Kommentar

Warum der Facebook-Pranger der "Bild" richtig ist

Dienstag, 20. Oktober 2015
Die "Bild" stellt geistige Brandstifter, die bei Facebook gegen Ausländer und Flüchtlinge hetzen, mit Fotos und Klarnamen an den Pranger. Eine typische "Bild"-Aktion ohne Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte? Ja, eindeutig. Allerdings suchen die Verfasser der fremdenfeindlichen Kommentare mit Facebook selbst die ganz große Bühne – und müssen nun mit den Konsequenzen leben.
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Es gibt einen weit verbreiteten Irrtum über Facebook: Für die meisten Nutzer ist das soziale Netzwerk eine Art digitales Poesiealbum, in dem man sich vor Freunden, Verwandten und Kollegen präsentieren und produzieren kann. Das typische Facebook-Profil beinhaltet mehr oder weniger angeberische Fotos aus dem Urlaub, von der Party am Wochenende, vom neuen Auto. Wer etwas auf Facebook postet, sucht nach Anerkennung – je mehr Likes, desto besser.

Das gleiche gilt für Meinungsäußerungen. Viele Nutzer begreifen Facebook als Stammtisch, an dem man seine Meinung in einem mehr oder weniger geschützten Raum mit Gleichgesinnten teilt. Wenn mal der Nachbartisch mithört oder anderer Meinung ist – auch kein Problem. Abgestimmt wird per Like-Button. Allerdings ist Facebook weder ein privates Poesiealbum noch der Stammtisch. Wer sich in dem sozialen Netzwerk äußert, tut dies eben nicht in einem privaten Rahmen, sondern quasi öffentlich. Allein in Deutschland hat Facebook rund 28 Millionen Nutzer – die potenziell jedes gepostete Foto sehen, jeden Kommentar lesen können.

Anders als Stammtischparolen können Hass-Postings im Internet eine ungleich höhere Wirkung entfalten. Wer bei Facebook gegen Flüchtlinge hetzt und zu Gewalt aufruft, animiert damit potenziell gewaltbereite Täter. "Wer Hass sät, wird Gewalt ernten. Das können wir nicht zulassen, da müssen wir Stopp rufen", begründet Bild-Chef Kai Diekmann die Aktion.

Die Fakten sprechen für sich: Die Anzahl der fremdenfeindlichen Übergriffe und Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte steigt. In Köln wurde die OB-Kandidatin Henriette Reker, die sich für Flüchtlinge engagiert, auf offener Straße niedergestochen. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat gegen drei Facebook-Manager ein Ermittlungsverfahren wegen der vorsätzlichen Beihilfe zur Volksverhetzung eingeleitet.

Wer bei Facebook zu Gewalt und Fremdenhass aufruft, tut dies in aller Öffentlichkeit - und muss mit den hoffentlich daraus folgenden strafrechtlichen Konsequenzen leben. Aber auch damit, von der "Bild" an den "Pranger der Schande" gestellt zu werden. dh




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