Showdown beim „Spiegel“

Was die Ablösung von Wolfgang Büchner bedeutet

Montag, 01. Dezember 2014
Der Machtkampf zwischen den Gesellschaftern des „Spiegel“ ist entschieden: Die in der Mitarbeiter KG organisierten Printredakteure haben sich durchgesetzt, Gruner + Jahr gibt klein bei. Das bedeutet, dass Chefredakteur Wolfgang Büchner gehen muss. Dass Geschäftsführer Ove Saffe bleibt, ist wenig wahrscheinlich.
Es ist mal wieder so weit: Wolfgang Büchner verliert seinen Posten als „Spiegel“-Chefredakteur. Diese Woche. Wahrscheinlich. Schreibt das Handelsblatt, unter Berufung auf Verlagskreise. Am vergangenen Freitag habe es „wohl“ ein Gespräch mit Büchner über die Modalitäten der Trennung gegeben. „Wohl“ heißt: kann sein, kann auch nicht sein. Es war wohl eher nicht so. Aber im Prinzip stimmt die Geschichte wohl doch. So ist die Lage beim Spiegel: unübersichtlich. Versuchen wir, die Dinge zu sortieren.

1. Die Gesellschafter des „Spiegel“ sind entschlossen, sich von Büchner zu trennen.

Muss wohl gehen: Wolfgang Büchner
Muss wohl gehen: Wolfgang Büchner (© Carsten Milbret / HORIZONT)
Die Mitarbeiter KG, die 50,5 Prozent der Anteile hält, fordert dies ohnehin. Gruner + Jahr (25,5 Prozent) hat seinen Widerstand dagegen aufgegeben. Die Augstein-Erben (24 Prozent) stehen eigentlich zu Büchner, haben aber letztlich keinen Einfluss auf die Entscheidung. Die von Geschäftsführer Ove Saffe favorisierte Kompromisslösung – der „Spiegel“ bekommt eine neue Chefredaktion, aber Büchner bleibt, um in anderer Funktion sein Zukunftskonzept „Spiegel 3.0“ durchzusetzen - ist vom Tisch. Das heißt, dass der Machtkampf an der Ericusspitze entschieden ist. Die Redakteure des Print-Hefts, die sich zu mehr als 90 Prozent gegen Büchner ausgesprochen haben, triumphieren: über Büchner, über Saffe, über ihre Mitgesellschafter, über die Online-Redakteure, die keine Anteile am Unternehmen haben. 

2. Gruner + Jahr hat vor dieser Macht kapituliert.

Muss den Gürtel enger schnallen: G+J-Chefin Julia Jäkel
Muss den Gürtel enger schnallen: G+J-Chefin Julia Jäkel (© Foto: G+J)
Julia Jäkel, die Chefin des wichtigen Mitgesellschafters, hatte über Wochen und Monate beteuert, sie werde sich von den Mitarbeitern des „Spiegel“ weder die Entscheidungen noch die Entscheidungstermine diktieren lassen. Als Büchner kürzlich vor den Gesellschaftern auftragsgemäß sein überarbeitetes Konzept 3.0 vorstellte, stimmte sie seinen Vorstellungen ausdrücklich zu und sicherte Unterstützung für die weitere Arbeit zu. Das hinderte allerdings weder sie noch andere Gesellschafter daran, im Hintergrund mit „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo über einen Wechsel an die „Spiegel“-Spitze zu führen. Di Lorenzo hat längst abgesagt. Jetzt hat sich Gruner + Jahr in der Causa Büchner neu positioniert. Motto: Wir haben genug Baustellen im eigenen Haus und verkämpfen uns nicht länger an der Spiegel-Front.

3. Das Verhältnis von Geschäftsführer Ove Saffe zu den Gesellschaftern des „Spiegel“ hat in den vergangenen Wochen – vorsichtig gesagt – gelitten.

Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe
Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe (© Foto: Olaf Ballnus)
Saffe, der in der Chefredakteursfrage der Satzung zufolge eine starke Stellung innehat, hat sich eindeutig vor Büchner und dessen Reformplan gestellt und darauf vertraut, dass die Worte von Gruner + Jahr gelten würden. Nachdem jetzt klar ist, dass es anders kommt, wird der von allen Seiten geschätzte Geschäftsführer sich die Frage stellen (müssen), ob er unter diesen Umständen noch erfolgreich arbeiten kann. Und die Gesellschafter werden sich ihrerseits die Frage stellen, ob angesichts der neuen Lage nicht der komplette Neuanfang – an der Redaktions- und an der Verlagsspitze – der richtige Weg ist. 

4. Büchner Konzept 3.0, das dem „Spiegel“ den Weg in die digitale Zukunft weisen sollte, ist Makulatur.

Das Hamburger Magazin, das einst mit „Spiegel Online“ das führende deutsche Nachrichtenportal im Netz entwickelte, steht für die Fragen der Zukunft – Wie lassen sich die „Spiegel“-Inhalte digital vermarkten? Wie muss das Zusammenspiel zwischen Print- und Onlineredaktion funktionieren? - ohne Strategie da. Noch ist der „Spiegel“ ein profitables Unternehmen, noch ist Zeit, die Strategie zu entwickeln. Aber wie bei anderen traditionellen Printtiteln schrumpfen Auflagen und Erlöse. Und nach dem Streit über Büchners Konzept bleiben tiefe Gräben zwischen den Traditionalisten und den Digitalen zurück. Und es stellt sich sehr ernsthaft die Frage nach der Reformfähigkeit der Printredaktion. Einer Redaktion, die zugleich Mehrheitsgesellschafter des Unternehmens ist.

5. Wenn Büchners Abschied besiegelt ist, rücken zunächst die Stellvertreter Klaus Brinkbäumer (Print) und Florian Harms (Online) an die Spitze der Redaktion.

Klaus Brinkbäumer und Florian Harms: Die neue "Spiegel"-Doppelspitze?
Klaus Brinkbäumer und Florian Harms: Die neue "Spiegel"-Doppelspitze? (© Spiegel Verlag)
Oder besser: Sie rücken „wohl“ an die Spitze. Kann sein, kann aber auch anders kommen. Diese Woche? Wohl eher nicht.

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