"No Sports" im HORIZONT-Check

Jetzt fehlt nur noch das brennende Haus

Donnerstag, 23. Juni 2016
Selten dürfte ein Magazinname die Zuschauer so an der Nase herumgeführt haben: Am 24. Juni bringt Gruner + Jahr erstmals "No Sports" an den Kiosk. Der Titel soll sich mit allem beschäftigen, was mit Sport zu tun hat - außer Fußball. Geht das Konzept auf? HORIZONT Online hat vorab einen Blick in das Heft geworfen.

Wenn ein Sport-Magazin den etwas umständlichen Namen "No Sports" trägt und mit einem Bild und einem Zitat von Muhamad Ali einsteigt, dann kann da irgendetwas nicht stimmen. Sollte man meinen. Denn genauso, wie "The World’s Greatest" mehr war als nur ein Boxer, ist auch "No Sports" mehr als nur ein weiterer Sport-Titel. Und deswegen passt auch der Name.



Die Intention des Verlags Gruner + Jahr ist, aus der Masse an Titeln auszubrechen, die sich zwar Sport buchstäblich auf die Fahnen geschrieben haben, nur um dann doch wieder schwerpunktmäßig über Fußball zu berichten. Verständlich, ist Mastermind Philipp Köster doch im Hauptberuf Chefredakteur von "11 Freunde" und hat genug mit dem runden Leder zu tun. Der Sticker "Ein Freund von 11 Freunde" in der linken oberen Ecke des Covers weist den Lesern dann auch gleich darauf hin, mit wem er es hier zu tun hat.

"No Sports": Erste Einblicke in Gruner + Jahrs neuen Sport-Titel


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Jeder Sport ist großer Sport", heißt es im Editorial. Und tatsächlich: Fußball findet nicht statt. Um Handball geht es in Heft 1, um Triathlon und Sportschießen ebenfalls, um Cricket, Hockey, Ringen, Motorsport. Und auch das inzwischen im Mainstream angekommene Darts bekommt eine Story gewidmet. Zudem spart das "No Sports"-Team auch unbequeme Themen wie Sportwetten und Doping nicht aus. Bei der Themenwahl werden die Macher ihrer Prämisse damit mehr als gerecht.

Was "No Sports" von anderen Titeln unterscheidet: Das Heft will auch die kleinen Geschichten hinter dem großen Sport erzählen. Oder anders gesagt: Es soll ein wenig "menscheln". Besonders deutlich wird dies bei  der Titelstory: Das Porträt von Co-Chefredakteur Tim Jürgens über Boris Becker ist einfühlsam geschrieben und leuchtet die Persönlichkeit der größten deutschen Tennislegende aus vielen verschiedenen Blickwinkeln aus.
Das Heft

Verlag: Gruner + Jahr
Chefredaktion: Philipp Köster, Tim Jürgens
Seiten: 132
Auflage: 120.000
Copypreis: 6,80 Euro
Erscheinungsweise: 2x im Jahr 2016, 6x ab 2017

Inhaltlich merkt man "No Sports" Kösters und Jürgens Handschrift deutlich an. Zuweilen tritt deutlich der etwas kumpelhafte, zuweilen scherzhafte aber nie unangemessene Tonfall der "11 Freunde" hervor. Und ebenso wie der Erfolgstitel vermittelt auch sein kleiner Bruder in allem was er behandelt zwei Dinge: Kompetenz und Liebe zum Sport.


Egal, ob der Radfahrer Marcel Kittel begleitet, die deutsche Handball-Nationalmannschaft porträtiert oder der immer noch vielen Deutschen fremde Dartsport vorgestellt wird: Die Autoren vermitteln mit Blick fürs Detail, was das Objekt ihrer Berichterstattung so besonders macht. Die opulenten Fotos und das hochwertige Papier tun ein Übriges, um "No Sports" zu einem rundherum angenehmen Leseerlebnis machen. Den Verlag wird zudem freuen, dass auch trotz der kurzen Anlaufzeit bereits prominente Anzeigenkunden wie VW und Tag Heuer an Bord sind. Das bedeutet allerdings nicht, dass es nichts zu kritisieren gibt. Auf den Seiten 86 und 87 gibt es das Foto eines Footballspiels in den USA der 60er Jahre. Im Vordergrund sieht man das Spielfeld, in der Bildmitte die Zuschauertribüne. Und dahinter brennt ein Gebäude. Das Publikum, das sieht man deutlich, kann sich nicht genau entscheiden, wo es denn nun hinschauen soll.

Vielleicht beschreibt dieses Foto das Dilemma von "No Sports" am besten. Der Titel droht womöglich, sich in Beliebigkeit zu verlieren. Dem von vorne bis hinten grundsoliden, mit ganzer publizistischer Kompetenz konzipierten Titel fehlt womöglich das besondere Etwas, das, was die Menschen am Kiosk zugreifen lässt. Der etwas schnippische Charme einer "11 Freunde". Oder die Faszination eines "Stern Crime", an dem Gruner + Jahr nun schon eine ganze Weile große Freude hat. Das brennende Gebäude im Hintergrund eben.

Bleibt zu hoffen, dass Köster und Co. bereits fleißig an Ausgabe zwei zündeln. Und dabei vielleicht mehr als nun ein Haus in Brand setzen. Zu wünschen es ihnen. Denn nach den jüngsten Horror-Nachrichten für Print, vor denen auch Gruner + Jahr nicht verschont geblieben ist, wären Erfolgsmeldungen mal wieder bitter nötig. ire

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