Nerviger Hype

Stell' Dir vor, es ist Shitstorm - und keiner guckt hin

Montag, 17. Februar 2014

Vom Winde verweht: Die Shitstorms allein des vergangenen Jahres konnten schon fast das Alphabet aufblasen - von Amazon, Barilla und Coca-Cola bis hin zum ZDF-Frauenfußball, dazwischen noch Hipp, "How I met your mother", Jung von Matt, Lanz und "Lokalzeit". Wer erinnert sich noch daran? An die Wutwelle selber - oder an die Berichterstattung darüber? Was bleibt von Shitstorms? Ziemlich wenig. Und das hat Gründe.

Es gibt ja diese Menschen, es gab sie immer: Die bei der kollektiven Rangelei früher auf dem Schulhof immer erst dann geschubst haben, wenn jemand schon taumelte. Die heute im Theater bei Missfallen immer erst dann "Buh" rufen, wenn sie im Konzert weiterer Buhrufer nicht mehr identifizierbar sind. Die bei Abstimmungen in großen Versammlungen mit dem Handheben lieber erstmal abwarten, um mit ihrer Meinung ja nicht alleine dazustehen.

Vor allem solche Leute blasen ein Phänomen auf, das zum Internet und seinen Social Media gehört wie die Jauchewolke zur Landwirtschaft: den Shitstorm. Gemeint sind nicht etwa jene kritischen Kommentare auf Facebook und anderswo, die eine Diskussion durch Gegenreden, Korrekturen und neue Fakten weiterbringen. Sondern gemeint sind jene oft anonymen Auswürfe, die Haltung mit Aggressivität verwechseln und Substanz durch Unflätigkeit ersetzen. Einerseits genießen hier Leute mit offenbar viel Tagesfreizeit oder wenig Nachtschlaf das wohlige Gefühl, mit der (vermeintlichen) Masse zu marschieren; andererseits möchten sie dann extra hart nachtreten, um sich noch irgendwie wahrgenommen zu fühlen.

Die Sache ist nur die: Wie relevant und nachhaltig sind solche Shitstorms wirklich?

Zeichnen 77, 777 oder auch 7777 Schimpfkommentare schon ein realistisches, gar repräsentatives Bild von der Stimmung gegen ein Unternehmen, eine Marke, einen Zeitungsartikel oder einen TV-Moderator? Oder shitten hier nur jene Leute ins Netz, die - warum auch immer - eben besonders motiviert sind, dies zu tun? Und die schweigende Mehrheit schweigt, zuckt mit den Schultern oder bekommt noch nicht mal etwas davon mit?

Pimpls Position

In der Online-Kolumne kommentiert Roland Pimpl, Hamburg-Korrespondent von HORIZONT, in loser Folge Themen und Thesen der Medienwelt.

Und schadet ein Shitstorm den betroffenen Unternehmen, Marken, Medien, Autoren und TV-Moderatoren wirklich? Oder reden ihnen Social-Media-Experten das bloß ein, um lukrative Beratungsmandate zu ergattern? Hier mehren sich die Anzeichen, dass Shitstorms bei den Betroffenen kaum (geschäftlichen) Schaden anrichten. Und das kann man auch erklären.

Denn vielleicht äußern die Shitstormer (zumindest in dieser rohen Heftigkeit) ja nur eine Minderheitsmeinung, die sich im selbstgerechten Rausch der eigenen Lautstärke lediglich so anfühlt wie eine gesamtgesellschaftliche Bewegung. Auf jeden Fall bekommen erst durch die massenmediale Berichterstattung weitere Bevölkerungskreise vom Shitstorm Wind.

Und das geht so: Journalisten, berufsbedingt immer im Netz (wer hat denn sonst die Zeit dazu?), werden aufmerksam, halten 777 Kommentare für ein relevantes Abbild der gesellschaftlichen Meinung - und heben das Thema in ihre Medien. Das Publikum schaut kurz interessiert hin, teilt die Empörung der Shitstormer aber vielleicht nicht - mag mangels Involvement oder Traute aber auch nicht dagegen (genauer: gegen diese scheinbare Massenmeinung) opponieren. Das Ergebnis: Die veröffentlichte Meinung weicht von der öffentlichen Meinung ab, Elisabeth Noelle-Neumanns Schweigespirale lässt grüßen.

Aber selbst wenn alle, auch die schweigende Mehrheit, die Empörung inhaltlich teilen: Es ist immer noch etwas anderes, seine Meinung bloß zu äußern - als dann tatsächlich auch danach zu handeln. Klar finden alle irgendwie doof, dass Firma XYZ so niedrige Löhne zahlt. Aber deshalb auf deren tollen Angebote verzichten? Och nö. Nebenbei: Konsumentscheidungen sind viel ehrlichere Präferenzbekundungen als irgendwelche Kommentare.

Man darf daher vermuten, dass erst die hektische Reaktion der Betroffenen und die Thematisierung durch die Medien einen Shitstorm wirklich wahrnehmbar (und damit potenziell relevant) machen und das digitale Gekritzel zum Thema für einen Tag adeln. So werden anonyme Shitstorms ihrer Namensmetaphorik gerecht: Denn nicht Blogs, deren Macher mit offenem Visier schreiben, sind die berühmten "Klowände des Internet" - sondern die mit Brachialsprache befüllten Kommentarspalten der Namenlosen.

Wie geht es weiter mit dem Thema? Nun, die Aufmerksamkeit der Betroffenen, der Medien und des Publikums wird mit zunehmender Stürmchenfrequenz abnehmen. Je häufiger Shitstorms durchs Netz wehen, je gelassener oder gar spielerischer (siehe aktuell Heineken) die Betroffenen damit umgehen, je überschaubarer die realen Auswirkungen sind - desto mehr wird das Interesse des Publikums und dann der Medien erlahmen. Wie schön. rp





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