"Spiegel"-Führungskrise

Das ganze Drama: Wie konnte es so weit kommen?

Donnerstag, 04. Dezember 2014
Mit der Absetzung von Wolfgang Büchner als Chefredakteur nach nur 15 Monaten und mit dem angekündigten Abgang von Geschäftsführer Ove Saffe nach über sechs Jahren geht beim "Spiegel" vorerst ein Gezerre zu Ende, das selbst in dem krawallgewohnten Haus nach seinesgleichen sucht. Deshalb, weil es nicht mehr nur um die Eitelkeiten von Alphatieren und um die inhaltliche Heftlinie geht, sondern vor allem um wirtschaftliche und strategische Fragen: Um die Portemonnaies der Mitarbeiter – und um die Zukunft des "Spiegel".

Die Heftredakteure und Büchner, das war von Beginn an eine Geschichte voll gegenseitiger und eskalierender Entfremdung, gespickt mit Unbedachtheiten und Provokationen auf beiden Seiten. Seitens Büchner: Man erinnere sich an die Inthronisation des "Bild"-Mannes Nikolaus Blome in der Chefredaktion gleich zu seinem, Büchners, Start im September 2013. An die Abberufung des langjährigen Vizes Martin Doerry. An den Versuch einer ruppigen Schnell-Entmachtung einzelner Ressortleiter. Dadurch hat Büchner im Laufe weniger Monate auch bei den Kollegen, die ihm anfangs wohlwollend gegenüberstanden, seinen Kredit verspielt.


Und die Print-Redaktion samt Ressortleiter: Natürlich gibt es dort die Status-quo-Bewahrer, die Unverbesserlichen. Dies ist aber nur eine kleine – wenn auch besonders aktiv agitierende – Gruppe. Die Mehrzahl der Redakteure dürfte dagegen eher und immer mehr an Büchners Qualitäten als Blattmacher, als politischer Kopf und "Spiegel"-Versteher, ja sogar an seinem Interesse am Blatt und den Inhalten gezweifelt haben. Und konnten sich bald auch nicht mehr mit der Erklärung trösten, dass er ja als digitaler Change-Manager geholt worden war; als solcher hatte er seine Fähigkeiten zuvor als Chefredakteur der DPA unter Beweis gestellt.

Nein, immer mehr "Spiegel"-Redakteure fühlten sich durch angeblich schlampiges, ruppiges und erratisches Projektmanagement auch vom Change-Manager Büchner enttäuscht und brüskiert. Die Reaktion der Print-Redaktion: Beschwerdegänge, Blockaden, immer wieder quasi-öffentliche Brandbriefe und Durchstechereien (öfters auch falscher Informationen).

Spiegel-Chaostage: Das sind die handelnden Personen


Und so zeichnete sich in den vergangenen zwei Monaten immer mehr ab, dass die "Spiegel"-Gesellschafter – Mitarbeiter KG (50,5 Prozent), Gruner + Jahr (25,5) und die Augstein-Erben (24) – nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft mit Büchner glauben. Zum einen wegen des offenkundig unrettbar zerrütteten Verhältnisses zwischen ihm und der Print-Redaktion. Dies drohte viele Projekte zu lähmen, kurzfristige (Heftproduktionen), mittelfristige (Umstellung auf samstägliches Erscheinen ab 2015) und langfristige (Entwicklung und Umsetzung eines "Spiegel"-Produktkonzeptes für die digitale Welt). Zum anderen, weil bald auch die Mehrheit der fünfköpfigen Geschäftsführung der Mitarbeiter KG sowie G+J einige Zweifel und Sorgen der Redaktion teilten: Zweifel an Büchners Amtsführung und Eignung als journalistischer Kopf. Und Sorgen um das Print- und Digital-Bezahlmagazin, das – noch – das meiste Geld verdient und das auch im digitalen Umbaukonzept "Spiegel 3.0" eine zentrale Rolle spielte.

Denn darum geht es ja auch: Um das Projekt "3.0", zu dem sich die Gesellschafter auch öffentlich bekannt haben. Sein Inhalt: Zusammenführung der Print- und Online-Ressortleitungen, Ausbau der digitalen Bezahlangebote (Online und App), die Gratis-Site Spiegel Online als Eintrittsplattform dafür. Damit bedeutet "3.0" mehr Macht und Geld für die Onliner, nicht nur im Arbeitsalltag. Denn bisher sind sie keine Gesellschafter; sie können also nicht mitbestimmen, erhalten keine Gewinnausschüttungen und verdienen im Schnitt auch weniger. Büchner wollte alles schnell, konsequent und tiefgreifend verändern, oder eben – nach Lesart der Printler – überstürzt, poltrig und zerstörerisch radikal. Hier dürften sich die fünf KG-Geschäftsführer weiterhin uneinig sein. Doch das war jetzt erstmal nachrangig.

