München, Ansbach & Co

Was die Terror-Nachrichten mit uns machen ...

Dienstag, 26. Juli 2016
Paris, Nizza, Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach. Was machen diese Geschichten mit mir? Nein, ich meine nicht die gesellschaftspolitischen Gedankenketten, die diese Terror- und Amokmeldungen knüpfen. Sondern: Was macht das alles mit mir persönlich? Ich habe mich bisher für völlig vorurteils-, misstrauens- und angstfrei gehalten, bis an die Grenze der Gleichgültigkeit. Bis vorhin, beim Mittagessen.
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Ein beliebtes und allzeit belebtes türkisches Restaurant am Hamburger Steindamm, mitten im bunten, spannenden, teilweise schönen und schwierigen Multikulti-Viertel St. Georg. Eine Gegend der Gegensätze: Luxussanierte Altbaupalastwohnungen, schwule Szene und Touristengruppen hier – Spielhallen, Sexshops, Handyläden, Prostitution, Rund-um-die-Uhr-Kneipen und Drogen dort. Und mittendrin: Dieses türkische Restaurant mit den besten Fleischspießen der Stadt.


An Sommertagen wie heute sind die Fensterwände ausgehängt, man sitzt gefühlt auf dem belebten Gehweg. Mittendrin im Gewusel, im vielsprachigen Stimmengewirr, in den Gerüchen vom Grill und vom Gemüseladen nebenan. Ein Logenplatz vor der Bühne da draußen. Und von dort betrachtet? Ein offenes Schaufenster mit vielen Menschen auf engem Raum, lachend, essend, sitzend. Mit Menschen wie mir.

Auf einmal
registriere ich auf der anderen Straßenseite diesen jüngeren Mann. Er steht da, schaut mal hier hin und mal dort hin, auch herüber zu uns ins Lokal. Warum trägt er an diesem warmen Hochsommermittag einen Hoodie mit hochgezogener Kapuze? Er geht ein paar langsame Schritte. Jetzt sehe ich den großen Rucksack auf seinem Rücken. Was ist da drin? Eine selbst gebastelte Bombe? Eine Axt? Ein Gewehr? Und warum stelle ich mir diese dämlichen Fragen? Er bleibt vor einem fensterlosen weißen Mercedes-Sprinter mit dem Aufdruck einer Autovermietung stehen, dreht um und geht zurück. Jetzt kann ich sein Gesicht erkennen. Was sehe und denke ich? Ja, genau. Sicherlich kein typischer Schwede. Ich schäme mich vor mir selbst.

Und
kann mich nicht mehr so richtig entspannen bei meinem Iskender Kebap, die Gedanken kreisen. Habe ja so viel gelesen in den vergangenen Tagen. Was ist, wenn der Mann …? In dieser Straße und drum herum gibt es alles, was religiöse, politische und sonstwie irre Fanatiker hassen. Und das wunderbare türkische Lokal: Treffen sich hier vor allem Erdogan-Anhänger? Oder eher seine Gegner? Wie militant sind jeweils deren Hamburger Speerspitzen? Und warum sind mir diese Fragen nicht völlig wurscht, während ich hier mein Fladenbrot breche? Bekommt mir die Hitze nicht? Während des Ramadan-Fastenmonats war es in dem Laden tagsüber gähnend leer, erst nach Sonnenuntergang floss der Ayran wieder in Strömen; Alkohol gibt es hier nicht, niemals.

Andererseits: Auf dem TV-Schirm an der Decke läuft Musikfernsehen, Taylor Swift räkelt sich im knappen blauen Kleidchen. Viel zu knapp für alle Religionen dieser Welt. Um mich herum: Kopftücher, Schleier, und manchmal sogar an den selben Tischen prächtige offene Frauenmähnen und Bauchfrei-Tops. Kaftan- und Anzugträger. Kinderwagen. Flip-Flop-Touristen mit Stadtplänen. Büro-Blackberrys und Pokémon-Handys. Das ganze pralle bunte und gegenseitig tolerante Leben also. Und da drüben dieser Mann im grauen Hoodie.

Er macht nichts anderes als herumstehen, langsam auf und abgehen und gucken. Mit seinem Rucksack. Warum sollte ich mich sorgen? Tue ich auch nicht! Trotzdem ertappe ich mich beim Gedanken, was ich tun würde, wenn … Unter den Tisch kriechen? Auf die Toilette flüchten? Ihm entgegen gehen, damit es schnell vorbei ist mit mir, ohne langes Leiden? Stopp!

Was soll das? Ich will weiterhin auf Konzerte gehen, auf Promenaden flanieren, in Züge steigen und in Einkaufszentren und Lokale gehen, ohne zu meinen, Menschen misstrauisch mustern zu müssen. Und ohne mir Gedanken zu machen – zumindest nicht diese. Fanatisierte, irre Gruppen oder Einzeltäter rauben ihren Opfern das Leben und bringen Leid über deren Angehörige und Freunde. Doch gewonnen hätten sie erst dann, wenn sie in der Gesellschaft dauerhaft Argwohn säen, Furcht- und Fluchtgedanken auslösen und unser Verhalten verändern könnten. Nee Leute, nicht mit mir.

Eigentlich habe ich ja gar nicht so viel Zeit heute – trotzdem nehme ich noch den Tee aufs Haus. Und nicht Reißaus. Jetzt erst recht! Beim Zuckerumrühren sehe ich schließlich, dass ein älterer roter Madza vor dem Kapuzenmann hält. Der steigt ein, der Wagen fährt fort.

Auch wenn ich es nicht wahrhaben will – ich verspüre Erleichterung. Und zugleich ärgere ich mich über mich. Daher: Obwohl ich sonst nur alle paar Wochen einmal hier esse, nehme ich mir auf dem Heimweg vor, schon bald wiederzukommen. Gleich morgen oder übermorgen. Ganz gezielt und nicht bloß, weil ich gerade in der Nähe bin. Und ich nehme mir vor, dann nicht besonders auf die Leute auf der Straße zu achten. Mich vielleicht sogar mit dem Rücken zur Fensterfront zu setzen. Und wie sonst oft beim Mittagessen Zeitung oder Smartphone-Nachrichten zu lesen – was auch immer darin dann wieder stehen mag. rp



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