Mathias Döpfner

Der Traum vom globalen Internet-Medienhaus

Montag, 01. Juni 2015
Vor knapp einem Jahr hat Mathias Döpfner in der „FAZ“ mit seiner Angst vor der Google-Macht für heftige Diskussionen gesorgt. Nun wittert er im Interview in der „Süddeutsche Zeitung“ deutlich „Morgenluft“. Zwischen den Zeilen nimmt der Traum von einem internationalen Internet-Medienhaus mit Hauptsitz Berlin Gestalt an.

Was war das noch im April 2014 für ein apokalyptisches Szenario: In der „FAZ“ beschwor Döpfner eine Art Endzeitstimmung für die deutsche Medienindustrie. Unternehmen wie Google oder Facebook, so Döpfner damals,  würden für eine dramatische „Enteignung von Inhalten“ sorgen.  Dabei ging es Döpfner nach eigener Aussage nicht nur um die aussichtlose Konkurrenz gegen übermächtige US-Konzerne, sondern generell um „unsere Werte, unser Menschenbild, unsere Gesellschaftsordnung und die Zukunft Europas“. Als Leser hatte man den Eindruck: Es geht nicht um Tod oder Leben – sondern um viel mehr.



Döpfner geht es auch im Juni 2015 noch um das Große und Ganze. Aber anstatt pauschal über die vermeintlichen Super-Monopolisten aus den USA zu jammern, gilt für Springer jetzt die Devise: „Teile – und versuche wenigstens ein bisschen mitzuherrschen.“ Google attackiert man über das Leistungschutzrecht und die EU-Kommission; mit Facebook verbindet Axel Springer bekanntlich eine innige Kooperation in Sachen Instant Articles; und das eigene Internet-Business bekommt vor allen Dingen eine internationale Perspektive.

Axel Springer  im Jahr 2015 ist ein anderes Medienhaus als Axel Springer im Jahr 2014.

1. Axel Springer und T-Online

Es ist schon eine Weile her, dass Axel Springer und die Deutsche Telekom beim Onlinemarketing kooperierten. 2007 kaufte Axel Springer der Telekom dann die 37-Prozent-Beteiligung an  Bild.T-Online ab. Seitdem Anfang 2008 ging man getrennte Wege. Dennoch wurde Axel Springer in den letzten Wochen immer wieder als ein Hauptinteressent für den Kauf von T-Online genannt. Meine Vermutung: Es waren nicht nur die Preisvorstellungen der Deutschen Telekom oder die komplizierte marken- wie kartellrechtliche Lage, die Axel Springer dazu bewogen haben, Nein zu sagen. Der eigentliche Grund: T-Online passt nicht – mehr – in die Gesamtstrategie. „Wir beschäftigen uns mit anderen  Sachen“ als der Übernahme von T-Online, sagt Döpfner den „SZ“-Fragern Varinia Bernau und Caspar Busse. Konkret: „Uns interessiert derzeit besonders der englische Sprachraum.“  Das ist locker-lässig ausgeprochen, hat aber enorme Bedeutung: Axel Springer will es wissen – allerdings nicht unbedingt auf deutschem, sondern vor allen Dingen auf internationalem, am besten globalen Terrain. Schon im vergangenen Jahr hatte Axel Springer die „internationale Expansion der Digitalaktivitäten systematisch“ (Geschäftsbericht) vorangetrieben: Die Auslandserlöse stiegen um über 12 Prozent auf über 1,3 Milliarden Euro. 41,6 Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschaftet Axel Springer außerhalb Deutschlands.

2. Der Mythos vom Untergang des Journalismus

„Bitte lieber Gott, lass das Internet verschwinden und gib mir meinen alten Printjournalismus zurück.“ So oder ähnlich geht das Klagelied vieler Journalisten, die auch im Jahr 2015 noch vom Jahr 1985 träumen: Das wirkt so lebensecht wie das Geheule von Musikexperten, für die die Geschichte des Rock’n' Roll seit den Rolling Stones beendet ist. Ex-„Wiwo“-Chefredakteur Roland Tichy hat sich in einer Kolumne über das Gejammer zum vermeintlichen Niedergang des Journalismus – in dessen Chor interessanterweise auch Vertreter des neuen Journalismus wie Richard Gutjahr eingestimmt haben - lustig gemacht. Tichys Punkte, warum das Internet gut für den Journalismus ist, sollen hier nicht nacherzählt werden.

Ich will den Blick auf einen anderen Punkt richten: Es gab vermutlich in den letzten 10 Jahren keinen solchen Hype und kein so großes Investoren-Interesse an Medien-Neugründungen wie derzeit. Hier will Axel Springer gehörig mitmischen.

3. Der neue Investoren-Hype um Medien

Medien, genauer Internetmedien, sind bei Venture-Capital-Unternehmen schwer in. Die optimistische Annahme der Investoren: Man kann im Internet mit Journalismus allen Unkenrufen zum Trotz Geld verdienen. Das ist die Good News. Die Bad News: Die Gründungen und das Geld für die internationale Expansion kommen fast ausschließlich aus den USA: Business Insider, Buzzfeed, Politico, Vox Media, Re/Code, Quartz, Daily Beast und andere werden derzeit von Investoren getätschelt, weil die Reichweite irgendwann monetarisiert werden kann. Auf die „SZ“-Frage, warum die neuen Angebote und Medienhäuser aus den USA kommen, antwortet Döpfner: „Wir haben hier in Europa einfach zu lange geschlafen.“ Europäische Schlafmützigkeit ist sicher ein Grund dafür, warum Deutschland in Fragen digitaler Wirtschaft hinter den USA liegt.

