Uwe Vorkötter

Uwe Vorkötter

SWMH Stuttgarter Zeitungsnachrichten

Dienstag, 09. Juni 2015
Zeitungsrevolution im Südwesten: Seit ihrer Gründung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg stehen „Stuttgarter Zeitung“ und „Stuttgarter Nachrichten“ im journalistischen Wettbewerb zueinander. Jetzt werden die Redaktionen fusioniert. Beide Titel sollen erhalten bleiben, sie erscheinen aber künftig über weite Strecken mit identischen Inhalten.  Eine Analyse von HORIZONT-Chefredakteur Uwe Vorkötter.

Im Jahr 1972 entwickelte der legendäre Verlagsgeschäftsführer Eugen Kurz das Stuttgarter Modell:  Zwei Zeitungen erscheinen unter einem Dach, mit gemeinsamer Anzeigenvermarktung, gemeinsamer Technik, gemeinsamen Verlagsabteilungen - aber redaktionell strikt getrennt.

Damals wurde auf diese Weise die Existenz der „Stuttgarter Nachrichten“ gesichert. Seitdem sind die Rollen verteilt: Die „Stuttgarter Zeitung“ bedient als Flaggschiff des Medienhauses das gutsituierte bürgerlich-liberale Publikum der Stadt, die „Stuttgarter Nachrichten“ liefern den Mantel für eine Vielzahl lokaler Blätter im Württembergischen und attackieren zugleich mit einiger Lust den Platzhirschen auf dem lokalen Feld. Gut vierzig Jahre später schleift Richard Rebmann, Chef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), einen der Grundpfeiler dieses Modells, die redaktionelle Eigenständigkeit. „Der neue Stuttgarter Weg“, wie Rebmann sein Programm nennt, ersetzt das alte Stuttgarter Modell. 
Turbulente Zeiten: Das Pressehaus Stuttgart
Turbulente Zeiten: Das Pressehaus Stuttgart (© SWMH)
Die Eckpunkte der neuen Struktur: Eine „flexible Gemeinschaftsredaktion“, die aus neun Ressorts besteht, liefert künftig die Inhalte für beide Zeitungen und produziert die Seiten in einem gemeinsamen Newsroom. Getrennt bleiben allein die Chefredaktionen, kleine Teams für die Titelseiten, Artdirektionen sowie insgesamt zwölf exklusive Autoren, die die inhaltliche Profilierung beider Blätter gewährleisten sollen. Neu gegründet wird das Ressort „Multimediale Reportage“, in dem Reporter gemeinsam mit Videoredakteuren und Webdesignern Inhalte für die digitalen Kanäle erstellen. 
Richard Rebmann treibt den Umbau der Südwestdeutschen Medienholding weiter voran
© SWMH

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Die Chefredakteure beider Titel haben das Fusionsprogramm maßgeblich mitentwickelt, wenn auch nicht aus Begeisterung. Sie sehen allerdings, dass auch in der wirtschaftsstarken Stadt Stuttgart Anzeigengeschäft und Auflagen bröckeln. Die Gesamtauflage von 470.000 Exemplaren, die in der heutigen SWMH-Pressemitteilung stolz präsentiert wird, steht ohnehin nur auf dem Papier. Darin enthalten sind die Auflagen der Partnerzeitungen, die aus Stuttgart den Mantel beziehen, aber ansonsten eigenständig arbeiten, vor allem in der lokalen Vermarktung. Für die beiden Stuttgarter Blätter weist die ivw-Statistik im ersten Quartal 2015 zusammen 155 000 Abos aus - vor zwei Jahrzehnten lag die „Stuttgarter Zeitung“ allein in dieser Größenordnung. 
Werden künftig aus einer Redaktion gefüllt: die "Stuttgarter Nachrichten" ...
Werden künftig aus einer Redaktion gefüllt: die "Stuttgarter Nachrichten" ... (© SWMH)
Als Schwachpunkt der derzeitigen Struktur haben Geschäftsführer und Chefredakteure die Tatsache ausgemacht, dass die Redaktionen nach wie vor stark auf die Printausgaben konzentriert sind. Die Digitalisierung der Mediennutzung ist denn auch ein zentrales Argument für den neuen Weg: Joachim Dorfs, Chefredakteur der „Stuttgarter Zeitung“, gibt als Ziel vor, „die Informationsbedürfnisse unserer Leser künftig besser von morgens früh bis in den späten Abend auf unterschiedlichen Kanälen zu befriedigen“. Und sein  Kollege von den „Nachrichten“, Christoph Reisinger, will Kräfte freisetzen, „die wir in  die quantitative und qualitative Ausweitung des Digitalangebots investieren können“.

