Hype um die Hoodies

Selfies helfen niemandem

Montag, 24. März 2014
Als Medienschaffender kam man in den vergangenen Stunden kaum an ihnen vorbei: Der Kapuzenpulli und der Hoodiejournalismus. Sie wurden zu Schlagworten einer Debatte, die mehr verdient hätte, als ein paar mehr oder weniger lustige Selfies. Denn dies wäre eine hervorragende Gelegenheit für Online-Journalisten, wirklich in eigener Sache zu werben.


Es gibt da einen Witz: Treffen sich zwei Hellseher. Fragt der eine: "Kommst du mit?" Antwort: "Nee, war schon da." Ähnlich wie den beiden übersinnlich Veranlagten in diesem kleinen Scherzchen geht es den Beteiligten in der "Hoodie"-Debatte. Sie wissen scheinbar jeweils so gut über den anderen Bescheid, dass eine wirkliche Diskussion nicht mehr notzutun scheint und beide kurzerhand unverrichteter Dinge von Dannen ziehen. Die Frage, ob es nicht für beide ein lohnenswertes Ziel gegeben hätte, bleibt unbewantwortet.

Die Person Stefan Plöchinger ist lediglich ein Symbol für eine Thematik, deren Zusammenhang etwas größer ist. Karsten Lohmeyer hat es jedenfalls gut auf den Punkt gebracht: "Also stellen wir an dieser Stelle mal ganz kurz fest: Stefan Plöchinger ist ein Journalist. Und zwar ein guter", schreibt der "Lousy Pennies"-Betreiber auf Carta.info. Das ist eigentlich schon alles, was es zum Online-Chef der "SZ" diesbezüglich zu sagen gibt. Aber: Abseits all der ganzen Soli-Tweets und Selfie-Hoodies kam kaum eine Diskussion darüber auf, wie tief die Gräben zwischen Print und Online im Medien-Deutschland des Jahres 2014 eigentlich immer noch sind - und was es braucht, um sie zuzuschütten. Gut, könnte man sagen, es wäre nicht das erste Mal, dass von "verstockten deutschen Printredaktionen" die Rede gewesen wäre. Aber ist die Frage, wie man alte und neue Medien innerhalb einer Redaktion zu einer möglichst erfolgreichen Zusammenarbeit bringt, nicht so wichtig, dass sie immer und immer wieder gestellt werden sollte?

"Mich befremdet, dass es bisher nicht im Ansatz zu einer Sachdiskussion gekommen ist", schreibt denn auch Christoph Kappes in einem bemerkenswerten Beitrag auf seinem eigenen Blog. Eine mögliche Erklärung liefert er gleich mit: Weil es unsagbar schwer ist, Antworten zu finden. Dabei lägen einige Überlegungen durchaus nahe: "Wie wäre es gewesen, großartige Texte von Online-Journalisten zu verlinken?", fragt Kappes. Diese Anregung aufgreifend, hätte man einen Blick in die Liste mit den Vorschlägen für den Grimme Online Award werfen können. Dort finden sich zahlreiche journalistische Projekte, hinter denen renommierte Medienmarken stehen: "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (etwa hier), "Spiegel" (etwa hier) oder, siehe da, "Süddeutsche Zeitung" (etwa hier). Alles Beispiele dafür, welch hervorragende Journalisten und auch Geschichtenerzähler in diesen Redaktionen sitzen. Und am Ende sollte die konkrete Arbeit eines Journalisten, ob Print oder Online, doch eigentlich Überzeugungsarbeit genug leisten können.



Niemand, der noch einigermaßen bei Trost ist, bestreitet, dass eine gute Medienmarke, die traditionell auf eine starke gedruckte Ausgabe Wert legt, heute auch einen schnellen, optisch ansprechenden Online-Auftritt mit qualitativ hochwertigen journalistischen Texten braucht. Und diese werden - siehe die Wortmeldung von Frank Schirrmacher zur Hoodie-Debatte - nicht von Managern oder Robotern entwickelt, sondern von Journalisten. Das ist die eigentliche Botschaft. All jene, die mit ihren Kapuzen-Selbstporträts einen Standpunkt klarmachen und sich mit dem Online-Lager solidarisieren wollen, leisten jedoch keinen Beitrag zum Vorankommen der Debatte. Dass sie es nicht gekonnt hätten, mag man sich nicht vorstellen - unter ihnen sind absolute Top-Leute. Was nicht ist, wird also hoffentlich noch.

Und am Ende fehlt unter all diesen Soli-Tweets vielleicht auch noch jenes Bild, das die in dieser Debatte nötige Aussage getroffen hätte: Print-Redakteur und Online-Journalist auf einem Foto, eine gedruckte Zeitung in der Hand, im Hintergrund ein Bildschirm, auf dem der Online-Auftritt des jeweiligen Titels geöffnet ist. Denn die einen können heute nicht mehr ohne die anderen und umgekehrt. Vor allem aber: Die einen können nicht mehr als die anderen - und umgekehrt. ire


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