Musikstreaming

Was Amazons Angriff für Spotify und Co bedeutet

Freitag, 18. November 2016
Es war nur eine Frage der Zeit: In dieser Woche hat Amazon seinen reinen Audiostreaming-Dienst Music Unlimited auch in Deutschland verfügbar gemacht - und will den enteilten Marktführer Spotify auf lange Sicht ärgern. Wie kann das mit einem eigentlich branchenüblichen Angebot gelingen?
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Wenn sich ein unzufriedener Spotify-, Deezer- oder Tidal-Kunde dieser Tage mit dem Gedanken eines Wechsels zu Amazon Music Unlimited trägt und sich das Angebot des Online-Handelsriesen genauer anschaut, wird er kaum nennenswerte Unterschiede finden: Ähnlich wie bei der Konkurrenz kostet das werbefreie Abo-Modell 9,99 Euro im Monat, es gibt über 40 Millionen Songs und der Nutzer kann seine Lieblingssongs und -alben auch offline anhören. Dass Amazon genau wie Apple Music keine kostenlose "Freemium"-Variante anbietet, kann im Hinblick auf globale Marktzahlen, nach denen mittlerweile ein Drittel aller Musikstreaming-Nutzer ein kostenpflichtiges Abo bevorzugt, fast vernachlässigt werden. Die entscheidende Frage ist: Was kann Amazon Music Unlimited besser als Branchenprimus Spotify, der kürzlich die Marke von 40 Millionen zahlenden Kunden knackte?

Dass Amazon ein Meister der Kundenbindung ist, ist bekannt. Und genau auf diesen Vertrauensvorsprung dürfte das Unternehmen auch bei Music Unlimited bauen. Denn anders als Spotify und Deezer verfügt Amazon über einen immensen Kreis an Stammkunden, der durchaus gewillt sein könnte, auch in Sachen Musikstreaming auf Bewährtes zu setzen - und Amazon das Vertrauen zu schenken. Die Verantwortlichen bei dem Online-Riesen wissen das natürlich und sind deshalb gewillt, einen fließenden Übergang von den übrigen Dienstleistungen zu Music Unlimited und so eine einheitliche User Experience herzustellen. Prime-Kunden zahlen für den Streamingdienst daher nur 7,99 statt 9,99 Euro im Monat. Konsumenten, die künftig den vernetzten Lautsprecher Echo benutzen, bietet Amazon Music Unlimited sogar für nur 3,99 Euro an - wenn auch beschränkt auf eben dieses eine Gerät.

Viel entscheidender aber ist, dass sich Amazon bald mit einem exklusiven Zusatzangebot von den Wettbewerbern differenzieren kann, der Millionen Deutschen eine Herzensangelegenheit ist: König Fußball. Denn im Frühsommer sicherte sich der Konzern die Internet-Audio-Rechte für die Live-Übertragung der Bundesliga ab der nächsten Saison 2017/18. Amazon wird dabei via Music Unlimited sowohl Livestreams von den Einzelspielen der höchsten deutschen Spielklasse als auch der Konferenzschaltung anbieten.

Der Rechte-Coup zeigt, dass Amazon schon Monate vor dem Launch seines Musikstreamingdienstes seine Hausaufgaben gemacht hat. Denn auch die Konkurrenz kämpft darum, sich mit Exklusiv-Deals in dem jungen volatilen Markt langfristig Vorteile zu erarbeiten: So hat Spotify im Frühjahr mit viel Getöse die "Darlings" der deutschen Millennials-Generation Jan Böhmermann und Olli Schulz unter Vertrag genommen und strahlt seither exklusiv deren Podcast "Fest & Flauschig" aus. Apple Music setzt mit dem allseits beliebten "Carpool Karaoke" mit Late-Night-Talker James Corden dagegen bereits auf Video Content.

All diese Beispiele zeigen, worauf es in dem Markt ankommt: Indem die Anbieter es aufgeben, reine Musikdienste zu sein und stattdessen exklusiven Content in ihr Portfolio integrieren, sorgen sie dafür, dass sich der Markt allgemein schneller entwickelt, die Verbreitung von Musikstreaming weiter zunimmt - und die Zielgruppen breiter werden. Und in diesem Diversifikationsprozess mit offenem Ausgang hat Amazon vor allem dank der Bundesliga-Rechte nicht die schlechtesten Karten. tt
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