Investieren will SWMH-Chef Rebmann in der Tat auch: Zehn bis fünfzehn Stellen für „neue Aktivitäten und die Sicherung der Qualität“ sollen neu geschaffen werden. Im Vordergrund steht allerdings das Sparen: 30 bis 35 Stellen fallen in den Redaktionen weg. Das finanzielle Ziel dürfte sich folglich auf eine Kostensenkung in der Redaktion von etwa 2 Millionen Euro belaufen. Diese Vorgabe ist nicht eben rabiat, die neue Gemeinschaftsredaktion soll immerhin 240 Vollzeitstellen umfassen.  Auch bei der Umsetzung will man offenbar gemäßigt vorgehen: Der Personalabbau soll über freiwillige Abfindungsangebote, nicht über betriebsbedingte Kündigungen erfolgen. Und die Gelegenheit, mit der Gründung der Gemeinschaftsredaktion den Tarifvertrag zu verlassen, bleibt ungenutzt – betriebswirtschaftlich eine teure Entscheidung, die Rebmann als Vizepräsident des Zeitungsverlegerverbandes BDZV politisch allerdings kaum anders treffen konnte. 
... und die "Stuttgarter Zeitung"
... und die "Stuttgarter Zeitung" (© SWMH)
Die Stuttgarter Revolution wirkt im bundesweiten Vergleich nicht einmal besonders revolutionär. Bei DuMont Schauberg arbeitet die DuMont Redaktionsgemeinschaft seit Jahren aus einer Hand für die  Abotitel „Berliner Zeitung“, „Kölner Stadtanzeiger“ und „Mitteldeutsche Zeitung“, nach wie vor ist auch die „Frankfurter Rundschau“ an den Verbund angegliedert. Madsack hat im vergangenen Jahr das Redaktionsnetzwerk Deutschland gegründet, eine Gemeinschaftsredaktion, die von Hannover aus fast zwanzig Titel aus einer Hand beliefert und deren Mantelseiten produziert. Bei Funke in Essen wird mit Hochdruck an der gemeinsamen Mantelredaktion für die Titel der Gruppe (unter anderem „WAZ“, „NRZ“, „Berliner Morgenpost“, „Hamburger Abendblatt“) gearbeitet. Nun eben auch Stuttgart?

Tatsache ist, dass sich auch in Stuttgart seit den Zeiten des Eugen Kurz vieles geändert hat. „Stuttgarter Zeitung“ und „Stuttgarter Nachrichten“ haben bereits seit 1979 mit „Sonntag Aktuell“ eine gemeinsame siebte Ausgabe für die Abonnenten (die allerdings gerade zur Disposition steht), Beilagen werden gemeinsam produziert, die „Nachrichten“ können auf regionale Inhalte der „Zeitung“ zugreifen, die Onlineangebote beider Titel enthalten bereits weitgehend identische Inhalte. Und dennoch ist die Fusion der beiden Redaktionen ein Bruch, in dem ein Stück Zeitungsgeschichte und -kultur untergehen: Wenn die beiden Abotitel der Schwabenmetropole künftig unter verschiedenen Markennamen, aber ganz überwiegend mit denselben Nachrichten, Reportagen und Kommentaren erscheinen, werden die „Stuttgarter Nachrichten“ praktisch zur Light-Version der StZ: etwas dünner, täglich vier Seiten weniger Inhalt, dafür 3 Euro billiger im Monat. Ein Stuttgarter Weg, der sehr dem Aachener Modell ähnelt. „Aachener Zeitung“ und „Aachener Nachrichten“ erscheinen seit 2003 ebenfalls unter verschiedenen Titeln mit gleichem Inhalt, allerdings unter einheitlicher Chefredaktion.

Im zweiten Quartal 2016 soll die neue Gemeinschaftsredaktion arbeiten, bis dahin stehen dem Stuttgarter Konzern wohl noch einige Turbulenzen ins Haus. Gewerkschaften und Betriebsräte, die heute erst informiert wurden, werden die Opposition gegen Rebmanns Programm formieren; in den beiden Redaktionen sind sie traditionell stark verankert. Aufatmen werden dagegen ihre Kollegen in München: Für die Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ ist der Stuttgarter Weg die Garantie, auf absehbare Zeit nicht in die Synergieprozesse der SWMH-Gruppe einbezogen zu werden. Denn das wäre die strategische Alternative gewesen: die SZ und die „Stuttgarter Zeitung“ redaktionell eng miteinander zu verknüpfen. In München allerdings hat Chefredakteur Kurt Kister aus seiner Abneigung gegen jeglichen Synergieprozess keinen Hehl gemacht. Die Marke „Süddeutsche Zeitung“, so wurde es schließlich beschlossen, bleibt ganz und gar eigenständig. Das wird die Stimmung bei den Schwaben nicht aufhellen. Sie sind seit dem Einstieg bei der SZ im Jahr 2007 ohnehin felsenfest davon überzeugt, dass die „Stuttgarter Zeitung“ das Geld verdient, mit dem der Kauf der „Süddeutschen“ finanziert wird. Und das ist keineswegs eine abwegige Sichtweise. uv

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