HORIZONT Digital Days
Ob und in welcher Intensität Social Media genutzt werden soll, ist einer der Schwerpunktthemen der HORIZONT Digital Days am 13. Und 14. Juli in Berlin. Am ersten Tag beschäftigen sich Redner wie Christoph Bornschein, Torben, Lucas und die gelbe Gefahr, Marc Sasserath, Sasserath Munzinger Plus, Thomas de Buhr, Twitter, Klaus Goldhammer, Goldmedia, Matthias Schäfer, Interone, Benedikt Schaumann, Nestlé, Philiüüe Bernecker, Divimove und Nicolas Lindken alias Tense, worauf es bei Sozialen Netzwerken wirklich ankommt. Der zweite Konferenztag ist ein Learning Day: Andreas Bersch, Gründer Futurebiz, untersucht die Erfolgsfaktoren für Marketing auf Facebook, Instagram und Pinterest. Wer wissen will, worauf es im Digitalbusiness ankommt, darf die HORIZONT Digital Days nicht versäumen. Weitere Infos und Anmeldung auf der Website der Conference Group
Aber der Axel-Springer-CEO macht es sich hier zu einfach. T3N-Kolumnist Martin Weigert hat vor kurzem in anderem Zusammenhang präzise („Ich hätte gerne ein Freibier – und eine europäische Antwort auf Google!“) formuliert, warum Europa nicht an der Schlafmützigkeit scheitert. Wir brauchen vor allen Dingen auch eine andere Politik, Kultur, Einsatzbereitschaft und Geschwindigkeit, mit der wir Neues angehen.

Axel Springer ist hier ganz weit vorne, was man auch an vermeintlichen Nebensächlichkeiten merkt. „Früher“, erzählt Döpfner der „SZ“, „sahen Weihnachtsfeiern bei Axel Springer so aus: 95 Prozent weiße Männer über 50 Jahren im schwarzen Anzug; man hat am Buffet Lachs-Canapees gegessen und ist um elf Uhr nach Hause gegangen. Jetzt war das eher wie im Berghain. Die Party musste um 6.25 Uhr beendet werden.“

4. Deutscher Berufstraum: Founder?!?

Diese juvenile Form der Kulturrevolution durchleben nicht viele Medienhäuser. Nach dem abgrundtiefen Pessimismus des Vorjahres ist Döpfner nun fast überoptimistisch: „Früher wollte ein Siebenjähriger Feuerwehrmann werden, heute Founder.“ Na ja, schön wärs. Die deutsche Startup-Szene ist viel größer und lebendiger, als oft angenommen (und Axel Springer spielt hier keine unbedeutende Rolle). Und bei der Frankfurter Investoren- und Start-up-Konferenz Growthcon  appellierte Fredrik Harkort, Chef der international agierenden Social Media Interactive, an die begeisterten Gäste: „Leute gründet, das ist geil!“ Dennoch gehört Start-up-Feeling (noch) nicht zum deutschen Kulturgut. Bei solchen Äußerungen hat man den Eindruck, dass der so scharfsinnige Blick mancher Experten und Kenner bisweilen durch den eigenen Erfolg oder den Aufenthalt in Silicon Valley eine rosarote Tönung annimmt.

5. Die internationale Perspektive

Was sich Axel Springer freilich leisten kann. Das Unternehmen hat sich mit sieben Prozent an Business Insider – dem derzeitigen Paradebeispiel für neuen Wirtschaftsjournalismus aus den USA -  beteiligt und ist Partner der europäischen Ausgabe der US-Politsite Politico. Es ist die richtige Strategie, sich an solchen Gründungen zu beteiligen. Denn es gibt auch einen ganz pragmatischen Grund, warum Medien-Innovationen vor allen Dingen aus den USA kommen. Der deutsche Sprachraum ist vergleichsweise klein, was bedeutet: die Wachstums- und damit auch Erlösperspektiven sind vergleichsweise klein, das Interesse von Investoren deshalb vergleichsweise gering.

Kleineren Medienhäusern dürfte diese internationale Klassengesellschft auf Dauer Probleme bereiten. So fürchtet beispielsweise FAZ-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron, dass wir  „ein Auseinanderklaffen zwischen den medialen Darstellungsmöglichkeiten der angelsächsischen und der kontinentaleuropäischen Welt erleben werden“. Axel Springer ist nicht nur größer, sondern denkt größer als die „FAZ“: „Wir wollen im englischsprachigen Raum wachsen, und gerade da sind die Größenordnungen oft anders“, sagt Döpfner.  „Warum sind wir nicht in der Lage, ähnliche Angebote wie Business Insider aus dem Boden zu stampfen?“ Das sagt nicht etwa Mathias Döpfner, sondern der Internet-Unternehmer Philipp Westermeyer („Online Marketing Rockstars“) in HORIZONT Online. Und er gibt sich die optimistische Antwort gleich mit: „Ich glaube, wenn sich hierzulande ein Unternehmer, der sich im VC-Bereich auskennt, mit Top-Journalisten und Technik-Spezialisten zusammentäte, könnte man ein tolles Angebot auf die Beine bringen.“ Das hätte auch der Mathias Döpfner des Jahres 2015 sagen können.




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