Real oder Surreal?

Googles europaweite Charming-Offensive

Mittwoch, 29. April 2015
Ein Friedensangebot der besonderen Art: Google überrascht die europäische Verlagsszene mit einer generösen 150-Millionen-Euro-Offerte.  HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz über ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.

150 Millionen Euro will Google in den kommenden drei Jahren investieren, um Innovationen im digitalen Journalismus zu fördern.



So weit die News. Doch was ist das nun:  Eine Friedenspfeife aus Mountain View? Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann, "Der Pate Teil I" lässt grüßen? Folgen die Verlage der Devise „If you can’t beat them, join them!“? Oder interpretiert der Suchgigant „Divide et impera" auf neue Art und Weise?

Wahrscheinlich von allem ein bisschen. Wir haben an dieser Stelle uns häufig kritisch mit der Bigotterie auseinandergesetzt, Google und Facebook einerseits zu verdammen, andererseits alles zu tun, um mit Google-optimierten Websites eine möglichst hohe Reichweite zu erzielen  oder Meldungen vor allen Dingen zur Beglückung der Facebook-Freunde zu schreiben.


Und wir haben uns auch immer kritisch mit der Sinnhaftigkeit des Leistungsschutzrechtes beschäftigt.

Nun will der so geliebte und so gehasste Konzern 150 Millionen Euro in innovativen Journalismus in Europa investieren. Dass ausgerechnet Google Europas Journalismus retten will/soll, hat  etwas Surreales.

Die Offerte zeigt die Vielschichtigkeit der aktuellen Gemengelage. Sie ist

  • Eine Friedenspfeife aus Mountain View: Der Internet-Konzern macht auf gute Stimmung. Ganz selbstlos ist die Charming-Offensive bestimmt nicht:  Angesichts der  Untersuchungen der EU-Kommission wird dem US-Konzern extrem daran gelegen sein, das angespannte Verhältnis zur Medienbranche, oder zumindest einem Teil davon, zu verbessern.
  • Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann: Der europäische Journalismus hat im Vergleich zum US-Journalismus im Digitalbereich ein großes Problem. Aufgrund des kleinen nationalen Sprachraums fehlt ihm in der Regel – Ausnahmen sind britische Medienmarken wie „FT“, „Guardian“ – die globale oder zumindest internationale Perspektive. Was wiederum bedeutet: Er wird, im Gegensatz zu US-Marken wie „Business Insider“ oder „Politico“, nicht für so viele Investoren attraktiv sein. Weil Verlage sich deshalb den enormen finanziellen Einsatz in innovativen Journalismus nicht leisten können, kommt die Google-Offerte zur rechten Zeit.
  • „If you can’t beat them, join them.“: Von deutscher Seite aus sind zum Start die „FAZ" und die „Zeit“ beteiligt. Beide Verlage sind bislang weder  als Vorkämpfer  für den Leistungsschutz noch – die „FAZ“ zumindest seit dem Tod ihres Herausgebers Frank Schirrmacher - als Speerspitze der Anti-Google-Front aufgetreten. „FAZ“ und „Zeit“ haben richtig gesehen, dass sich viele Medienhäuser im Kampf gegen Google „verrannt“ haben, wie FAZ.net-Chef Mathias Müller von Blumencron im HORIZONT-Interview konstatiert hat. Warum soll man also mit demjenigen, den man nicht klein kriegen kann, nicht kooperieren?
  • Divide et impera: „FAZ“ und „Zeit“ auf der einen Seite. Axel Springer, Burda und Mediengruppe Funke Gruppe auf der anderen Seite. Die deutschen Medienhäuser werden in  Sachen Google auch weiterhin nicht mit einer Zunge sprechen, VG Media hin oder her.  Google spaltet und lockt zugleich. Und das ziemlich geschickt.

    „Innovationen“ ist das Zauberwort, vor dem alle Verleger auf die Knie fallen. Denn jeder will wissen: Wie schaffen wir es, guten Journalismus im digitalen Zeitalter profitabel fortzuführen? Wenn einem eines der innovativsten Unternehmen verspricht, bei der Beantwortung der Frage zu helfen, lässt sich schwer Nein sagen.

    "FAZ" und "Zeit" haben die richtige Entscheidung getroffen. Und Google auch. Kooperationen, so heißt es immer wieder, gehören zu den unnachahmlichen Stärken der Netzkultur und -ökonomie. Vielleicht erlebt Win-win wieder ein kleines Comeback, allen surrealen Zügen zum Trotz.
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