Volker Schütz

Volker Schütz

Krautreporter Auf dem Weg ins Nichts?

Montag, 14. September 2015
Selten hat ein publizistisches Projekt in Deutschland so viele Vorschusslorbeeren bekommen wie die Krautreporter. Doch selten wurde ein Journalisten-Projekte auch so peinlich vergeigt wie der anspruchsvolle Versuch, Online-Journalismus neu zu erfinden. Nun wird Krautreporter "dicht" gemacht: Die Artikel können sich ab Mitte Oktober nur zahlende Mitglieder anschauen. Der nächste Schritt in die Bedeutungslosigkeit ist programmiert.

Eigentlich könnte es einem mittlerweile fast egal sein, ob Krautreporter frei lesbar ist oder nur den zahlenden Genossenschaftlern: Auch in der freien Version wurde die Website in der großen wie der kleinen Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Von daher könnte man zynisch sagen: Jetzt auf Paid Content umzustellen, ist der konsequent durchgedachte Schritt auf dem Weg in die vollkommene publizistische Bedeutungslosigkeit.

Sebastian Esser, Krautreporter
© Krautreporter

Mehr zum Thema

Krautreporter Zweiter Anlauf zur Rettung des Online-Journalismus

De facto zeugt der Schritt erneut vom Geschick seiner Macher, von einem Fettnäpfchen ins nächste zu stolpern (Wer sich die Fehltritte noch einmal zu Gemüte führen will, wird hier fündig).

Die Umstellung begründen Sebastian Esser und Philipp Schwörbel folgendermaßen: „Erstens ist es fairer. Viele Mitglieder haben uns im Lauf des vergangenen Jahres gefragt, warum sie für etwas zahlen sollen, was andere kostenlos erhalten. Dieses „Trittbrettfahrerproblem“(collective action problem) lösen wir. Zweitens: Wir wollen weiter wachsen.“

Weiter wachsen? Ähhh, wie soll das funktionieren, wenn man für potenzielle Leser nicht erreichbar ist? Glaubt Ihr wirklich, es wird viel bringen, die zahlenden Leser als "Vertriebsleute" einzuspannen (Mitglieder können Artikel nämlich an Freunde und Follower verschenken).

HORIZONT  Online hatte in der ersten Phase der – oft verordneten – Paid-Content-Euphorie nach dem Crash der New Economy das Angebot nur Abonnenten zugänglich gemacht. Das war damals ein wirklich fataler Fehler, weil die Zugriffe und Werbeumsätze sich ziemlich schnell Richtung Nirwana zu verflüchtigen drohten.

„Krautreporter will nicht mehr mitreden, sondern nur noch Selbstgespräche führen.“
Wem will also Krautreporter künftig etwas Gutes tun?  Offensichtlich den zahlenden Mitgliedern. Doch was kann es für eine Meinungsplattform Schlimmeres geben als die Überzeugung, mit der  „Preaching to the saved“-Attitüde könnte man ausreichend Relevanz und Interesse erzeugen.

Wenn ich das richtig verstehe (ich war das erste Jahr auch Supporter) wurde Krautreporter vor allen Dingen als offene, diskursive journalistische Alternative zu den herrschenden Mainstream-Medien (ja, inklusive Medien wie HORIZONT Online)  gegründet. Das war damals schon anmaßend und arrogant formuliert ("Der Online-Journalismus ist kaputt."). Jetzt schrumpft man das eigene Angebot wissentlich zu einer bedeutungslosen Club-Veranstaltung.

K
rautreporter will nicht mehr mitreden, sondern nur noch Selbstgespräche führen. Von mir aus. Ich mag keine Sekten. vs

HORIZONT Newsletter Vor 9 Newsletter

Als Erster informiert sein? Ja, klar!

 


Meist gelesen
stats