Nüchtern betrachtet

"Der Klügere kippt nach" im HORIZONT-Check

Dienstag, 07. April 2015
Mit "Der Klügere kippt nach" hat sich Show-Altstar Hugo Egon Balder bei Tele 5 einen kleinen Traum erfüllt. Das Format, bei dem die Talkgäste ordentlich bechern dürfen, so sie denn wollen, ist jedoch nicht völlig unproblematisch. Banalisiert sie das Trinken? Leistet sie gar übermäßigen Alkoholkonsum Vorschub? Und last but not least: Ist das überhaupt gutes Fernsehen? Der Versuch einer Einordnung.

Montagabend, 22.15 Uhr in der Kneipe "Zwick" auf St. Pauli. Dort, wo für gewöhnlich ohnehin gerne getrunken wird, soll nun auch in der kommenden Stunde Alkohol konsumiert werden. Mit dem kleinen Unterschied, dass diesmal Kameras dabei sind, die das Happening in die deutschen Wohnzimmer übertragen. Live, versteht sich. "Der Klügere kippt nach" hat bereits vor dem ersten Sendetermin für Aufsehen gesorgt. Darf man das? Mehr oder weniger prominente Menschen dabei zeigen, wie sie sich vor laufender Kamera die Kante geben? Nicht wenige verneinen das. Jürgen Naundorff etwa, Geschäftsführer des Suchthilfeverbandes Blaues Kreuz, sagte gegenüber der Deutschen Presseagentur über die Sendung: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie keine Zukunft hat. Dennoch werden diese Ausstrahlungen negative Folgen haben, weil allein schon der Titel höchst problematisch ist."



Das lässt sich nicht leugnen. Auch wenn Tele 5 betont, bei "Der Klügere kippt nach" handele es nicht um "Suff-TV": Hier konnte sich der Sender die billige Effekthascherei durch die Verdrehung einer populären Spruchweisheit offenbar nicht verkneifen. Dass es auch anders geht, beweist der hochgelobte Tresen-Talk "Inas Nacht" im NDR. Auch dort lief häufig nichts ohne Bierchen. Nur stand das nie im Zentrum.

Und so reduziert der Titel die Sendung eben doch zunächst einmal auf das Trinken – was den Blick für die Gespräche der Gäste trüben könnte. Die Frage dürfte sein, ob die deutsche TV-Landschaft ein Format braucht, das ohne Alkohol nicht funktioniert. Reicht es nicht schon, wenn sich die Zuschauer auf der Couch das eine oder andere Bier genehmigen?


Wer erwartet hatte, dass die Macher der Sendung diese Klippe umschiffen würden, sah sich getäuscht. Moderator Wigald Boning, der während der gesamten Sendedauer nur Wasser trinken sollte, startete den Talk mit folgenden Sätzen: "Bei uns unterhalten sich Prominente unter Alkoholeinfluss über Themen, die Deutschland bewegen. Unser erstes Thema: Teufel Alkohol." Dann wurde Alkoholkonsum thematisiert und ob man das im Fernsehen zeigen dürfe. "Ein neuer Tiefpunkt im Trash-TV?" fragte Boning nicht ohne Ironie.

Vielleicht wäre es besser gewesen, hierauf entweder seriös oder gar nicht zu antworten. Der Mix aus Ernsthaftigkeit und Trotz, mit dem Hella von Sinnen anschließend lospolterte, war jedoch vielleicht die schlechteste aller Möglichkeiten: "Ich betrachte das Thema sehr ernsthaft, ich habe auch schon viele Menschen an den Alkohol verloren. Aber alles muss immer so politisch korrekt sein und alles wird immer verbotener, dass ich finde, wir dürfen uns das heute einfach mal trauen und vor laufender Kamera saufen." Darauf ein Pils.

Und dann war es auch schon vorbei mit der Selbstreflexion. Nächstes Thema: "50 Shades of Grey". "Man sieht darin nicht mal Penis!", echauffierte sich Erotik-Expertin Paula Lambert über die Romanverfilmung. Mal ganz abgesehen davon, dass der Streifen schon seit einiger Zeit aus den Klatschspalten verschwunden ist: Langsam wurde es durchsichtig, womit die Zuschauer hier unterhalten werden sollten. Alkohol, Sex und Kalauer. Na Prost.

Als (nüchterner) Zuschauer dachte man sich zu diesem Zeitpunkt: "Um Himmels Willen, hoffentlich unterhalten die sich nicht auch noch über den Germanwings-Absturz!" Aber genau das passierte wenig später, als Moderator Boning das nächste Thema ansagte: Karfreitag. Schlagerbarde Bernhard Brink fragte, warum Gott dem ausgesperrten Piloten nicht geholfen hat, die Cockpit-Tür aufzukriegen. Keine Minute später wurde eine Runde Eierlikör gekippt. Kurz nachdem über den wohl schrecklichsten Unfall der jüngeren deutschen Geschichte mit 150 Toten gesprochen wurde. Ok, hier könnte man sagen: Es entspricht sicher der Lebenswirklichkeit vieler Deutscher dieser Tage, sich über die Katastrophe zu unterhalten und dennoch dem Alltag zu folgen. Aber muss man das im TV auf diese Weise rüberbringen?

Nun, das ist Geschmackssache. Ein kurzer Blick auf Twitter während der Sendung verriet jedenfalls, dass viele Zuschauer durchaus angetan waren. Und "Der Klügere kippt nach" hatte freilich auch seine starken Momente. Besonders, als es um weiche Themen ging: Michelle und Matthias Reim sollen wieder ein Paar sein. RTL plant eine Neuverfilmung von Winnetou. Heidi Klum liebt einen Jüngeren. Als eine bereits sichtlich beschwipste Hella von Sinnen schließlich einen lesbischen Hitler imitierte, war das wahrscheinlich jene Form von Anarchie und Mut, die dem glattgebügelten deutschen Fernsehen ja allzuoft fehlt.

Insofern ist die Frage, ob "Der Klügere kippt nach" gutes Fernsehen ist, eine Sache des Geschmacks und der Erwartungshaltung. Wer mit neuen Erkenntnissen aus der Sendung gehen möchte, wird enttäuscht werden. Wer unterhalten werden und dabei moralische Bedenken ausblenden möchte, kommt auf seine Kosten.

Die Frage ist, warum "Der Klügere kippt nach" den Alkoholkonsum mehr befeuern sollte als jede x-beliebige Bierwerbung. Immerhin zeigt das Format nichts, was nicht fast jeder von uns aus eigener Erfahrung kennt. Vielmehr bekommt man eine Situation vor Augen geführt, in der man sich auch häufig befindet, wenn man abends mit den Kumpels was trinken geht. Das kann böse enden, muss es aber nicht. Und wer weiß: vielleicht bekommt so mancher Zuschauer ja auch die Augen darüber geöffnet, in was für peinliches Gelaber so ein Kneipenabend münden kann. ire

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