Roland Pimpl

Roland Pimpl

Spiegel-Porträt Wie der "Spiegel" mit seiner Döpfner-Schmonzette Chancen vergibt

Dienstag, 28. Januar 2014
Was liest der Mensch am liebsten? Antwort: Das, was ihn in seinem Weltbild bestätigt. Und wenn es dann noch hübsch geschrieben ist - umso besser. Insofern ist dem "Spiegel" aktuell mit seinem süffisanten Schenkelklopfer über Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner ein Glanzstück gelungen. Der "Bild"-Konzern, der Kapitalmarkt: alles immer schon irgendwie suspekt. Doch über allen Schmunzelschnurren darüber - und über die seniore Verlegerwitwe - vergibt das Stück leider die wesentlichen Chancen.
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Mathias Döpfner Axel Springer


Wochelang durfte "Spiegel"-Autor Matthias Geyer den Springer-Chef begleiten, aus nächster Nähe beobachten, immer wieder mit ihm reden. Und opulente sechs Seiten Platz hatte er, um das zu beschreiben, was da gerade im Medienmarkt los ist. Wie Springer damit umgeht. Was Döpfner umtreibt. Wie der wirklich tickt. Stattdessen: Selektiv beobachtete Schmonzetten vom Rande des Geschehens, die das Bild bestätigen, das der Autor (und mit ihm wohl der Mainstream der Was-mit-Medien-Interessierten) schon vorher hatte.

Pimpls Position

In der Online-Kolumne kommentiert Roland Pimpl, Hamburg-Korrespondent von HORIZONT, in loser Folge Themen und Thesen der Medienwelt.

Warum sich kritisch mit Döpfners Gedanken über die Zukunft des (digitalen) Journalismus beschäftigen, mit seinen Besuchen auf Redaktionskonferenzen? Nein, dann schon lieber spaltenlang seinen Auftritt vor Investoren (was zum CEO-Job nun mal dazugehört) nachzeichnen und dabei wirklich kein Klischee auslassen. Yeah, sogar Gordon Gekko spielt mit. Und von einer Blattkritik bei "Bild am Sonntag", die ewig lange dauern kann, bitte nur einen einzigen Döpfner-Satz zitieren: den mit der Rendite. Alles andere weglassen!

Und warum über Döpfners Gespräche mit Redaktionen berichten, wenn der einsilbige (!) Finanzmann (!), der im Learjet (!) neben ihm über Excel-Tabellen (!) brütet, doch viel besser ins monochrome Bild passt? Warum reflektierte Döpfner-Gegner heranziehen, wenn man mit dem Alt-Verleger Alfred Neven DuMont einen einzigen Kronzeugen an der Hand hat, der seine Ratlosigkeit über die neue Medienwelt, seine Erfolglosigkeit bei seinen jüngsten Prestigeprojekten ("FR") und seine Enttäuschung über den misslungenen Generationenwechsel mit historischem Groll gegen Springer zu knackigen Anti-Döpfner-Zitaten anrührt?

Kein Wort auch über die Hintergründe des spektakulären Verkaufs etlicher Springer-Titel an die Funke-Gruppe. War es vielleicht nicht eher so, dass Döpfner eigentlich lieber das große Rad gedreht und Regionalzeitungen hinzugekauft hätte - das Kartellamt aber das, was schon heute und erst Recht in Zukunft wirtschaftlich notwendig scheint (größere Einheiten nämlich, Zeitungsketten), Springer verbot? Und dass der Teilverkauf eben der konsequente Plan B ist? Schade, dass der "Spiegel"-Autor hier aus der Nähe nicht etwas genauer hingeschaut hat.

Aber nein: Döpfner ist kein Verleger, sondern ein 2,02 Meter großes "Flanellmännchen", ein Kaufmann, ein Kassierer. Offenbar mit diesem Bild im Kopf - und wohl nicht sehr neugierig - war der Autor angetreten, und natürlich wird es in den Wochen seiner engen Begleitung immer wieder Szenen gegeben haben, um dieses eine, dieses einzige Bild auszumalen. Bingo! Alles andere wurde wegradiert. Ja, sicher, es ist auch schwieriger, elegant und zugleich differenziert zu schreiben.

Noch nicht mal auf Sichtweite kommt das lange Stück der Frage nahe, was es heutzutage überhaupt heißt, Verleger zu sein. Viel Geld zu verbrennen mit Journalismus? Oder sich stattdessen Gedanken zu machen über die wirtschaftlichen Grundlagen der Presse im digitalen Zeitalter? Gedanken, die sich die Gottväter der Zunft - Springer, Augstein und Nannen waren übrigens auch gewiefte Kaufleute! - damals gar nicht machen mussten; die Geschäfte liefen von alleine. Leider kein "Spiegel"-Wort fällt auch über Döpfners beherzte Pionierversuche mit Paid Content. Doch gibt es strategischere und verlegerische Überlegungen als diese?

Nun, tatsächlich würde man nach den ganzen Titelverkäufen, Digitalzukäufen und journalistischen Ankündigungen der jüngsten Vergangenheit nun gerne mal wieder ein paar neue Presseprodukte sehen, sei es auf Papier oder im Digitalen. Die Frage, ob Döpfner ein Verleger ist bzw. so handelt wie einer, muss daher vorerst weiter offen bleiben. Der "Spiegel" hat sie jedenfalls mit vielen schönen Worten nicht beantwortet. rp


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