Buchautor Markus Schächter

Die vermeintliche Moderatorenverschwörung der katholischen Kirche

Mittwoch, 24. September 2014
Was haben Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Frank Elstner gemeinsam? Klar, sie sind Moderatoren und aus der Fernsehgeschichte nicht wegzudenken. Außerdem waren sie alle Messdiener - das kann kein Zufall sein, meint Markus Schächter. Der ehemalige ZDF-Intendant hat darüber ein Buch geschrieben; es heißt "Der Messdiener. Von den Altarstufen zur Showbühne". Handelt es sich um eine Verschwörung der katholischen Kirche? Ist Ministrant sein noch en vogue? Oder bekommt das Fernsehen bald ein Nachwuchsproblem? HORIZONT-Autor Fabian Müller geht diesen Fragen nach.

Der kluge Mann baut vor. Vor eineinhalb Jahren hat Show-Legende Frank Elstner die "Frank-Elstner-Masterclass" ins Leben gerufen. Unter dem Dach von Axel Springer bildet der "Wetten Dass..?"-Erfinder pro Jahrgang zehn bis 15 Moderationstalente aus, eine hat es schon zur Pro-Sieben-Show "Himmel oder Hölle" geschafft. Doch warum der ganze Aufwand? Man könnte beinahe denken, das deutsche Fernsehen habe ein bedrohliches Nachwuchsproblem - und dass obwohl die Eintrittsbarrieren dank Web und Spartensendern gering sind wie nie.



Was einen guten Moderator ausmacht, dafür gibt es gewiss unterschiedliche Meinungen. Eine mögliche Erklärung liefert nun Markus Schächter. Der ehemalige ZDF-Intendant und heutige Professor für Medienethik war früher selbst Messdiener und studierte danach unter anderem Religionswissenschaften. Heute ist er im Vorstand der Stiftung Hoher Dom zu Mainz. Man kann Schächter also wohl als religiös bezeichnen. Insofern steht er zumindest schon mal nicht im Verdacht, eine Illuminaten-Verschwörung à la Dan Brown aufgedeckt zu haben.
Ex-ZDF-Intendant Markus Schächter hat für sein Buch 14 Moderatoren interviewt
© Screenshot/katholisch.de
Ex-ZDF-Intendant Markus Schächter hat für sein Buch 14 Moderatoren interviewt
Nun hat Schächter ein Buch geschrieben. "Der Messdiener" enthält 14 Interviews mit den Granden des deutschen Fernsehens, unter anderem mit Reinhold Beckmann, Alfred Biolek, Jürgen von der Lippe, Anne Will; zudem Elstner, Gottschalk, und Jauch. Sie alle waren in ihrer Kindheit Messdiener, Will war Sternsängerin. Heute stehen sie an der Spitze der Moderationslandschaft. Oder wie Schächter sagt: Mehr als die Hälfte der deutschen Showgrößen war als Kind für die katholische Kirche im Einsatz.

Zufall oder nicht? Schächter meint, es gebe zwar keinen kausalen Zusammenhang, aber einige Gemeinsamkeiten. Fakt ist: Die katholische Kirche versteht sich äußerst gut auf Inszenierung und Dramatik. Nirgends sonst haben Kinder so früh die Chance, sich vor Erwachsenen derart zu präsentieren. "Es ist eher Zufall, als dass es eine logische Verbindung gibt. Aber aus dem Zufall lässt sich auch immer was machen", sagte Schächter im Interview mit katholisch.de. Aus dem Ministranten-Dasein könne man viel lernen. Und das hätten eben unverhältnismäßig viele genutzt.


Nun genießt die katholische Kirche zurzeit speziell bei jüngeren Menschen nicht den allerbesten Ruf, was verschiedene Gründe hat. Auch das Wort "Messdiener", gibt selbst Schächter zu, drücke "etwas Verschrobenes" aus. Im Buch gibt der ebenfalls befragte Moderator Willi Weitzel übrigens zu Protokoll, böse Erfahrungen mit einem sexuell übergriffigen Geistlichen gemacht zu haben. Die Kirche hat - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - ein selbstverschuldetes Imageproblem. Was macht das mit dem TV-Nachwuchs?

Die Antwort: Vermutlich nichts - sofern man der Kausalitätskette Schächters Glauben schenkt. Die Zahl der Ministranten ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, bei der letzten Zählung 2009 waren es 436.000 Mädchen und Jungen - 43.000 mehr als noch 2004. Die Zukunft der deutschen TV-Moderation scheint also gesichert. Und Schächters Buch ist als längst überfällig und journalistischer Scoop zu werten (wenn auch nicht als statistisch signifikanter). Frank Elstner jedenfalls scheint die Zeichen auch in seiner Masterclass erkannt haben: Einer der Dozenten dort ist Benjamin von Stuckrad-Barre - fünftes Kind einer Pastorenfamilie. Irgendwie passt doch alles zusammen. fam

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