Fabian Müller

Fabian Müller

Krautreporter im HORIZONT-Check Mehr als Kraut und Rüben

Montag, 27. Oktober 2014
Oliver Kahn würde sagen: Da ist das Ding! Lange haben Community, Medien und Journalismus-Interessierte auf den Start der Krautreporter gewartet, jetzt ist das Crowdfunding-Projekt unter der Leitung von Sebastian Esser, Philipp Schwörbel und Alexander von Streit an den Start gegangen. Ursprünglich einmal angetreten, um ein neues Geschäftsmodell für Online-Journalismus zu etablieren, dämpfen die Krautreporter heute die Erwartungen und hoffen mehrdeutig auf "Zeit für Journalismus" - und die gilt es nun zu nutzen.
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Krautreporter Sebastian Esser Stefan Niggemeier


Der größte Feind der Krautreporter ist die Erwartungshaltung. Manch einer erwartet von dem Projekt, das in seiner Finanzierungsphase immerhin knapp eine Million Euro eingesammelt hat, gleichermaßen die Rettung und die Zukunft des Journalismus' zu sein. Vorneweg: Diese Hoffnungen wird Krautreporter nicht erfüllen können. Das weiß eigentlich schon der gesunde Menschenverstand und das beweist der Blick auf die am Freitag gestartete Website. Denn dort halten sich die Macher ziemlich genau an die Ansagen, die Herausgeber Esser bei HORIZONT und auch anderswo seit Monaten verbreitet.

Die Inhalte

Esser sagt, vielen Medien seien Klicks wichtiger als Geschichten. Stimmt. Deshalb setzen die Krautreporter auf gute, vor allem gut recherchierte Texte. Reportagen, Interviews, Videos, Fotos, Deeplinks - schon wenige Tage nach dem Start zeigt sich die große Bandbreite. Aber (und auch das hat Esser vorher angekündigt): Es sind keine Geschichten, die man nicht anderswo schon gelesen hat oder anderswo lesen könnte. Hier liegt vielleicht eine Schwäche des Projekts, das auf autarke Autoren setzt: Die dürfen schreiben, worüber sie wollen, so viel sie wollen. Stefan Niggemeier arbeitet sich etwa über 4673 Wörter (!) an Udo Ulfkottes Buch "Gekaufte Journalisten" ab. Wenn eine Geschichte das trägt - und in diesem Fall tut sie es - ist das natürlich auch ein Vorteil gegenüber redaktionellen Vorgaben.
Krautreporter
© Foto: Krautreporter

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Crowdfunding Krautreporter starten heute - mit gedämpften Erwartungen

Die Seite

Krautreporter.de kommt schlicht, aufgeräumt daher, zumindest optisch. Das Design erinnert an ein gut gemachtes Wordpress-Blog. Links eine Leiste mit allen Texten, wahlweise nach Autoren geordnet, rechts dann der Artikel. Und die sind vor allem eins: Lang. Was auch daran liegt, dass unter jedem Text gleich der nächste Beitrag folgt. Diese Longform ist ungewohnt. Von einigen Kinderkrankheiten wie falschen Umbrüchen abgesehen, funktioniert die Page aber auf jedem Display und in jedem Browser. Die Krautreporter verzichten bewusst auf Ressortzwänge, sondern ordnen nur nach Autoren. Der Übersichtlichkeit aber ist es nicht förderlich; man könnte - diese Anspielung sei erlaubt - etwas überspitzt von "Kraut und Rüben" sprechen. Bei Niggemeier, Thomas Wiegold oder Thilo Jung könnte das aufgrund ihrer Prominenz funktionieren. Mache User dürften sich am Handling aber stören.

Der Mehrwert

Registrierte, das heißt zahlende Mitglieder, dürfen alle Texte lesen, haben Zugriff auf Recherchematerial (zum Beispiel die vollständigen Antworten aus einem Interview), können an Krautreporter-Veranstaltungen und -Workshops teilnehmen und dürfen Beiträge kommentieren und Kommentare lesen. Klingt zunächst einmal nach einem überschaubaren Mehrwert gegenüber allen Nichtzahlern, die ebenfalls werbefrei auf die Texte zugreifen können. Die Kommentarfunktion ist aber ausgeklügelt, erstmals überhaupt können sich die Leser explizit zu einzelnen Textpassagen äußern. Das hat dann etwas von der Kommentarfunktion in Microsoft Word. Gleichzeitig heben die Krautreporter die Autoren-Leser-Beziehung so auf eine neue Ebene. Die Schreiber werden sich dementsprechend vor lückenhafter Recherche oder Passagen, die den Faktencheck nicht bestehen, hüten. Ob man dafür nun 60 Euro zahlen muss, gerade als "Normalsterblicher" außerhalb der Medien-Bubble, ohne Berufsethos oder -empathie, das sei jedem selbst überlassen.
Teil der Krautreporter: Thilo Jung mit seinem Video-Blog
Teil der Krautreporter: Thilo Jung mit seinem Video-Blog (© Screenshot: Krautreporter.de)

Das Fazit

Die Krautreporter sind da und es war durchaus klug, dass Sebastian Esser vorher noch einmal explizit die Erwartungen gedämpft hat. Denn die waren und sind teilweise immer noch riesig. Der Start kann deshalb nicht enttäuschen, es war vorher bekannt, was kommen wird - auch wenn es manch einem zu wenig außergewöhnlich und revolutionär sein dürfte. Krautreporter will (und muss!) von Woche zu Woche besser werden, aber genau das ist auch Essers Plan. "Permanent beta" nennt er den momentanen Status. Aber: Der Anfang ist gemacht und er ist weitgehend gelungen. "Zeit für Journalismus" also. Bleiben zwei Dinge zu hoffen: Erstens, dass die User und vor allem die zahlenden Mitglieder den Krautreportern die Zeit lassen, sich zu entwickeln und zu verbessern. Und zweitens, dass die Krautreporter diese Zeit auch sinnvoll nutzen. fam
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