Denn bald konnten sich die Haupteigner – sowohl das KG-Quintett intern als auch dann mit dem Veto-berechtigten Teilhaber G+J – auf einen Nachfolger einigen: „Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo. Der wollte zunächst; man verhandelte drei Wochen lang. Doch am Schluss sagte er ab, angeblich nach einem Gespräch mit Jakob Augstein. Und nun? Externe Kandidaten von passendem Format waren und sind (schnell genug) nicht zu finden. Also: eine interne Lösung.

Klaus Brinkbäumer galt hier seit längerem als Wunschkandidat der Print-Redaktion; von den Onlinern redete lange Zeit ohnehin niemand. Aber er gilt nicht unbedingt als Digitalstratege und Change-Manager. Deshalb befürchten manche KG-Vertreter und auch G+J bei dieser und anderen Print-internen Lösungen strategischen Stillstand; zudem wollen sie den Eindruck vermeiden, die Print-Redaktion würde sie vor sich hertreiben. Trotzdem: Weil sie es sich mit Büchner nicht mehr vorstellen konnten, musste bald eine Nachfolgelösung her.

Und wohl mehr aus Pragmatismus denn aus innerster Überzeugung – speziell G+J möchte nicht als Blockierer dastehen und hat auch gerade ganz andere Baustellen – und aus Mangel an Alternativen gab man grünes Licht für Brinkbäumer. Vorerst allerdings nur interimistisch in einer Doppelspitze mit Clemens Höges, der derzeit ebenfalls stellvertretender Cheferedakteur für Print ist. Über eine längerfristige Lösung, bestehend aus Brinkbäumer und mutmaßlich Florian Harms, stellvertretender Chefredakteur für Online, wird derzeit noch verhandelt. Mit der Entscheidung eine Print-/Online-Doppelspitze zu installieren wäre trotz schlechter Erfahrungen mit einer solchen Konstruktion in Zeiten eines notwendigen Wandels ein Zeichen gesetzt.

Und nun kam Saffe ins Spiel. Er hatte Büchner im vergangenen Jahr zum "Spiegel" zurückgeholt ("unser Wunschkandidat") und hat ihn, sein Konzept "3.0", die Detailpläne und den Zeitplan dazu intern und öffentlich immer unterstützt, bis zuletzt. Damit hat er sein Schicksal gewissermaßen mit dem Büchners verknüpft. So verwundert es nicht, dass Saffe in den vergangenen Wochen, als die Gesellschafter bereits mit di Lorenzo verhandelt haben – was eigentlich auch Part des Geschäftsführers gewesen wäre –, seltsam trotzig und unbeteiligt wirkte. So ließ seine Sprecherin nach der Absage di Lorenzos auf Anfrage ausrichten, für die Geschäftsführung des Verlags sei "die Neubesetzung der Chefredaktion kein Thema, sie steht unverändert hinter dem amtierenden Chefredakteur und seinem Konzept ,Spiegel‘ 3.0".
Ove Saffe
Foto: Olaf Ballnus
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Vor ein paar Monaten, als die Welt beim „Spiegel“ nach außen hin noch heile war, da hatte Geschäftsführer Ove Saffe eine Einladung des Clubs Hamburger Wirtschaftsjournalisten (CHW) angenommen. Jetzt sollte es soweit sein. Doch in der Zwischenzeit: Riesentumulte um Chefredakteur Wolfgang Büchner und sein digitales Umbaukonzept „Spiegel 3.0“. Muss er gehen? Oder doch nicht? Wer kommt? Wie ist die Lage bei den Gesellschaftern? Man hätte verstanden, wenn Saffe den Termin dann doch noch abgesagt hätte. Hat er aber nicht.

Zuletzt hat Saffe den Gesellschaftern klar vermittelt: Gemeinsam habe man Büchner geholt, um den "Spiegel" auf eine bestimmte Weise in die digitale Zukunft zu führen, manifestiert im Konzept "3.0". Tatsächlich haben die Gesellschafter dies stets bestätigt, Ende August auch öffentlich. Jedenfalls stehe er, Saffe, weiterhin nur für das Projekt "3.0" zur Verfügung. Und auch nur mit Büchner als Chefredakteur oder als vergleichbar befugter Change-Manager mit Zugriff auf die Redaktionen, ihre Strukturen und Produkte. Anders sei der notwendige Wandel nicht zu schaffen, wird Saffe zitiert.

Deshalb wurde schon seit längerem erwartet, dass auch er, Saffe, das Haus verlassen wird. Doch die (Abfindungs-) Verhandlungen waren schwierig, denn die Gesellschafter wollten Saffe ja eigentlich halten – und eben nicht feuern und teuer abfinden (sein Vertrag lief noch bis Ende 2017). Andererseits wollte Saffe auch nicht so einfach hinschmeißen, um seine Abfindung nicht zu gefährden. Dies, die komplizierte Saffe-Frage, war der Grund für den scheinbaren Stillstand in Sachen Büchner-Demission, zumal formal nur der Geschäftsführer den Chefredakteur abberufen kann (und nicht die Gesellschafter direkt) und Saffe hierfür nicht zur Verfügung stand. Und auch für den Geschäftsführer muss erst ein Nachfolger gefunden werden. Alles dies erklärt die Hängepartie und die aktuelle (Übergangs-) Lösung. rp



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