „_Mediate Group“ mit dem Schwerpunkt Business Development und M&A in Medienhäusern. Mit 27 begann sie ihre Karriere als Rechtsanwältin für internationales Steuer- und Gesellschaftsrecht bei renommierten Kanzleien bevor sie als Strategieberaterin der Boston Consulting Group Transformationsprozesse in Medienunternehmen begleitete. Im Axel Springer Verlag sammelte sie anschließend weitere Erfahrungen im Bereich M&A und der operativen Verlagsgeschäftsführung von Regionalzeitungen. Im Rahmen ihrer Beirats- und Gesellschaftertätigkeit leistete sie einen wesentlichen Beitrag zu Strukturierung und Aufbau des ersten deutschen Media for Equity-Fonds German Media Pool, dem sie seit 2011 als Mitglied des Beirats angehört. Als Professorin für Medienmanagement gibt die Expertin ihre Kenntnisse auch an Studenten einer privaten Hochschule weiter. Auf Basis ihrer umfangreichen Expertise mit Startups wurde sie im Mai 2012 in die Gruppe der Mentoren von hub:raum, dem Inkubator der Deutschen Telekom, aufgenommen.


Doch wie setzt man solche Zusammenarbeiten um? Kooperationen lassen sich mit einfachen Vereinbarungen regeln, etwa durch Auftragsvergabe für bestimmte Dienstleistungen, durch Integrationsvertrag bei Begründen einer Reichweiten-Kooperation oder durch einen Media for Revenue Share-Vertrag. Die vom Medienhaus erforderliche finanzielle Investition – aber auch die Nähe zum Start-up – sind hier eher gering.


Beteiligungen ermöglichen dagegen größere Nähe, aber auch ein ausführlicheres Vertragswerk. Schon bei einem Minderheitsanteil ist ein umfassender Vertrag vonnöten – und in der Regel auch eine größere Investitionssumme. Interessant kann hier sein, einen Teil des Kaufpreises mit der eigenen Medienleistung zu erbringen in Form eines „Media for Equity“-Deals: Das Medienhaus liefert Werbeplattformen statt Geld einsetzen zu müssen, das Start-up nutzt die Werbung für Wachstum und neue Kunden. Das kann für beide Seiten interessant sein, vorausgesetzt, die Zielgruppen des Medienhauses und des Start-ups sind stark überlappend.

Mehrheitsbeteiligungen schließlich erfordern noch umfangreichere Vertragswerke und Due Diligences sowie hautnahes Beteiligungsmanagement, um Risiken zu erkennen, Fehlentwicklungen zu vermeiden und Wachstumschancen zu nutzen. Und manchmal mündet das auch in ein Joint Venture.

Start-up-Kooperationen und -Beteiligungen sind also durchaus sinnvoll – aber jede wie oben gesehen für unterschiedliche strategische Zielrichtungen. Sie sind jedoch kein Allheilmittel für eine kurzfristige Erhöhung der Profitabilität - und schon gar nicht für fehlende eigene Innovationslust. Denn bei aller Begeisterung für Start-ups überschätzen Führungskräfte großer Unternehmen oft den innovativen Effekt auf das eigene Unternehmen: Laut Accenture sind 78 Prozent von rund 1000 befragten Führungskräften von internationalen Großunternehmen davon überzeugt, dass Jungunternehmen entscheidend für Wachstum und Innovation sind. Gerade bei der digitalen Transformation ihrer Unternehmen sehen 75 Prozent der deutschen Führungskräfte Start-ups als die entscheidenden Treiber.

Die digitale Transformation des Kerngeschäfts großer Unternehmen lässt sich jedoch nicht allein mit dem Einstieg in die Start-up-Szene erreichen. Vielmehr müssen hier systematische Change-Prozesse aufgesetzt werden. Es gilt vor allem, digitale Wertschöpfungspotentiale zu entdecken und zu heben.  Und hier kommt es stark auf die mentale Innovationsenergie des verantwortlichen Managements an, die sich durch Start-ups keineswegs „quasi automatisch“ verbessert. 

stats