Nach #verafake und Schmähgedicht

Jan Böhmermann ist für unsere Medienlandschaft unverzichtbar

Montag, 16. Mai 2016
Nach der Affäre um sein Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Erdogan verschwand Jan Böhmermann fünf Wochen lang von der Bildfläche. Nun ist er wieder zurück - und wie: Der #verafake-Coup zeigt, wie wichtig er für unsere Medienlandschaft ist.
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Jan Böhmermann wallrafft sich nach oben: Undercover konnte bisher vor allem ausgerechnet RTL. Nun schlägt Böhmermann den Sender mit dessen eigenen Mitteln. Er schleuste einen Kandidaten bei "Schwiegertochter gesucht" ein und ließ darüber hinaus den Casting-Prozess mit versteckter Kamera dokumentieren. RTL steht nun ziemlich bedröppelt da und gestand Fehler ein – einige Produktionsmitarbeiter wurden sogar ihrer Aufgabe entbunden.



Nun steht Böhmermann wahrlich nicht zum ersten Mal im Rampenlicht wegen einer seiner Aktionen. Die Affäre um sein Schmähgedicht auf Erdogan hallt immer noch nach. Diese Aufregung war allerdings ungeplant. Böhmermann hat die Auswirkungen ganz klar unterschätzt. Da gab es aber auch noch "Varoufake", als Böhmermann und sein Team halb Deutschland tagelang an der Nase herumführten. Ebenfalls nicht zu vergessen der grandiose China-Streich, als Böhmermann sogar Altmeister Stefan Raab hereinlegte. Zumindest in Sachen TV-Humor stehen die beiden inzwischen wohl auf einer Stufe.

Allerdings unterscheidet sie eine wesentliche Sache: Raab hat seine Opfer nicht selten persönlich (etwa die "Maschendrahtzaun"-Lady Regina Zindler) oder unter der Gürtellinie (Model Lisa Loch) angegangen. Böhmermann hingegen gelingt es regelmäßig, andere vorzuführen, ohne sie emotional zu verletzen.


Vielmehr deckt er immer wieder auf, welche Absurditäten die deutsche Medienlandschaft hervorbringen kann, wenn man nur an den richtigen Schrauben dreht. Mit seinem Schmähgedicht und #verafake hat Böhmermann nun jedoch erstmalig keine lustigen Spielereien geliefert, sondern ernstzunehmende Beiträge zu wichtigen Diskursen. Wenn er nach Herzenslust spinnen will, hat er ja auch seinen neuen Podcast bei Spotify gemeinsam mit Olli Schulz (Hier die Reaktionen zur ersten Sendung).

Und noch etwas kann Böhmermann wie kein Zweiter: Er hat es mittlerweile zur Perfektion gebracht, seine Sendung noch vor der Ausstrahlung im linearen TV im Netz zum Gesprächsthema zu machen. Die Abrufzahlen, die das "Neo Magazin Royale" im Internet erreicht, sind phänomenal, von Böhmermann gesetzte Hashtags trenden quasi unter Garantie, und Medien landauf landab greifen die Sendungsthemen auf. Das ist zielgruppengerecht und erhöht die Reichweite eines Formats, das ohne die perfekte Orchestrierung von TV und Internet wohl dazu verdammt wäre, ein Nischen-Dasein zu fristen. Manch einem reicht das aber noch nicht: Noch vor wenigen Tagen wünschte sich Marc Röhlig auf bento, Böhmermann möge mehr echte Recherche betreiben: "Macht Journalismus, nur in lustig!", so seine Forderung. Mission erfüllt, könnte man sagen: #verafake kam mit den Methoden des investigativen Journalismus zustande und war im Ergebnis durchaus amüsant – obwohl einem an der einen oder anderen Stelle das Lachen im Halse stecken bleibt.

Wie man Humor und Information vermischt, sodass unter dem Strich sowohl Unterhaltung als auch Erkenntnis stehen, beweist Showmaster John Oliver in den USA regelmäßig. Von einem Kaliber wie Oliver ist Böhmernann zwar noch weit entfernt. Mit #verafake beweist Böhmermann allerdings, dass er nicht nur pöbeln und blödeln kann. Vor allem beweist er aber, dass das deutsche Fernsehen derzeit nicht viel Besseres zu bieten hat als ihn. ire

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